Sechs Kommunalpolitiker scheiden aus dem Mühldorfer Stadtrat aus

Rainer Schratt

Wenn der neue Stadtrat in Mühldorf zusammenrtritt, sind sechs Mitglieder nicht mehr dabei: Franz Essl (FM), Anneliese Hohenester (UWG), Josef Wimmer (SPD), Oskar Rau (Bündnis 90/Die Grünen), Rainer Schratt (SPD) und Dr. Norbert Schön (CSU).

Franz Essl (FM): „In der Politik sollte man diplomatisches Geschick haben.

Der pensionierte Eisenbahner sitzt seit 1990 im Stadtrat, der 74-Jährige war zunächst Mitglied der SPD-Fraktion, er war lange Verkehrs- und Umweltreferat inne. „Ob es nun die 1000-Seelen-Gemeinde oder Berlin ist – Politik läuft überall gleich. Ungestüm vorzupreschen, bringt nicht viel“, erzählt der Familienvater, der als junger Mann in der Kommunalpolitik auch erst einmal Lehrgeld habe zahlen müssen. Mit der Zeit lerne man, diplomatisch geschickter zu handeln und vieles über den ‚kleinen Dienstweg‘ zu erreichen.

Und da hat Franz Essl in seiner 30-jährigen Ratszeit so manches auf die Beine stellen können. „Es sind die vielen kleinen Dinge, die in der städtischen Politik wichtig sind!“ Ob es um das Verbot von Plastikgeschirr bei Festen, Baumschutz oder die Einrichtung der ersten Tempo-30-Zonen geht. Alles sei von Bedeutung für die Bürger. Als besonders wichtig erachtet Essl, dass man den Globus nach Mühldorf holen und dabei den Einzelhandel mit einem ‚Wirtschaftsforum‘ mitnehmen konnte.

Essl erinnert sich besonders an Auseinandersetzungen mit dem damaligen Bürgermeister Günther Knoblauch, vor allem nach dem Austritt Essls aus der SPD 2005. Er bildete eine neue Gemeinschaft mit Kollegen anderer Parteien und gründete die Freien Mühldorfer (FM). Die Anerkennung der Fraktionsgemeinschaft musste die FM allerdings erst vor dem Münchner Verwaltungsgericht gegen den heftigen Widerstand Knoblauchs erstreiten. Es folgte eine Zeit mit heftigen Debatten im Stadtrat, die allerdings mit Amtsantritt von Marianne Zollner wieder in etwas ruhigeres Fahrwasser geraten sei, erzählt Franz Essl.

„Beleidigt darf man in der Politik aber nicht sein. Da kommt man nicht weit!“. Seit der letzten Legislaturperiode habe sich unter Bürgermeisterin Zollner nicht nur das Klima unter den Räten sehr gebessert; plötzlich war wieder vieles möglich. Ohne viel Zeit- und Bürokratieaufwand. Besonders gern erinnert sich Essl an das, was er als seinen letzten großen ‚Coup‘ zusammen mit Oskar Rau (Grüne) bezeichnet, als der Stadtrat die Entscheidung rückgängig machte, das Essen für städtische Kinderbetreuungseinrichtungen in Graz kochen zu lassen.

Nach 30 Jahren im Stadtrat möchte Essl seine Freizeit genießen und hin und wieder seinen Sohn in dessen Tiroler Domizil besuchen. „Hier bin ich dann eher Hausmeister denn Politiker“, lacht er. Und in dieser Natur auf Schwammerlsuche zu gehen, macht auch genauso gute Laune.

Anneliese Hohenester (UWG): „Als Stadtrat muss man immer ein offenes Ohr haben.“

Nach vier Legislaturperioden im Mühldorfer Stadtrat möchte Anneliese Hohenester Platz für die Jungen machen. Um die Zukunft ist es der 71-Jährigen, die seit 1996 für die UWG im Rat saß, nicht bange. Übernimmt doch mit Michael Hetzl ein Nachwuchspolitiker der Unabhängigen Mühldorfer aus der Vereinigung zwischen FM und UWG das höchste Amt der Stadt.

Ihre Expertise hat die langjährige Kommunalpolitikerin, die nach dem Tod ihres Mannes rund 30 Jahre lang die Metzgerei Hohenester in der Bräugasse allein geführt hatte, besonders im Rechnungsprüfungsausschuss eingebracht. Einnahmen und Ausgaben. Da kennt sich die Geschäftsführerin aus. Auch wenn es manchmal Konflikte auszutragen galt – zusammen Lösungen zu suchen, gemeinsam etwas voranbringen, das mache Politik aus, ist sich Hohenester sicher. Und freilich die Verpflichtung den Bürgern gegenüber nicht zu vergessen! Sich ihre Sorgen und Anliegen anhören, immer ein offenes Ohr haben, ob nun bei Bürgerversammlungen oder auf der Straße und im Geschäft, darum gehe es eben auch.

Die Parkplatzsituation, Nahversorgung oder auch das Altstadtfest, das zahlreiche Anwohner ob der Lautstärke zeitweilig aus der Innenstadt zu vertreiben scheint, waren ihre Themen. Dazu die Zuwanderung und damit verbunden die Kita-Versorgung und der Streit um das denkmalgeschützte Haus am ‚Stadtplatz 58‘

Auch wenn Hohenester ihre Arbeit im Stadtrat jetzt niederlegt, will sie als Ansprechpartnerin erhalten bleiben. Schließlich kenne man sich zum Teil seit 30, 40 oder gar 50 Jahren! Um auch zu den älteren Weggefährten oder auch Kunden den Kontakt zu halten, besucht sie seit nunmehr zwei Jahren regelmäßig Seniorenheime.

Josef Wimmer (SPD): „Das Wohl der Stadt steht vor den persönlichen Wünschen.“

Bevor er 1996 in den Mühldorfer Stadtrat gewählt wurde, hatte der Lokführer in seiner Heimatgemeinde Flossing bereits Jahre Erfahrungen als Gemeinderat sammeln können. Dabei hat er sich besonders gern für den Sport eingebracht – als Kreisobmann des Bayerischen Eissport-Verbands. Von Beginn an, bis auf die letzten sechs Jahre seiner Amtszeit, hat er als Sportreferent gearbeitet, der 74-Jährigen nennt aus dieser Zeit unter anderem die Stadtmeisterschaft im Eisstockschießen.

Wimmer hielt Kontakt zu den Vereinen, setzte sich für die Nachwuchsförderung ein und ließ keine Sportveranstaltung aus, mal bei den Sportschützen, mal bei den Fußballern. „Gerade unter den Fußballern der einzelnen Ortsteile hat es schon gekracht“, erinnert sich Josef Wimmer, der mit einem Sportstammtisch versucht hat, die Streithähne zur Kooperation zu bringen. Und es hat funktioniert. Auch weil der damalige Bürgermeister Günther Knoblauch stark dahinter gestanden habe. Eine wichtige Etappe sei auch der Kauf des ESV-Sportgeländes durch die Stadt gewesen.

Wimmer arbeitete im Bauausschuss und im Rechnungsprüfungsausschuss sowie im Aufsichtsrat der Stadtwerke mit. Was ihm besonders am Herzen lag? Ganz klar, der Schulstandort Mühldorf. Der Bau der Mittelschule sei eine wichtige Entscheidung gewesen. Und nun der Hochschulstandort. „Bildung ist schließlich ein wichtiges Gut!“ Und dann wäre ja noch die Nordtangente, die Günther Knoblauch in die Wege geleitet hat.

Enttäuscht blickt er auf die erfolglose Initiative zum Bau eines Fußballzentrums in Altmühldorf. „Man muss halt in der Politik auch mal die persönlichen Präferenzen und Wünsche hintanstellen!“, sagt er. Das Wohl der Stadt geht eben vor. In dem Fall der Hochwasserschutz.

Und heute muss sich Josef Wimmer auch noch einem anderen Zwang beugen: Seine Gesundheit mache eine neuerliche Amtsperiode einfach nicht mehr mit. Dafür geht es ab jetzt vermehrt raus in die Natur. Hecken zuschneiden in seinem Garten in der Kleingartenanlage der Mühldorfer Gartenfreunde, deren Vorstand er ist und bleibt.

Oskar Rau (Bündnis 90/Die Grünen): „Der Ton macht die Politik.“

Der Grünen-Politiker und Umweltreferent im Mühldorfer Stadtrat Oskar Rau hört nach 18 Jahren und drei Legislaturperioden auf. Der 77-Jährige will mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Dem Schutz der Natur fühlt er sich aber weiterhin verpflichtet, er bleibt im Bund Naturschutz aktiv.

„Es ist vieles in der Stadt vorangegangen“, ist sich der Elektroingenieur sicher. Die Grünen Stadträte hätten nicht nur ihre Anzahl im Gremium im Lauf der Jahre erhöhen können – bei der jüngsten Wahl kamen sie auf fünf Räte –, sondern auch mit ihrer Arbeit dafür gesorgt, dass Natur- und Umweltschutz in fast allen Parteiprogrammen fest verankert ist. „Gerade die letzten sechs Jahre unter Bürgermeisterin Marianne Zollner haben sich sehr gut entwickelt.“

Rau verweist unter anderem auf den neuen Flächennutzungsplan, bei dem die Bürger einbezogen worden seien. Und worauf er besonders stolz ist: Die Stadt übernehme endlich Verantwortung für die Bäume! 2019/20 seien das erste Mal keine Bäume wegen herabfallender Äste gefällt, sondern lediglich zugeschnitten worden.

Er habe sich gegen die Erhöhung der Gebühren der Musikschule verwehrt und sich für Investitionen für Kinder und Jugendliche eingesetzt. „Kinder halten die Stadt schließlich jung!“

In dem Bereich sei viel geschehen. Nicht zu vergessen: den Campus Mühldorf, zu dessen Finanzierung der Landkreis ins Boot geholt worden sei. Bei so vielen positiven Entwicklungen kann es Oskar Rau verschmerzen, ein paar Male nicht mit seinen Ideen angekommen zu sein, wie zum Beispiel der, das Kletterzentrum des Alpenvereins nach Mühldorf zu holen oder Umweltaudits bei Stadt und städtischen Betrieben einzuführen.

Dabei waren die Jahre nicht immer harmonisch, erinnert er wie Essl an den Streit um die Bildung der Fraktionsgemeinschaft mit Politikern von ehemalig SPD, UWG und FDP. Den daraus entstandenen Freien Mühldorfern ist er aber nicht beigetreten. „Ich bin von Natur aus grün.“

Ihm sei es stets darum, gegangen, den richtigen Ton zu wahren und den Kollegen Respekt zu zollen. „Viele konnten nicht verstehen, dass man sich erst im Stadtrat streitet und dann gemeinsam ein Bier trinken geht.“

Rainer Schratt (SPD): „Ich bin Mühldorfer mit Leib und Seele“

Wer – so wie Rainer Schratt – in einem Haus direkt am Mühldorfer Stadtplatz zur Welt kam, der muss ein Mühldorfer mit Leib und Seele sein! Und als Teil einer politischen interessierten Familie findet man eben irgendwann auch den Weg in die Kommunalpolitik. Für den Stadtrat kandidiert hat das SPD-Mitglied 2002, mit Anschub durch den damaligen Bürgermeister Günther Knoblauch. Schratts Bruder war zu der Zeit nach 30 Jahren im Gremium für die UWG ausgeschieden. „Jetzt sah ich meine Zeit gekommen“, lacht der Familienvater, der seit den 1960er Jahren bei der AOK gearbeitet hat. Und das mit Erfolg! Gleich beim ersten Anlauf rund 3400 Stimmen errungen und insgesamt auf dem sechsten Platz gelandet – daskönne sich doch sehen lassen, sagt er.

Ganz besonders am Herzen lag dem passionierten Musiker und Klavierspieler aber seine Arbeit als Kulturreferent. Ein ‚Geschenk‘ sei diese Aufgabe für ihn gewesen. „Hier musst du als Referent dem Vertrauen nachkommen und Anerkennung zeigen.“ Er besuchte Kulturveranstaltungen und ließ dabei dabei auch kein Blockflötenkonzert der Musikschule aus. Schratt schmunzelt. Das sei mitunter schon anstrengend gewesen. Als Kulturreferent war er automatisch im Vorstand diverser Kultur- und Bildungseinrichtungen wie zum Beispiel der Mühldorfer Sommerakademie oder der Volkshochschule.

Dennoch habe er sich nur schweren Herzens dazu entschlossen, den Stadtrat und das Kulturreferat zu verlassen. Der Gesundheit zuliebe. Schließlich gingen manche Diskussionen im Gremium eben auch an die Substanz.

Wichtig war Rainer Schratt neben der Kultur auch das Leben und Stadtbild von Mühldorf. Den Stadtplatz mit Leben füllen, wozu eben auch ein pulsierendes Geschäftsleben ohne Leerstände sowie eine entspannte Parksituation gehören. „Unser Stadtplatz, der zu den schönsten bayernweit gehört, ist ein Anziehungspunkt gerade auch für Nicht-Mühldorfer!“

Er will sich jetzt mehr Zeit und Muße für andere Dinge nehmen. Neben seiner Familie kann er als leidenschaftlicher Fotograf auf Motivjagd gehen. Und dann wäre ja noch die Mühldorfer Swingstreet Bigband, für die er weiterhin in die Tasten greift..

Dr. med. Norbert Schön war sechs Jahre seit 2014 für die CSU im Stadtrat. Er stand wegen der Corona-Krise nicht für ein Interview zur Verfügung.

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