Der Richter als Friedensstifter - Streit um einen Parkplatz landet Mühldorfer Amtsgericht

Vor dem Amtsgericht trafen sich zwei Nachbarn, einer hatte dem anderen im Streit zwei Faustschläge verpasst.
  • Markus Honervogt
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Vor dem Mühldorfer Amtsgericht: Nach einem handgreiflichen Nachbarschaftsstreit geht es um vor allem um eine Täter und Opfer-Ausgleich. Auf eine Strafe will der Amtsrichter verzichten und fordert stattdessen einen Handschlag.

Mühldorf – Vor Gericht geht es nicht immer um Urteile und Strafe. In einen Nachbarschaftsstreit nutzte Richter Florian Greifenstein jetzt sein Amt, um den Nachbarschaftsfrieden wiederherzustellen. Es ging um einen Parkplatz, eine blutende Lippe, eine zerbrochene Brille.

Der 27. Juni des vergangenen Jahres war ein heißer Sommertag, an dem der schon lange schwelende Konflikt eskalierte. Irgendwann in den Mittagsstunden parkte die Frau des Angeklagte A. (Name von der Redaktion geändert) ihr Auto dort, wo es seit sieben Jahren steht: auf dem Grundstück des Nachbarn.

An diesem Tag aber blockiert der Grundstücksbesitzer das parkende Auto. Es kommt zum Streit, A. schlägt den Nachbarn mit der Faust, beim ersten Mal erwischt er die Lippe, beim zweiten Mal die Brille. Dann rufen beide Streithähne unabhängig von einander die Polizei. So schildert es die Staatsanwaltschaft.

Keine Lust auf Schlägerei - und doch zugeschlagen

Vor Gericht gehen die Aussagen auseinander. „Er hat mich geschubst, natürlich habe ich reagiert“, sagt der Angeklagte. Zugeschlagen habe er aber nicht. „Ich habe keine Lust mit 71 Jahren eine Schlägerei auf der Straße zu beginnen.“

Richter Greifenstein ist skeptisch: „Sie haben beide geblutet“, stellt er fest. Die Faust des Angeklagten habe Kampfspuren gezeigt, genau wie die Lippe des Nachbarn. A. behauptet, der Nachbar habe ihn gebissen.

Das glaubt Greifenstein nicht und auch nicht der Polizist, der vor Ort war. „Wir haben eine Schlagmarke an der Hand A.s festgestellt und eine dazu passende Verletzung an der Oberlippe des Nachbarn. Aus meiner Erfahrung bin ich sicher, dass diese Verletzung von einem Faustschlag stammt.“

Den Anlass für den Streit, konnte der Polizist nicht verstehen. „Es ist unser Ort, da findet man immer einen Parkplatz. Deshalb war mir nicht verständlich, warum man so in Streit gerät.“

Sein Temperament kann der Angeklagte auch vor Gericht kaum zügeln. Immer wieder fällt er dem Polizisten ins Wort, dem er Voreingenommenheit unterstellt. Sein Anwalt muss ihn bitten, sich zu mäßigen. Wie im Sommer 2019 empfindet sich A. als eigentliches Opfer: als Opfer des Parkverbots, als Opfer im Streit, als Opfer vor Gericht.

Nie ans Parkverbot gehalten

Der Nachbar beklagt dagegen, dass sich der Angeklagte nie an das Parkverbot gehalten habe, das er auf Zetteln hinter der Windschutzscheibe eingefordert habe. Andere Parker hätten das Verbot akzeptiert.

Trotz der klaren Sachlage wird bald klar: Auf ein Urteil will Greifenstein verzichten und stattdessen das Verfahren mit einem Täter-Opfer-Ausgleich beenden. „Aber ich fürchte, wir können die Sache heute nicht befrieden“, zeigt er sich zwischendurch aber skeptisch.

Sein Vorschlag zu Güte: Der Angeklagte könne die Brille bezahlen und erklären, künftig nicht mehr auf dem Grundstück zu parken. Der Angklagte lehnt ab, Greifenstein wird ein wenig ungehalten. Schließlich bittet Anwalt Fabian Tretter um eine Verhandlungspause, um auf seinen Mandanten einzuwirken.

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Danach entschuldigt sich A. beim Nachbarn und erklärt, dort nicht mehr parken zu wollen. Die Brille für 530 Euro werde er aber nicht zahlen, sagt er. Der Nachbar bietet an, die Brillenzahlung in Raten zu akzeptieren. Mit einem Entschuldigungshandschlag besiegeln die Streitparteien die Einigung.

Greifenstein betont, dass die Zahlung klappen müsse, sonst träfe man sich wieder vor Gericht und eine Strafe käme den Angeklagten wesentlich teuer. Er legt die Zahlung von sechs Raten á 90 Euro fest.

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