Podcasts zu 30 Jahren Deutsche Einheit

Schulprojekt Gymnasium Waldkraiburg: Jugendliche haben keine Mauer in den Köpfen

Wie sie den Mauerfall und die Wiedervereinigung vor 30 Jahren erlebt hat, darüber spricht Geschichtslehrerin Gabriele von der Heyden bei einem Schulprojekt mit den Abiturienten Carolin Wieser (von links) Markus Hoffmann, Yannick Säckl und Melanie Kalocik.
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Wie sie den Mauerfall und die Wiedervereinigung vor 30 Jahren erlebt hat, darüber spricht Geschichtslehrerin Gabriele von der Heyden bei einem Schulprojekt mit den Abiturienten Carolin Wieser (von links) Markus Hoffmann, Yannick Säckl und Melanie Kalocik.

Stasi, Trabbi oder innerdeutsche Grenze: Jugendliche kennen dies nur aus Erzählungen oder Geschichtsbüchern. Vor 30 Jahren verschwand die DDR von der politischen Landkarte. Ein Geschichtskurs am Gymnasium Waldkraiburg interviewte sechs Zeitzeugen, für die Abiturienten selbst hat es die Unterscheidung Ost-West nie gegeben.

Gespräche mit:

  • Helmut Wittmann: Schulleiter am Gymnasium Waldkraiburg, 1989/90 Referendar in Coburg
  • Gabriele von der Heyden: Lehrkraft am Gymnasium Waldkraiburg (Deutsch, Geschichte), 1989/90 Geschichtsstudentin in Münster
  • Karin Sedlmayr: Lehrkraft am Gymnasium Waldkraiburg (Mathematik, Physik), 1989/90 Assistentin Physiklehrstuhl Universität Berlin
  • Peter Müller: pensionierter Lehrer mit Verwandtschaft im Osten (häufige Besuche in der DDR), 1989/90 Lehrer in Waldkraiburg
  • Dr. Uwe Jürgensen: Arzt im Ruhestand; in der DDR „Promiarzt“ am Regierungskrankenhaus, war als Leibarzt von Staatsratsvorsitzender Willi Stoph vorgesehen; nach Fluchtplänen Verhaftung (Hohenschönhausen); in den 80er Jahren von der Bundesrepublik freigekauft, 1989/90 Arzt in Mühldorf a. Inn
  • Jasmin Reindl: Lehrkraft am Gymnasium Waldkraiburg (Englisch, kath. Religieonslehre); Vater mit engen Beziehungen zum Sportleistungszentrum in Oberwiesenthal

Waldkraiburg – Seit 30 Jahren sind West- und Ostdeutschland wieder vereint: Nur knapp ein Jahr nach dem Mauerfall trat am 3. Oktober 1990 der Einigungsvertrag in Kraft, die Teilung Deutschlands nach 45 Jahren war damit Geschichte. Eine Geschichte, die Jugendliche heute nur von ihren Eltern und aus Büchern kennen. Eine Geschichte, die Abiturienten vom Waldkraiburger Gymnasium in Podcasts greifbar machen.

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„Ich hatte Angst vor dem Mauerfall, Angst vor den russischen Panzern. Die Vorgänge in Russland waren damals nicht zu durchschauen“, Geschichtslehrerin Gabriele von der Heyden erzählt von ihren damaligen Gefühlen, die ihr historisches Denken geprägt hätten. Sie ist eine von sechs Zeitzeugen, die ein Geschichtskurs der Q 12 zum Tag der Einheit interviewt. „Meine Mutter war als Kind aus der DDR geflohen und wir hatten dort Verwandtschaft. Mein Wunsch war es, dass alles gewaltfrei passiert“, erzählt sie weiter. Persönliche Einblicke, die die Schüler kaum kennen.

In Ost und West wird nicht unterschieden

„Das meiste zur Wiedervereinigung habe ich im Unterricht erfahren, weniger von den Eltern“, sagt Yannick Säckl. Keine Emotionen, nur Fakten. Seine Generation kennt kein geteiltes Deutschland, keine innerdeutsche Grenze. „Es ist nicht vorstellbar, dass Deutschland getrennt war“, erklärt Melanie Kalocik.

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Selbst Gabriele von der Heyden war vor dem Mauerfall nie in der DDR. Erst sehr spät habe es ein Wiedersehen mit der Verwandtschaft gegeben. „Es war eine gesellschaftlich und sozial schwierige Wiedervereinigung und ist in dieser Hinsicht bis heute nicht abgeschlossen“, bewertet es die Historikerin.

Sehen die Jugendlichen das ähnlich? „Ich kenne es nur als ganzes Deutschland“, sagt Jakob Tochtermann. Die Unterscheidung in „Ost“ und „West“ macht er nicht. Auch für Sybille Biliuta war die Einheit nie ein Thema. „Das spielt in der Gegenwart keine Rolle, für mich gibt es keine zwei Hälften.“ Wie es allerdings ist, auf der Flucht zu sein, weiß sie von ihrem Vater. Der war vor der Diktatur in Rumänien mit nur einem Rucksack geflohen.

Interviews machen Geschichte spannend

Die Bilder vom Mauerfall und die Hintergründe zur Wiedervereinigung kennen die Jugendlichen aus Büchern und Filmen. Emotional nahe kommt das Thema damit aber kaum jemanden. Ganz anders die Interviews, die persönliche Erinnerungen nahe bringen und die Geschichte wiederbeleben. „Die Berichte der Zeitzeugen machen die Geschichte viel spannender und zeigen, dass das erst vor 30 Jahren passiert ist“, findet Antonia Beckmann.

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Das Schulprojekt begleitet Geschichtslehrer Werner Paukner, der selbst als Jugendlicher die Wende erlebt hat. „Für alle, die nach der Wende geboren wurden, ist das Thema Einheit weit weg. Sie sind das grenzenlose Reisen innerhalb Europas gewohnt.“ Eine Mauer und ein Ostdeutschland gebe es in deren Köpfen nicht. Dass die Einheit eine Generation dauern würde, war schon damals klar. „Nur weil man etwas möchte, lässt es sich trotzdem nicht schnell durchziehen“, meint Paukner.

Ist der Prozess der Wiedervereinigung abgeschlossen? Nach 30 Jahren mag Deutschland nicht in allen Bereichen zusammengewachsen sein. Doch die Generation der Nachwendekinder hat nie einen Schnitt zwischen Ost und West gemacht. „Ost oder West – für uns existiert nur Deutschland“, betont Merrick Kluge. Ein ehemals geteiltes Land? Dieses Bild existiert für die Jugendlichen in Büchern, nicht aber in deren Köpfen.

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