Schorsch, das älteste Familienmitglied: Warum Michael aus Töging seinen Trabi nie verkaufen würde

Erinnerungen an die DDR:Der Trabi von Michael Wegner ist Baujahr 1962. Enzinger

Nach der Wende suchte der Wahltöginger sein Glück im Westen – und hat dieses auch gefunden. Erst viel später holte der Familienvater Opas Trabi nach Bayern. Er selbst hat ihn aber noch nie gefahren.

Töging – „Er ist ein Familienmitglied. Unser ältestes“, verrät Michael Wegner über den karamell-braunen Trabi in seiner Einfahrt. In der Tat hat der Oldtimer etwas Persönliches an sich, mit viel Fantasie mag man sogar ein freundliches Gesicht am Kühler erkennen, unterhalb der großen und stolzen Buchstaben, die sich in Chrom-Optik zum Namen „Trabant“ aneinanderreihen. Die Zierleisten um das Firmenemblem der Sachsenring Automobilwerke Zwickau scheinen zum Lächeln geformt, die Scheinwerfer wirken wie Glubschaugen. Eine Ausstrahlung, der sich auch Michael Wegner nicht entziehen konnte. „Er heißt Schorsch!“, klärt er grinsend auf, Baujahr 1962, ein Trabi der ersten Generation.

Die Zierleisten zum Lächeln geformt: Gibt es einen freundlicheren Kühlergrill?

DDR-Mobil zählt schon 57 Jahre

Seit 2015 verbringt das 57-jährige DDR-Mobil, das schon Großvater Erich gesteuert hatte, seinen Lebensabend in Töging. Damals hatte ihn Michael Wegner zu sich nach Hause geholt, nachdem sein ehemaliges Zuhause aufgelöst worden war.

Die Eltern sind dann doch geblieben

Zuhause, das war für den 37-jährigen Töginger ursprünglich das Dorf Calbitz in Nordsachsen. Dort ist Wegner aufgewachsen. Dort hat er die Wende 1989 erlebt. „Was man eben so als Siebenjähriger so mitbekommt“, schränkt Wegner gleich ein. Er könne sich aber noch gut daran erinnern, wie sehr seine Eltern in Aufruhr gewesen seien, als die Nachricht der Grenzöffnung via Fernsehgerät in die Wohnzimmer der damaligen DDR flimmerte. „Nach Berlin! Wir müssen los, schnell rüber, bevor sie es sich anders überlegen!“, das sei das Gebot der Stunde gewesen. Seine Eltern hätten dann aber doch abgewartet, seien geblieben und bekamen die Wende auch entsprechend zu spüren: „Fakt ist, dass damals fast jeder seinen Job verloren hat“, erinnert sich Wegner. 

Sein Vater, der Busfahrer war und täglich die LPG-Arbeiter befördert hätte, hatte plötzlich keine Fahrgäste mehr. Seine Mutter, damals im „Konsum“, einem Supermarkt, beschäftigt, habe ebenfalls ihre Arbeit verloren. „Mein Vater hat irgendwann eine Anstellung in einer Spedition bekommen, meine Mutter hat sich durchgeschlagen, unter anderem Fische und Geflügel verkauft. Der Sozialismus war weg, man musste sehen, wo man blieb!“, erzählt Michael Wegner.

Irgendwie erinnertdie karamell-braune Knutschkugel an Micky Maus.

Mit dem Mauerfall kam die Lethargie

Viele seien in ein Loch gefallen. „Vor der Wende hatte man alles, man musste sich um nichts kümmern, das hatte ja der Staat übernommen. Nach dem Mauerfall war plötzlich jeder auf sich alleine gestellt. Mit dem Kapitalismus konnten viele nichts anfangen – einige können es heute noch nicht!“, wagt Wegner eines Analyse dessen, was sich gerade in den neuen Ländern abspielt. Aus der Unzufriedenheit heraus sei Frust entstanden. Ein fruchtbarer Boden auch für die rechte Szene, „die war allerdings immer schon da!“

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Statt sich dieser Lethargie zu ergeben, zog er schon mit 16 Jahren von daheim aus – nach Leipzig. 1999 habe er dort seine Ausbildung zum IT-Systemelektroniker begonnen, 2002 ging er nach München, bildete sich weiter und heiratete am 2. Mai 2009. 2011 verschlug es ihn dann mit seiner Frau nach Töging, wo inzwischen zwei Söhne mit zwei und neun Jahren sowie eine dreijährige Tochter das Familienglück vervollständigen. Zusammen mit dem guten alten „Schorsch“.

Nach dem Tod seiner Eltern 2014 war er zurück in seine ehemalige Heimat gekehrt. Schweren Herzens verkaufte er 2015 das Haus, „das mein Vater mit viel Herzblut gebaut hatte. Jeden Stein hat er in der Hand gehalten“. So geräumig sei es geplant gewesen, dass es neben seiner Familie auch die seines Bruders, der heute in der Schweiz lebt, beherbergt hätte.

Die Fensterwaren in den 60er Jahren noch nicht zu kurbeln.

Dem Trabi fehlt lediglich die Batterie

Viel Wehmut schwingt mit bei den Erinnerungen. Und doch bereut Michael Wegner keine Minute den Schritt, den Osten verlassen zu haben. Selbst wenn der Kontakt zu den Eltern darunter gelitten hätte. Schlechtes Gewissen habe er unterdrückt. „Mein Vater hat immer gesagt: In meiner Situation hätte er genau das Gleiche getan!“

Eltern auf die Unterarme tätowieren lassen

Die Verbundenheit zu den Eltern ist über deren Tod hinaus noch da. Ihre Gesichter zieren die beiden Unterarme des 37-Jährigen. Und dann gibt es ja auch noch den 500er-Trabi, der ihn an die Zeit in der DDR erinnert. Seit vier Jahren steht er bei ihm in der Garage, gefahren hat ihn der Baubegleiter der Telekom nie. „Er läuft“, das weiß Wegner nach diversen Fremdstartversuchen des Oldies, der irgendwann einen Austauschmotor eines 601er Trabis erhalten hatte. „Es fehlt halt nur die Batterie!“

Nächstes Jahr will er das Fahrzeug wieder auf die Straße bringen, er will ihn restaurieren, verspricht Wegner. Die Frage drängt sich auf, ob er schon Kaufgesuche für den alten Wegbegleiter erhalten hat. „Schorsch verkaufen?“ Wegner protestiert umgehend: „Niemals. Man verkauft doch kein Familienmitglied!“

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