Wo Wolfgang Niedecken zu spät kam: Das älteste Hutgeschäft in Mühldorf wird 125 Jahre alt

Dort gibt es,was Frau und Mann heute auf dem Kopf tragen: Monika Speckmaier probiert einen ihrer Hüte. Sie führt das älteste Geschäft Mühldorfs. Honervogt

Es ist das älteste Geschäft in Mühldorf: „Lisa Greiner Damenhüte“, gegründet vor 125 Jahren. Seinen vielleicht prominentesten Kunden hat Mühldorfs Hutgeschäft verpasst. Damals, am 7. Juli 2009, steht der Sänger Wolfgang Niedecken vor dem kleinen Laden unter den Arkaden am Stadtplatz.

Mühldorf – Seinen vielleicht prominentesten Kunden hat Mühldorfs Hutgeschäft verpasst. Damals, am 7. Juli 2009, steht der Sänger Wolfgang Niedecken vor dem kleinen Laden unter den Arkaden am Stadtplatz. Dem passionierten Hutträger und Kopf der Kölsch-Rockband BAP gefällt das kleine Geschäfts so sehr, dass er sich einen neuen Hut kaufen will. Leider, das erzählt er abends bei seinem Auftritt im Haberkasten-Innenhof, leider sei es geschlossen gewesen.

Nur Frauen als Geschäftsführerinnen

„Lisa Greiner Damenhüte, gegründet 1894“ steht auf dem großen Schild in geschwungener Schrift – die etwas altmodische Werbetafel des ältesten Geschäfts in der Stadt. Seit 125 Jahren, in vierter Generation, gibt es dort alles, was auf dem Kopf gut aussieht. Angeboten von den Frauen der Vor- und Nachfahren Lisa Greiners.

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Das erzählt Monika Speckmaier und sagt: „Ja, ich bin schon stolz darauf.“ Stolz, Teil einer so langen Geschichte zu sein. Männer standen bei Lisa Greiner nie hinter dem Tresen, die arbeiteten im Innwerk, waren Prokuristen oder Restauratoren, das Geschäft mit der Hutmode betrieben immer die Frauen. Urgroßmutter Elise Metschl als erste, dann Lisa Greiner, Isabella Zehentner und jetzt eben Monika Speckmaier.

Aus den Zeiten, als jede Frau und jeder Mann Hut trug: Ein Modejournal aus vergangener Zeit. Das großformatige Heft zeigte Dutzende verschiedener Hüte.

Noch ihre Mutter trug die Berufsbezeichnung Putzmacherin, es gab auch die eine oder andere Modistin in der Geschlechterfolger, Speckmaier ist Apothekerin. Das Hutgeschäft stand nie auf ihrer Agenda. Solange, bis ihre Mutter krank wurde und sie aus Liebe zur Familie mitarbeitete. Das war 2009 und sollte eigentlich nur solange gehen, „wie Mutter lebt“.

Moderner – aber nicht zu viel

Doch die Aufgabe andere zu behüten scheint Monika Speckmaier gepackt zu haben, schon 2014 stellt sich die Frage: „Was mach ich jetzt?“ Die Antwort: „Weiter!“ Dabei, sagt sie: „Ich wollte nie Geschäftsfrau werden.“ Die Hüte, die lange Tradition, der Spaß am Verkaufen, all das bewegt sie zu bleiben. Sie baut um, nur ganz sanft. Der große Tresen verschwindet, Strahler ersetzen die Neonröhren, aus Braun wird Weiß – es ist nicht viel. „Moderner wollte ich es nicht, weil es ein altes Hutgeschäft ist“, sagt sie. Sie will sich bewusst absetzen von den modernen Läden, die in ihren Augen alle gleich aussehen. Sie sagt selbstbewusst: Es kommt auf die Ware an.“

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Dabei weiß Speckmaier genau, dass die ganz große Zeit vorbei ist. Damals, als Brautschleier bei Lisa Greiner gekauft, Puppen hergerichtet und Kommunionkinder ausgestattet wurden.

Erinnerung an zwei von vier Generationen: Lisa Greiner, die dem Geschäft den Namen gab, und Isabella Zehentner, Mutter der heutigen Inhaberin.

Heute sind Hüte nicht mehr so gefragt, das Internet steht im Weg und die großen Kaufhäuser, bei denen es auch Kopfputz gibt. Trotzdem kommen Kunden: Alte und Junge, aus Wasserburg und Vilsbiburg, genug, damit die Arbeit noch Spaß macht und sich ein bisschen lohnt.

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Von der Messe aus Salzburg bringt die Mühldorferin ihre neue Ware mit, Hüte für Frauen und Männer, Mützen und Handschuhe. Sie setzt darauf, dass ihre Beratung auch in den nächsten Jahren gefragt ist. Denn: „Im Internet kann man halt keinen Hut ausprobieren.“

Sollte BAP-Sänger Wolfgang Niedecken also noch einmal zu einem Konzert in die Stadt kommen, hat er gute Chancen, wohlbehütet zurück nach Köln zu fahren. Er sollte sich nur vorab über die etwas eingeschränkten Öffnungszeiten informieren.

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