Von den möglichen Organspendern in der Region hat kaum jemand einen Ausweis

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  • Markus Honervogt
    Markus Honervogt
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Am 16. Januar stimmt der Bundestag über ein neues Organspende-Gesetz ab. Ziel ist es, die Zahl der Spender zu erhöhen. Experten und Betroffene leiden unter der mangelnden Bereitschaft und haben klare Vorstellungen, welches Gesetz sinnvoll wäre.

Mühldorf – Während Chef-Anästhesist Martin Kahl über Organtransplantationen spricht, liegt nur wenige Meter weiter eine Frau auf der Intensivstation. Sie stirbt, ihr droht der Hirntod. Ob sie Organspenderin wird? 

Nur einer von 15 wäre zur Organspende bereit

Das ist eher unwahrscheinlich. Denn von den vier bis sechs möglichen Spendern, die jedes Jahr im Krankenhaus an unumkehrbaren Hirnverletzungen sterben, erklärt sich statistisch nicht einmal einer zur Spende. „Alle zwei bis drei Jahre ist es einer, bei etwa 15 möglichen Spendern“, sagt Kahl und zuckt mit den Schultern. Zu wenig. Viel zu wenig. 

Wie werde ich zum Organspender? In fünf kurzen Schritten zum eigenen Organspendeausweis

Kahl ist mit der Transplantationsmedizin seit vielen Jahren befasst. Er war zwölf Jahre lang Anästhesist an einer Uniklinik, die Organe verpflanzte, und ist seit 2006 Beauftragter am Klinikum Mühldorf. Er sieht die Sterbenden und diejenigen, die seit langem auf ein Organ warten. Und er kennt die Zahlen, nach denen Deutschland mit 9,7 Spendern auf eine Million Einwohner in Europa das Schlusslicht ist; zum Vergleich: In Spanien kommen auf eine Million Einwohner 46,9 Spender, fast fünfmal so viel. 

Organspender könnte fast jeder sein

Bayern, das sagen die Zahlen der Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) liegt in der deutschen Statistik fast am Ende, in Hamburg beispielsweise gab es 2019 dreimal so viel Spender. Deshalb spricht sich Kahl vehement für die Organspende aus: „Alle Menschen haben eine Chance, leidenden Mitmenschen zu helfen.“ 

Die eröffnet sich, wenn ein potenzieller Spender hirntot ist. Der Patient liegt nach einem Unfall oder einer schweren Erkrankung im Koma, wird künstlich beatmet, das Gehirn stirbt ab, während die übrigen Organe am Leben erhalten werden können. 

Hirntod wird vor einer Organspende drei Mal geprüft

Um den Hirntod sicher feststellen zu können, gibt es ein genau festgelegtes Vorgehen, bei dem mehrere Ärzte voneinander unabhängig den Hirntod attestieren müssen. Deren Diagnose wird durch eine Instrumentenuntersuchung wie eine Computertomografie zusätzlich untermauert. In der Klinik Mühldorf ist es zunächst ein Internist, der den Strebenden begleitet und den Hirntod feststellt. Danach testet ein Neurologe oder Neurochirurg, ob das Hirn noch durchblutet ist, ob der Patient bestimmte Reaktionen zeigt. Vertreter der DSO führen anschließend zusätzlich eine instrumentelle Untersuchung durch. 

Organspender in Deutschland (13.01.2020)

Kahl weiß, wie schwierig es für die Angehörigen ist, der Organentnahme zuzustimmen, wenn ihr Verstorbener sich durch einen Organspendeausweis dazu bereit erklärt hat. „Das ist ein sehr, sehr schwieriger Moment.“ Denn der Tote hat sich nicht verändert, sein Körper bleibt künstlich durchblutet, die Atmung wird erhalten, „er sieht rosig und ruhig aus“, sagt Kahl. „Aber das Leben ist vorbei, obwohl sich äußerlich nichts geändert hat, nachdem der Hirntod eingetreten ist.“ 

Argumente gegen Organspende 

Kahl kennt die Vorbehalte vieler gegen die Organspende. Manche sprächen von „Ausweidung“, andere verstünden die medizinischen Zusammenhänge des Hirntods nicht, wieder andere beriefen sich noch immer auf den Organspendskandal vor knapp zehn Jahren. Damals haben Transplantationskliniken ihre Patienten als bedürftiger eingestuft, um die Zahl zu steigern. Auf der anderen Seite steht die akute Not der Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Ihre Chance auf ein neues Herz liegt bei eins zu zwei, für eine neue Niere gar eins zu drei. Deshalb verlangt Kahl: „Jeder muss sich zu Lebzeiten entscheiden“ und „Ja“ oder „Nein“ sagen, vielleicht auch, dass er es derzeit nicht weiß. 

Und was geschieht mit einem Hirntoten, wenn es keine Spendenbereitschaft gibt oder die Angehörigen ablehnen? „Dann schalten wir die Maschinen ab“, sagt Kahl, auch die Organe sterben. 

Sollte der Tote ein Organspender sein, laufen die Maschinen weiter, bis ein Team der DSO kommt, um im Krankenhaus Mühldorf die Organe zu entnehmen. Die meisten der Organe, 46 Prozent, bleiben in Bayern, die etwa gleiche Zahl wird in Transplantationszentren anderer Bundesländer verpflanzt. Nur knapp sieben Prozent gehen ins Ausland. 

Betroffener wirbt für Organspenden

Organspenden können neues Leben schenken – das kann Walter Weinzierl (67) aus Kolbermoor nur unterstreichen. 2011 hatte ihm seine Frau Anneliese (67) eine Niere gespendet – und seitdem fühlt er sich wie neu geboren. 

Das neue Transplantationsgesetz würde ihm mit der angedachten Widerspruchslösung aus dem Herzen sprechen: Seit Langem wirbt er für mehr Organspenden.

In den Romed-Kliniken mit ihren Standorten Rosenheim, Bad Aibling, Wasserburg und Prien finden pro Jahr lediglich ein bis zwei Entnahmen statt – im gesamten Verbund. „Das kommt bei uns extrem selten vor“, erklärt Romed-Sprecherin Elisabeth Siebeneicher auf Anfrage unserer Zeitung. 

In anderen Kliniken der Region, darunter an den Schön-Kliniken (unter anderem Neurologische Klinik Bad Aibling und Klinik Vogtareuth), ist Organspende überhaupt kein Thema. Grundsätzlich kommt der Sprecherin zufolge jedes der vier Romed-Häuser als Entnahmeklinik in Frage. „Das erfolgt dann jeweils vor Ort.“ Im weiteren Verlauf entsendet dann die Klinik, die das Spenderorgan transplantiert, ein Team zur Organentnahme. Die Transplantation an sich erfolgt nicht an einer der Romed-Kliniken – das ist Sache der Transplantationszentren in München (Klinikum Großhadern und Rechts der Isar), Regensburg, Augsburg, Erlangen und Würzburg. 

Rosenheimer Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig unterstützt Widerspruchslösung 

Ihre volle Zustimmung zur von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ausgearbeiteten „doppelten Widerspruchslösung“ signalisiert die Rosenheimer Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig (CSU): „Das Thema Organspende ist lebenswichtig für diejenigen, die derzeit auf ein Spenderorgan warten müssen.“ 

Deshalb brauche man einen Paradigmenwechsel, die Organspende müsse zum Normalfall werden. Ein Spender allein könne bis zu sieben Menschenleben retten, unterstreicht sie. Ludwig weiter: „Ich unterstütze aus voller Überzeugung die doppelte Widerspruchslösung, denn sie nimmt die Menschen in die Pflicht, sich mit dem Thema zu befassen. Das sollte für jeden zumutbar sein.“

Ein Anliegen, das auch dem Ehepaar Weinzierl am Herzen liegt: „Wir brauchen weitaus mehr Spender, damit sich auch die Wartezeiten verkürzen“, betont Walter Weinzierl. 

Er selbst erhielt 2011 die Chance auf ein neues Leben: Nach gut vier Jahren Dialyse konnte ihm eine von seiner Frau Anneliese gespendete Niere eingesetzt werden – und das trotz unterschiedlicher Blutgruppen. „Das war all die Jahre zuvor das Problem, aber die Medizin hatte sich damals weiterentwickelt, wodurch es schließlich möglich wurde“, erzählt der passionierte Trachtler, der sich gerade für den Bayerischen Trachtenverband zur Vorbereitung zur Grünen Woche in Berlin befindet. Die Transplantation: ging gut. Weinzierls Körper nahm das neue Organ an. 

Dennoch muss er ständig damit rechnen, dass kritische Situationen auftreten. „Ich muss Erkältungen oder Entzündungen vermeiden, damit die Niere ohne Einschränkungen arbeiten kann“, erklärt er. 

Ethikgespräch bei Lebendspende 

2017 gab es eben diese kritischen Momente. Auf eine Entzündung folgte eine Abstoßreaktion. Weinzierl verbrachte geraume Zeit in der Klinik – und hatte auch dieses Mal Glück: Die Spenderniere konnte gehalten werden. Bis heute ist Weinzierl seiner Frau mehr als dankbar, dass sie ihm ein neues, unbeschwertes Leben geschenkt hat. Und er betont: „Mir geht es rundherum gut.“ Keinerlei Nachwehen verspürt auch Weinzierls Frau Anneliese – die im Übrigen eine Lebendspende nur empfehlen kann, wie sie ausdrücklich betont. „Für mich war es keine große Überlegung, das zu machen“, erzählt sie. Das Procedere beschreibt sie als unkompliziert: Gesundheitscheck, dann ein Ethikgespräch und schließlich die OP an sich. In diesem Fall im Klinikum Rechts der Isar in München. „Die Operation hat einige Stunden gedauert, aber nach vier Tagen durfte ich die Klinik schon wieder verlassen“, so die 67-Jährige. Und seitdem? „Mir geht‘s gut, ich habe überhaupt keine Probleme.“ 

Was das Thema Organspende angeht, da sind sich die Weinzierls einig: Sie setzen voll und ganz auf die Neuregelung und hoffen, dass sich damit die Zahl der Organspender deutlich erhöht. „Vor allem auch, dass nur ganz wenige einen Negativausweis dabei haben.“ Für die vielen Menschen auf der Warteliste wünschen sie sich, dass für möglichst viele das Leben wieder lebenswert wird und ihnen damit ein würdiges Weiterleben ermöglicht wird.“

Stichwort: Hirntod - Ab wann kommt eine Organspende in Frage?

Das Gehirn wird über das Blut konstant mit Sauerstoff versorgt. Es reagiert sehr empfindlich auf Sauerstoffmangel. Bereits wenige Sekunden ohne Sauerstoff können zu Bewusstseinstrübungen und einer Ohnmacht führen. 

Hält die Unterbrechung länger an, entstehen Schäden am Hirngewebe, und Hirnzellen werden unwiederbringlich zerstört. Die Schäden können so schwer sein, dass das Gehirn seine gesamten Funktionen einstellt und abstirbt. Ist das der Fall, ist der Ausfall der gesamten Hirnfunktionen, der sogenannte Hirntod, eingetreten. Dieser Ausfall ist unumkehrbar, das heißt, es gibt keine Wiederbelebungsmöglichkeit des Gehirns. Mit der Diagnose Hirntod ist der Tod des Menschen nach neurologischen Kriterien sicher festgestellt. 

Quelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 

Das sagen die Abgeordneten zum Thema Organspende

Sandra Bubendorfer-Licht, MdB (FDP): „Wir brauchen eine Lösung, denn die Zahlen in Deutschland sind viel zu niedrig. Ich stimme für die Widerspruchslösung. Niemand muss Angst haben, denn es gibt auch durch die Angehörigen noch genügend Möglichkeiten durch die Angehörigen, Enfluss zu nehmen.“ Bubendorfer-Licht hat bis jetzt keinen Spenderausweis. 

Stephan Mayer, MdB (CSU): „Die Tatsache, dass jährlich nach wie vor eine zu hohe Anzahl von Menschen aufgrund eines fehlenden Spenderorgans sterben, sehe ich als eine äußerst beunruhigende Entwicklung. Trotzdem werde ich gegen den Gesetzentwurf, die „doppelte Widerspruchslösung“, von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stimmen. Denn nach dieser Regelung würden alle Bürger automatisch als Organspender in Frage kommen, soweit kein ausdrücklicher Widerspruch dazu vorliegt. 

Ziel muss es sicherlich sein, den Prozess der Organspende langfristig zu verbessern. Nach meiner Auffassung sollte jedoch jeder Mensch selbst über die Verfügung der eigenen Organe entscheiden können und keinem gesetzlichen Zwang unterliegen. Die Statistiken der Länder mit einer derartigen Regelung zeigen außerdem, dass es dort zu keinem signifikanten Anstieg von geretteten Menschenleben gekommen ist. 

Das seit dem 1. April 2019 geltende Gesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende unterstützt zudem die Rahmenbedingungen von Organspenden, wie beispielsweise entsprechende Verwaltungsabläufe. Die aktuelle Regelung in Deutschland, welche eine ausdrückliche Zustimmung des Spenders vorsieht, halte ich daher für sinnvoller. Persönlich besitze ich einen Organspendeausweis.“

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