Nähe trotz Schutzanzug: Pflegerin des Hospizvereins Mühldorf über ihre Aufgabe in Corona-Zeiten

Ohne Schutzmaske und Mundschutz bekommen Patienten Silvia Jäger vom Palliativdienst des Hospizvereines derzeit nicht zu sehen. Petzi

Körperliche Nähe, Anwesenheit, Da sein gehören zum Kern des Mühldorfer Anna Hospizvereins, der Sterbende begleitet und sie medizinisch betreut. In Corona-Zeiten keine leichte Aufgabe.

Von Nicole Petzi

Mühldorf – Silvia Jäger ist noch immer unterwegs. Neunmal am Tag pflegt sie schwerkranke, sterbende Menschen und betreut deren Angehörige. Mit mit Gesichtsvisier, Handschuhen und Mundschutz steht sie die „Palliativ Care-Pflegerin“ für vor der Haustür, wenn sie an die Arbeit geht. Direkten Kontakt zu den Kranken hat sie natürlich, die so wichtigen körperlichen Berührungen, ein in den Arm nehmen sind tabu, sagt sie.

„Natürlich bekommen das die Patienten mit“, sagt die 53-Jährige. Manche Angehörigen hätten so große Angst vor der Pandemie, dass sie den Pflegedienst abbestellt hätten. „Das geht nicht immer oder nur bis zu einem gewissen Maße gut. Solche Menschen sind dann sehr schnell am Rande ihrer Kapazitäten.“

24 Stunden in Bereitschaft

Zur täglichen Arbeit kommt Bereitschaftsdienst, zehn Mal im Monat steht sie 24 Stunden am Tag bereit. Auch nachts, wenn Patienten akut Hilfe brauchen. Wie wichtig das sein kann, weiß sie aus eigener schmerzhafter Erfahrung. Ihre Eltern starben kurz nacheinander an Tumoren, von ihr allein gepflegt. Besonders die letzte Nacht ihrer Mutter, in der sie vor Schmerzen schrie, habe sie sehr geprägt. So etwas alleine durchzustehen, das sei einfach nicht gut.

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Manche haben Angst, wenn Silvia Jäger an der Tür klopft

Und auch wenn es manche zunächst mit der Angst zu tun bekommen, wenn sie an die Tür klopfe, so überwiege doch die Dankbarkeit. „Sicher erinnere ich die Menschen daran, dass der Tod kommen wird. Aber davor sollte man sich nicht fürchten.“

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Jäger sieht ihre Aufgabe eben nicht nur in der Pflege der Todkranken. Ihnen gute letzte Wochen zu verschaffen und Zeit, mit sich und der Welt ins Reine zu kommen, darum gehe es auch. Stets im Kontakt mit einem Seelsorger und den Begleitern des Anna Hospizvereins. Man verfüge über ein großes Netz. Niemand solle durchfallen. „Es ist die Zeit, in der Dinge heilen können und in der die ganze Familie mit ins Boot geholt werden sollte.“

Eine, die in diesem Netz arbeitet, ist Carola Kammhuber, die die soziale Arbeit des Hospizvereins leitet und die Ehrenamtlichen koordiniert. Die 55-jährige Heldensteinerin arbeitet aber auch selbst im Hospizteam mit und betreut Patienten und Angehörige, derzeit aber nur von zu Hause.

Beistand aus dem Home-Office: Carola Kammhuber hält den Kontakt zu Angehörigen und Patienten mit Telefon und Computer. Sie sagt: „Wir sind trotzdem da.“

„Die Botschaft in der Krise kann nur lauten: Wir sind da!“ Auch wenn Beratung derzeit fast ausschließlich über das Telefon läuft. Es sei einfach hilfreich, in solchen Situationen zu wissen, dass sich Betroffene an jemanden wenden können, ist sich die vierfache Mutter sicher.

Abstandsregeln als Herausforderung

Die Abstandsregeln während der Corona-Krise seien eine Herausforderung für alle. Sterbe- und Trauerbegleitung sei nämlich in erster Linie Beziehungsarbeit. „Nur über den persönlichen Kontakt kann Vertrauen aufgebaut werden. Das ist immens wichtig.“

Viele fühlen sich derzeit abgeschnitten, manche Angehörige machen ihren Sorgen mit Vorwürfen Luft, andere seien dankbar, zumindest telefonisch Hilfe und Trost zu finden. Und freilich: Ohne direkten Kontakt fehlen der Augenschein und die Berührung. „Unser Team ist kreativ und flexibel.“ Kamhuber ist überzeugt, dass Verein und Klienten auch diese Phase meistern werde.

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Manche Angehörige, die gerade jetzt um ihre Liebsten trauern, haben es da schon schwerer. Beerdigungen können nicht mehr im regulären Rahmen stattfinden. Man fühle sich mitunter allein gelassen. Das könne durchaus zu Depressionen führen.

Wie sich Kamhuber selbst schützt und Kraft für ihre Arbeit findet? „Ich habe eine spirituelle Anbindung.“ Glauben sei wichtig. Gerade in der Trauerbegleitung. Das möchte sie den betroffenen Menschen mitgeben: Krisen sind zu bewältigen. Die Reise geht weiter.

Der Anna Hospizvereins ist erreichbar unter Telefon 08631/1857150. pet

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