„Die Sorgen der Bürger ernst nehmen“

Die Schlüssel zum Mühldorfer Landratsamt wechselten am vergangenen Donnerstagabend von Landrat Georg Huber zu seinem Nachfolger Max Heimerl (links). Bauer
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Die Schlüssel zum Mühldorfer Landratsamt wechselten am vergangenen Donnerstagabend von Landrat Georg Huber zu seinem Nachfolger Max Heimerl (links). Bauer

Mühldorf. – 18 Jahre stand Georg Huber an der Spitze des Landkreises Mühldorf.

Seine Amtszeit als Landrat geht zu Ende. Wir sprachen mit Georg Huber über die 18 Jahre, die nicht immer leichten Entscheidungen und die großen Krisen, die in diese Amtszeit fielen. In seiner Amtszeit wurde viel bewegt und der Landkreis Mühldorf hat ein anderes Gesicht bekommen, als vor 18 Jahren.

Wie fühlen Sie sich nach 18 Jahren, wenn Sie das Mühldorfer Landratsamt verlassen?

Georg Huber: Ich gebe zu, ich habe mir das Ende meiner Amtszeit etwas anders vorgestellt. Aber es hilft nichts. Im Leben kommt es oft anders, als man denkt. Die Corona-Pandemie hat Politik, Verwaltung, das Gesundheitswesen, die Wirtschaft, die gesamte Gesellschaft vor eine riesengroße Herausforderung gestellt. Auch ich beschäftige mich seit Wochen täglich fast ausschließlich mit dem Thema Corona.

Kann mich leider nicht persönlich verabschieden

Veranstaltungen, die mir sehr am Herzen lagen, wie zum Beispiel die Sportlerehrung des Landkreises, mussten abgesagt werden. Schade finde ich auch, dass ich mich von vielen Weggefährten nicht mehr persönlich verabschieden kann. Sei es bei den Kreisräten, Bürgermeistern, Behördenvertretern und auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Landratsamtes. Aber ich hoffe doch, dass ich den ein oder anderen nach dieser Krise wieder treffe. Wenn ich auf die 18 Jahre meiner Amtszeit zurückblicke, verspüre ich große Dankbarkeit. Dankbarkeit für das, dass ich dieses Amt so lange ausführen durfte und auch konnte. Ich war sehr gerne und mit großer Leidenschaft Landrat dieses schönen Landkreises Mühldorf a. Inn. Ich danke aber auch meiner Familie – allen voran meiner Frau – die mich immer unterstützt hat, damit ich mich mit voller Kraft diesem Amt widmen konnte. Jetzt freue ich mich auf den kommenden neuen Lebensabschnitt und ich hoffe, dass ich die neu gewonne Zeit mit meiner Familie und auch mit Freunden gesund genießen kann.

Haben Sie alle vorgenommenen Ziele in diesen 18 Jahren verwirklichen können?

Huber: Im Großen und Ganzen ja. Aber nicht alles ist planbar. Das führt uns die gegenwärtige Situation vor Augen. Auch die Flüchtlingskrise 2015 war so ein tiefer Einschnitt, wo es einfach darum ging, die Lage zum Wohle der Menschen bestmöglich zu bewältigen. Man kann sich viel vornehmen und doch muss man sich dann stets auf die jeweils aktuelle Herausforderung einstellen. Die wesentlichen Ziele, die ich mir vorgenommen hatte, konnte ich umsetzen. Wobei ich an dieser Stelle betonen möchte, dass man in der Politik und in der Funktion als Landrat, der ja gerne mit einem Augenzwinkern als Fürst bezeichnet wird, kein Einzelkämpfer ist. Alles, was ich anpacken und umsetzen konnte, war nur möglich, weil die Kreistagskolleginnen und -kollegen, aber ganz besonders meine hoch motivierte, fachlich sehr kompetente und nachhaltig leistungsfähige Verwaltung sehr schlüssig, loyal, pragmatisch und zielorientiert hinter mir standen. Es waren sehr arbeitsintensive Jahre – gerade auch wenn ich an das letzte Jahr mit der Klinikfusion denke. Besonders am Herzen lag mir auch das Thema Bildung, denn ich sehe Bildung als die Basis für die gute und nachhaltige Persönlichkeitsentwicklung jedes einzelnen Menschen, für wirtschaftlichen Erfolg und sozialen Frieden. Für mich war es aber auch immer sehr wichtig, Bildung vom frühkindlichen Bereich an über die schulische, berufliche Aus- und Weiterbildung bis hin zur akademischen Bildung zu denken und auch pragmatisch in die Umsetzung zu bringen. Die Einrichtung eines Ablegers der TH Rosenheim ist ein Glücksfall für den Landkreis Mühldorf. Die Technische Hochschule Rosenheim mit Professor Heinrich Köster war und ist ein verlässlicher und gewinnbringender Partner. Auch unser Landtagsabgeordneter Dr. Marcel Huber hatte einen wesentlichen Anteil, dass der Campus Mühldorf realisiert werden konnte. Dafür allen Beteiligten ein großes Dankeschön. Mit der Gründung des Zweckverbandes „Hochschulcampus Mühldorf- Waldkraiburg“ sind der Landkreis und die Städte Mühldorf und Waldkraiburg auch institutionell und finanziell gut aufgestellt. Im Wintersemester 2014/15 startete das Hochschulangebot mit dem berufsbegleitenden Studiengang Maschinenbau in den Räumen des Landratsamtes.

Zum Wohle der Bürger gearbeitet

Inzwischen werden am Campus im Industriepark fünf Studiengänge angeboten, rund 500 Studierende sind eingeschrieben. Wir haben gemeinsam, Kreistag und Verwaltung, zum Wohle unseres Landkreises und der Bürgerinnen und Bürger Ziele und Projekte angestoßen und umgesetzt. Und ich lege großen Wert darauf zu sagen „zusammen! Denn vieles wurde im Kreistag einstimmig beschlossen.

Welche Entscheidungen würden Sie als die wichtigsten in Ihrer Amtszeit bezeichnen?

Huber:Eine der wichtigsten Entscheidungen war sicher die bereits genannte Fusion der Kreiskliniken Mühldorf mit den Kliniken Altötting und Burghausen. Wie wichtig und richtig diese Fusion genau zu diesem Zeitpunkt war, zeigt auch die momentane Krise. Dank der Fusion der Häuser ist es uns gelungen, die Mühldorfer Klinik zum Covid-Zentrum für beide Landkreise zu machen und im Altöttinger Haus alle anderen Akutfälle zu behandeln. Hier haben uns quasi die Ereignisse eingeholt. Noch bevor das InnKlinikum Altötting und Mühldorf mit 1. April 2020 rechtlich fusioniert war, arbeiteten die Häuser schon eng zusammen, um die bestmögliche medizinische Versorgung der Bevölkerung in dieser Corona-Pandemie zu gewährleisten.

Was wird aus der Mühldorfer Klinik nach der Corona-Pandemie?

Huber: Es geht aber jetzt auch schon darum, dass nach Abklingen der Pandemie das Mühldorfer Haus, gemäß dem im Fusionsvertrag festgehaltenen medizinischen Konzept, wieder in eine intensiv medizinische Klinik mit den vereinbarten Fachrichtungen zurückgeführt wird. Einen großen Schwerpunkt meiner Arbeit habe ich auch auf das Thema Erziehung und Bildung gelegt. Die Zertifizierung zur Bildungsregion sehe ich als Bestätigung für unsere Bemühungen in diesem Bereich. Der Schwerpunkt meiner Arbeit auf dem Weg zur Bildungsregion lag jedoch nicht nur auf den akademischen Angeboten, sondern von der frühkindlichen, schulischen bis hin zur beruflichen Fort- und Weiterbildung. In den 18 Jahren meiner Verantwortung für die Kommunalpolitik wurde in die landkreiseigenen Schulen mit rund 75 Millionen Euro enorm investiert.

75 Millionen Euro in Bildung investiert

Auch für die Umsetzung der Digitalisierung des gesamten Landratsamtes und Schulen sind große Summen geflossen und für die Zukunft bereits beschlossen und eingeplant. Die Bedeutung der Digitalisierung führt uns gerade auch die momentane Krise vor Augen. Zu Beginn meiner Amtszeit 2002 waren sicherlich die zukunftsfähige Aufstellung unserer Kliniken und die Konsolidierung der Abfallwirtschaft ein großer Schwerpunkt. Die Einführung von gelber Sack und blauer Tonne sowie die Weiterentwicklung der Wertstoffhof-Standorte waren wesentlich. Vergleicht man die Müllgebühren, lag 2004 die Grundgebühr bei 10,20 Euro pro Monat und die Müllgebühr bei 7,80 Euro. 2020 liegen die monatliche Grundgebühr bei 1,20 Euro und die Müllgebühr bei 3,60 Euro.

Wie haben Sie Ihr Versprechen, die Schulden des Landkreises zu reduzieren, umgesetzt?

Huber:Ein Kraftakt war auch die Haushalts-Konsolidierung. Um einen genehmigungsfähigen Haushalt darzustellen sowie Investitionen und Schuldenabbau in den Griff zu bekommen, musste 2004 die Kreisumlage erhöht werden. Im Laufe der Jahre konnte die Verschuldung auf rund 47 Millionen Euro gesenkt werden. Durch die wirtschaftlich sehr starken Jahre konnten allein in den vergangenen zehn Jahren rund 29 Millionen Euro Schulden abgebaut werden, demgegenüber standen Investitionen von über 100 Millionen Euro.

Weitere Meilensteine waren die Neustrukturierung des gesamten Landratsamt-Areals mit dem Umzug der Arbeitsagentur, mit der Einrichtung der IHK-Geschäftsstelle und der IHK-Akademie und die Renovierung und der Aufbau eines weiteren Geschosses am Landratsamt im Rahmen des Konjunkturpaketes 2008. Die Serviceleistungen wurden ausgebaut und mit der Eröffnung der KFZ-Zulassung in Waldkraiburg und des KFZ-Servicezentrums in Mühldorf-Nord sowie den Bürgerbüros in Haag, Waldkraiburg und Neumarkt St. Veit konnten wir den Bürgern vor Ort Anlaufstellen bieten. Im Kinder- und Jugendbereich wie auch im Sozialbereich wurde verstärkt auf Prävention gesetzt. Mit Arbeitsagentur und Jobcenter wurde 2007 ein soziales Kompetenzzentrum eingerichtet.

Besonderer Dankan die Mitarbeiter

Huber:Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Etablierung der Kreis- und Regionalentwicklung mit verschiedenen Handlungsfeldern. Daraus entstanden sind das ÖPNV Gesamtkonzept, viele Projekte im Bereich Energie- und Klimaschutz sowie die Förderung der heimischen Unternehmen.

Bei all den Themen und Projekten, die vom Kreistag beschlossen wurden, haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landratsamtes auch in Zusammenarbeit mit den Städten, Märkten und Gemeinden Enormes geleistet.

Und deshalb sind die Ergebnisse all der Entscheidungen und Beschlüsse dem hervorragenden Engagement und der Leistung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu verdanken.

Wie hat die Corona-Pandemie Ihre letzten Amtswochen geprägt?

Huber: Seit Mitte März haben wir in Bayern den Katastrophenfall und die Bewältigung der Krise ist im Landratsamt eine tagtägliche Herausforderung. So sind auch meine letzten Amtswochen natürlich fast ausschließlich von der Krise geprägt. Jeden Tag in der Früh trifft sich der Krisenstab aus Vertretern des Gesundheitsamtes, Versorgungsarzt und Katas trophenschutz. Hier wird die aktuelle Lage mit den Fallzahlen und Lösungen für anstehende Probleme besprochen. Beispielsweise wurde im Krisenstab auch die Einrichtung einer Schwerpunktpraxis entschieden. Der Bedarf der persönlichen Schutz-Ausrüstung ist bei jeder Lagebesprechung immer ein wichtiges Thema.

Welche Maßnahmen standen am Anfang der Krise?

Huber: Zu Beginn der Krise waren FFP2-Masken und Desinfektionsmittel Mangelware, jetzt sind es die Schutzkittel. Gottseidank gelingt es immer wieder, über dezentrale Beschaffungen den Bedarf zu decken. Wir sind sehr froh, dass auch heimische Betriebe in die Produktion von persönlicher Schutzausrüstung und Lieferung von Desinfektionsmitteln eingestiegen sind. Gleichzeitig stehen wir in engem Austausch mit der Klinik Mühldorf, in der Covid positv getesteten Fälle und die Verdachtsfälle mit schwerem Verlauf stationär behandelt werden. Ein weiterer wichtiger Bereich sind die Alten- und Pflegeeinrichtungen bei uns im Landkreis. Mit Hochdruck arbeitet der Krisenstab im Landratsamt daran, auch hierfür die nötige Schutzausrüstung bereitzuhalten bzw. zu liefern. Darüber hinaus mussten wir den Dienstbetrieb im Landratsamt auf die aktuelle Situation zum Schutz der Bürger und Mitarbeiter einschränken.

Wie haben Sie die personellen Anforderungen umgesetzt?

Huber: Wegen des hohen Arbeitsaufwandes an besonders relevanten Stellen wie zum Beispiel Gesundheitsamt zur Ermittlung von Personen, die mit Erkrankten Kontakt hatten, Führerscheinstelle oder Bürgertelefon wurden die Mitarbeiter anderer Fachbereiche für prioritäre Aufgaben umgeschichtet. Im Bereich der laufenden Verwaltung betreuen und begleiten wir bei Dienstleistungen wie zum Beispiel die KFZ-Zulassung zur Sicherstellung des Warenverkehrs, die Beratung von Unternehmen, die von den Einschränkungen besonders betroffen sind oder die Beratung von Familien und Senioren vorzugsweise telefonisch. Der Publikumsverkehr ist eingeschränkt, Landratsamt und Außenstellen sind grundsätzlich geschlossen. Wir sind jedoch telefonisch und online für die Anliegen da bzw. in dringenden Fällen werden auch nach vorheriger Anmeldung Termine vergeben.

Was für eine persönliche Bilanz ziehen Sie nach 18 Jahren Amtszeit?

Huber: Mein Verständnis von Politik und vor allem auch von Kommunalpolitik ist Dienstleistung. Das finde ich, ist auch ganz wörtlich zu nehmen, Dienst leisten zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger. Nicht nur in meinen 18 Jahren als Landrat, auch vorher als Bürgermeister war es mir ein großes Anliegen, die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger ernst zu nehmen und sich darum zu kümmern. Mit dieser meiner Einstellung konnte ich aber nicht allen Menschen zu ihrer Zufriedenheit helfen. Gesetze und Verordnungen gaben auch der Verwaltung und mir einen entsprechenden Rahmen, in dem ich mich bewegen, und woran ich mich halten muss. Wenn ich aber Menschen, bei welchen Problemen auch immer, helfen konnte, dann hat mich das sehr erfüllt. Das war auch mein Antrieb, mich für die Kommunalpolitik und damit für die nachhaltige Entwicklung unseres Landkreises einzusetzen. Besonders in Erinnerung werden mir die vielen Begegnungen mit den verschiedensten Menschen bei Veranstaltungen, Festen, Sitzungen und Besprechungen bleiben.

Was werden Sie in Ihrem Ruhestand unternehmen und was werden Sie mit Sicherheit nicht machen?

Huber:Zunächst einmal hoffe ich, dass wir gesund über diese Krise kommen. Auf der Liste ganz oben steht, viel Zeit mit der Familie und den beiden Enkelkindern zu verbringen. Aufgrund von Corona kommen die Kinder derzeit nicht. Darum freue ich mich am Allermeisten drauf, nach dem Ausgehverbot wieder über die Generationen hinweg als Familie zusammen sein zu können und gemeinsam viel Freizeit zu verbringen. Da ich ein leidenschaftlicher Gartler bin, werde ich viel Zeit unserem großen Garten widmen. Außerdem plane ich, mein Segelboot, das derzeit eingelagert ist, auf Vordermann zu bringen. Wenn es wieder zulässig ist, möchte ich gerne wieder segeln. Der nächste Winter, so hoffe ich, kommt bestimmt. Da gilt es meinem zweiten Hobby, dem Skifahren, viel Zeit einzuräumen. Was ich mit Sicherheit nicht machen werde, mich in die Kommunalpolitik einzumischen und meinem Nachfolger kluge Ratschläge zu geben. Interview: Josef Bauer

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