Rund um Mühldorf mit dem Kanu unterwegs: Hans Niedermeier paddelt auch mit 90 Jahren noch

Paddeln verbindet:Ob im Verein oder mit Frau Heidi, der rüstige 90-Jährige Hans Niedermeier steigt ist noch immer gern im Kanu unterwegs. Petzi

Ein wenig Risiko gehört zum Leben dazu, findet Hans Niedermeier. Gerade, wenn man unruhige Zeiten durchlebt – oder sich auf unruhigem Wasser bewegt. Auf solchem war der 90-jährige Töginger, der heute in Winhöring lebt, schon oft unterwegs.

Mühldorf/Winhöring – Hans Niedermeier steigt mit 90 Jahren immer noch in sein 50 Jahre altes Klepperboot und befährt die heimmischen Gewässer. Dabei schaut der passionierte Kanu-Fahrer auf jahrzehntelange Erfahrung zurück. 1959 hob er mit Freunden den Mühldorfer Kanu-Faltboot-Club aus der Taufe hob und den dann über viele Jahre als Chronist, Fotograf und Kassier begleitete. Vergangenes Jahr feierte der Verein sein 60-jähriges Bestehen – natürlich mit einer Tour auf dem Wasser.

Auf dem Wasser schon viel erlebt

Touren – zunächst auf heimischen Flüssen, dann europaweit – hat er schon viele gemacht. Zunächst auf selbst gebauten Booten, bei denen er die Seenotbesegelung der Amerikaner aus dem Krieg benutzte, bis er sich 1949 sein erstes kaufen konnte. „Junge Wilde“ seien er und seine Sportkameraden gewesen. „Wir sind kilometerweit im Inn geschwommen. Fremde Flüsse haben wir frei befahren und in der Natur übernachtet. Es war eine schöne Zeit“, sagt Niedermeier. Zum Bahnhof Mühldorf habe man die Boote geschoben und sei dann mit der Bahn weitergefahren. Ein Auto besitzt Hans Niedermeier heute noch nicht. Versonnen blättert er in seinem Winhöringer Domizil in der Vereinschronik, die sein Bruder Sepp begonnen hatte und die er liebevoll weiterführte. Viele Fotos, viele Erinnerungen. Auch für seine Ehefrau Heidi. Die habe er nicht nur für sein Hobby, das Wanderfahren, sondern auch für sich erwärmen können, nachdem sie sich 1975 während einer Reha kennengelernt hatten.

Vor Freude fast gekentert

Heidi teilte ihm – einige Zeit später – ausgerechnet während einer Bootsfahrt in Tirol mit, dass sie aus Niedersachsen zu ihm übersiedeln wolle. Auf Kufstein seien sie gerade zugepaddelt, und inmitten dieser wunderbaren Natur habe sie den folgenschweren Entschluss gefasst.

„Das war ganz schön hinterhältig von mir, sie so ins gelobte Land zu locken“, lacht Niedermeier. Er habe sich so gefreut, dass das Boot fast gekentert wäre. Gemeinsames Paddeln verbindet. Und darum gehe es beim Kanu-Faltboot-Club Mühldorf: Freundschaft und Gemeinschaft. Es sei nicht nur die Natur entlang der Flüsse, sondern auch der damit verbundene Nervenkitzel – gerade auf unverbauten Flüssen mit wilden Ufern. Eine Tour entlang der Loire 1997 sei ihm da besonders gut in Erinnerung.

Zusammenhalt steht an erster Stelle

Gefährlich könne die Situation schon einmal werden, wenn man in Strudel oder Schnellen gerät. Auch bei oft befahrenen Gewässern weiß man oft nicht, was kommt. „Wissen Sie, die Strecken ändern sich ständig, je nach Wasserstand oder Wetter“, erklärt er. Heidi, die jetzt nicht mehr mit im Boot sitzt, mache sich da manchmal Sorgen. Auch an das Kreissportfest 1971 in Neuötting, daran erinnert sich Hans noch gut. Den ersten Platz hat er damals belegt. Aber das sei nicht so wichtig gewesen. „Uns ging es um den Kontakt untereinander!“

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Ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, das kennt er auch aus seiner Berufszeit im Aluminiumwerk Töging, wo er noch während des Kriegs Schlosser gelernt und später als Werksfotograf seine Brötchen verdient hat. Angriffe auf Mühldorf, Werksbesetzung, dann Wiederaufbau und Aufschwung. Später folgten Einsparungen und unruhige Zeiten für Niedermeier und seine Werkskollegen. Aber auch das schweißt zusammen.

Und nach der Arbeit? Nun, da habe er sich seine Heidi geschnappt, ab ins Boot und in die Natur. So lief das. Bis er 1993 schließlich in den Ruhestand ging. Das Fotografieren und das Bootsfahren hat er aber bis heute nicht aufgegeben.

Fotografieren ist seine zweite große Leidenschaft

Apropos Fotografieren: Als Vereinschronist waren das Bilderschießen und Filmen seine Aufgaben. „Manchmal war es schon ein Risiko, mit der Kamera vorauszufahren und dann möglichst lebendige Motive vor die Kamera zu bekommen!“ Heute sei das mit der Helmkamera und der ganzen modernen Ausrüstung kein Problem mehr. Doch auf die Ergebnisse von früher ist er immer noch stolz. „Heute haben die Aufnahmen doch keine Qualität mehr“, findet Niedermeier. Trotzdem komme der Nachwuchs langsam wieder auf den Geschmack. Immer mehr Jüngere treten dem Kanu-Faltboot-Club bei: „Aber die Jungen wollen lieber Wildwasserfahren in Slowenien oder sonst wo, nicht das beschauliche Wanderfahren.“

Romantik pur auf den Flüssen

Früher die Bootstouren Romantik pur gewesen, unterstreicht Heidi Niedermeier. Wilde Zeltplätze am Ufer, gemeinsames Singen und Erzählen am Lagerfeuer. Sogar für ein selbstgebasteltes Feuerwerk habe man mit Spraydosen und Blitzlichtpulver gesorgt. „Ein Blödsinn war das schon. Heute undenkbar!“ Aber es seien „pfundige Leit“ damals mit dabei gewesen. Und zünftig wird es wieder werden, wenn Hans Niedermeier auf seine nächste Tour geht: Mit der neuen Paddelsaison stehen vier oder fünf Tage auf der Altmühl auf dem Plan. Eine Schinderei, ganz klar. Aber eine, die es immer wieder wert ist. Denn auch mit 90 Jahren soll man das Leben genießen, wie es eben geht.

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