Ordensfrau muss als Familienhelferin in Corona-Zeiten zwei Gemeinschaften schützen

Ziemlich allein: Die Einschränkungen durch das Corona-Virus treffen Familien in schwierigen sozialen Situationen besonders hart. Hilfe bietet die Familienpflege der Caritas. Schwester Raphaela ist unterwegs, um Eltern zu entlasten und Kindern zu helfen. DPA/Picture Alliance
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Ziemlich allein: Die Einschränkungen durch das Corona-Virus treffen Familien in schwierigen sozialen Situationen besonders hart. Hilfe bietet die Familienpflege der Caritas. Schwester Raphaela ist unterwegs, um Eltern zu entlasten und Kindern zu helfen. DPA/Picture Alliance
  • Markus Honervogt
    vonMarkus Honervogt
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Trotz der Bedrohung durch den Virus betreuen Frauen im Auftrag der Caritas alte und junge Menschen im Landkreis Mühldorf. Schwester Raphaela Wieseler ist eine, die Familien helfen will, ein normales Leben zu führen.

Mühldorf - Kleine Kinder, der Vater im Rollstuhl, das Familienleben von Familie F. ist schon in normalen Zeiten anstrengend genug. Als dann die Mutter sich bei der Mehrlingsgeburt einem Kaiserschnitt unterziehen muss und nur langsam wieder auf die Beine kommt, ist den F’s. klar, dass sie ihr Leben nicht mehr ohne Hilfe organisieren können.

Familienhelferin kommt jeden Tag

Familie F, deren Name geändert wurde, lebt im Landkreis. Seit einigen Wochen kommt Schwester Raphaela Wieseler jeden Tag ins Haus. Die Ordensfrau aus der Gemeinschaft der Missionsschwestern in Stadl ist Familienpflegerin bei der Caritas, die immer dann einspringt, wenn es zu einem Notfall kommt. Mutter Annemarie F. sagt: „Die ersten Wochen wären ohne sie ein Riesenproblem gewesen.“

Wegen Corona kann das älteste Kind nicht in den Kindergarten

Wenn Annemarie F. stillt, wollen die anderen Kinder betreut werden, ihr Mann kann sich wegen seiner Behinderung zwar um den Großen kümmern, mit den Babys aber tut er sich schwer. Ob Rasenmähen oder Einkaufen, Annemarie F. ist bei diesen Arbeiten weitgehend auf sich allein gestellt. „Und so lange der Kindergarten wegen Corona zu und unser Sohn zu Hause ist, ist natürlich alles noch viel schwieriger.“

Familienhelferin kocht, kauft ein und spielt mit Kindern

Die Krankenkasse hat Familie F. Familienhilfe genehmigt, Schwester Raphaela Wieseler betreut den sechsjährigen Sohn, wenn Frau F. stillt, kauft ein, kocht Mittagessen, spielt mit den Kleinen, geht spazieren. „Familie F. ist eine gute Familie“, sagt Schwester Raphaela. „Denn die Eltern kümmern sich um ihre Kinder. Sie sind aber in ihren Möglichkeiten derzeit stark eingeschränkt.“

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Die Ordensfrau will in Notsituationen helfen

In solchen Notsituation will die Ordensfrau unterstützen, Normalität schaffen, im Extremfall die Auflösung der Familie verhindern, wenn die Kinder aus schwierigen Verhältnissen heraus geholt werden: „Es geht darum, dass die Kinder Familie erfahren können, sie einen einigermaßen normalen Alltag haben.“

Alltag der Familien ist stark verändert

Der hat sich bei Familie F. nicht nur durch die schwere Mehrlingsgeburt stark verändert. Auch Corona hat Auswirkungen, vor allem auf den Sechsjährigen. Kein Kindergarten, die Nachbarsmädchen, mit denen er gerne spielte, sind nicht da. „Er kommt aber gut mit der Situation zurecht, er ist gerne zu Hause“, sagt Schwester Raphaela.

Auch Sorge um ihre Mitschwestern - wegen Corona

Für sie bringt die Corona-Krise eine zusätzliche Herausforderung, denn die Ordensfrau trägt nicht nur für ihre Familie Sorge. Wo ward Ihr am Wochenende? Habt Ihr jemanden getroffen? Was habt Ihr gemacht? Das sind die Fragen, die montags zuerst besprochen werden „Ich sage natürlich auch, was ich getan habe, schließlich müssen wir das in dieser Zeit voneinander wissen.“

Viele Ordensfrauen gehören zur Corona-Risikogruppe

In Schwester Raphaelas Ordensgemeinschaft leben Mitschwestern, von denen zehn älter als 75 Jahre sind, das klassische Risikoalter. „Deshalb bin ich sehr vorsichtig, wo immer ich bin, damit ich nichts mit ins Haus bringe“, sagt sie. „Das wäre sehr arg.“

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Trotz dieser Situation will Schwester Raphaela die Kombination erhalten, die ihr Arbeitsleben ausmacht: Der Weg in die Familien im ganzen Landkreis und zurück ins Gemeinschaftshaus in Stadl, wo sie für die Verwaltung zuständig ist. „Ich möchte an den Leuten dran bleiben“, sagt sie, „und nicht nur in der Verwaltung sitzen.“

Krankenkasse bezahlt Familienhelferin

Annemarie F. ist froh, dass die Krankenkasse die Unterstützung zumindest noch bis Ende April finanziert; ein Verlängerungsantrag sei schon in Arbeit, sagt Annemarie F., die selbst in einer sozialen Einrichtung arbeitet, derzeit aber im Mutterschutz ist. Sie verbindet den Wunsch auf Verlängerung mit einem ausdrücklichen Lob für die Ordensfrau: „Schwester Raphaele ist ungeheuer professionell, man merkt ihr die große Erfahrung an. Sie sieht alles, was zu machen ist“, schwärmt Annemarie F. „Sie hilft schon allein durch ihre Anwesenheit.“

Einsatz der Familienhilfe

Zwischen drei Wochen und einen halben Jahr dauern die Einsätze der Familienüpflege im Regelfall, um akute Not zu lindern. Auftraggeber sind die Kassen oder das Jugendamt. Die einzige Organssation, die den Dienst im Landkreis anbietet, ist die Caritas.

Caritas beschäftigt nicht nur Familienhelferinnen

Die Caritas ist auch bei der ambulanten Pflege täglich mit Risikopatienten zusammen. Dabei gehören die Mitarbeiterinnen des Pflegedienstes oft zu den letzten sozialen Kontakten, die ältere Menschen überhaupt noch haben, sagt Plfegedienstleiterin Irmgard Geiszer. „Das ,Social Distancing‘, angeordnet, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern, ist in diesem Bereich eine Gratwanderung“. Die Pflegerinnen fahren von Haus zu Haus und verrichten medizinische und pflegerische Tätigkeiten. „Kontaktverbot hin oder her, diese Art der Versorgung ist nicht auf Distanz möglich.“

Situation der Pflegedienste

Pflegedienstleiterin Irmgard Geiszer ist sich der schwierigen Lage bewusst. „Unser größtes Ziel ist es, dass wir den pflegebedürftigen Menschen auch weiterhin die Betreuung bieten, die sie brauchen.“ Um Sicherheit für Patienten und Mitarbeiterinnen zu gewährleisten, seien die Hygienevorkehrungen erhöht worden. „Wir halten uns an die Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts und unsere Mitarbeiter sind seit Mitte März mit entsprechender Schutzkleidung ausgestattet.“

Die Hygienemaßnahmen wurden erhöht, Desinfektionsmaßnahmen noch häufiger als sonst durchgeführt und die Mitarbeiterinnen mit FFP-2-Masken, Schutzbrillen und Overalls ausgestattet, um einen beidseitigen Schutz für Patienten und Pfleger zu gewährleisten.

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Gesundheit der Mitarbeiter wichtig

Gerade weil die Fallzahlen im Landkreis steigen und auch in der ambulanten Pflege schon Patienten positiv getestet wurden, legt Irmgard Geiszer besonders viel Wert auf die Gesundheit jedes Mitarbeiters, um eine Ausbreitung des Virus zu unterbinden. „Wir haben all die betroffenen Mitarbeiter auf den Virus testen lassen und alle sind negativ.“

Während Corona-Krise niemanden im Stich lassen

Auch Caritas-Kreisgeschäftsführer Richard Stefke betont: „Wir lassen in diesen schwierigen Zeiten niemanden im Stich.“ Ziel sei es, das soziale Leben und den Alltag der Menschen aufrechtzuerhalten und gemeinsam diese Krise zu bewältigen.

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