Schweinekopf an die Tür eines afghanischen Geschäfts in Mühldorf gehängt

Lebensmittelaus dem nahen Osten gibt es im Orientalischen Basar in Mühldorf Nord. Die Inhaberin lässt sich vom Schweinekopfvorfall nur wenig beeindrucken. Zu positiv sind ihre bisherigen Erfahrungen in Deutschland, wo sie seit 36 Jahren lebt. hon
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Lebensmittel aus dem nahen Osten gibt es im Orientalischen Basar in Mühldorf Nord. Die Inhaberin lässt sich vom Schweinekopfvorfall nur wenig beeindrucken. Zu positiv sind ihre bisherigen Erfahrungen in Deutschland, wo sie seit 36 Jahren lebt.

Einen Schweinekopf haben Unbekannte vor einigen Tagen an die Tür eines afghanischen Geschäfts in Mühldorf Nord gehängt. Für Nesrin A., die Ladeninhaberin, hat die Tat einen rassistischen Hintergrund.

Mühldorf – Nein, Angst habe sie jetzt nicht, sagt Nesrin A. nüchtern, „ich lasse mich nicht einschüchtern.“ Denn seit sie in Deutschland lebt, hat sie vor allem positive Erfahrungen mit ihren Mitbürgern gemacht. Und das seit langer Zeit. Vor 36 Jahren kam sie als Flüchtling aus Afghanistan, nach dem Einmarsch der Sowjetunion hatte die kommunistische Regierung 72 Menschen aus ihrem direkten Umfeld verschleppt. Frauen und Kinder kamen irgendwann zurück, von den Männern fehlt bis heute jede Spur. Sie bekam ein deutsches Visum und vorläufige Papiere und reiste legal nach Deutschland, wo sie Asyl erhielt. Inzwischen hat sie auch einen deutschen Pass.

14 Jahre war Nesrin A. damals alt, ging zur Schule, arbeitete später bei einer Bank in München und kam schließlich vor gut sechs Jahren nach Mühldorf. Zeitweise pendelte sie in die Landeshauptstadt, ihr Hauptaugenmerk aber galt der Erziehung der kleinen Tochter, die heute elf Jahre alt ist. „Wir fühlen uns sehr wohl, achten die Gesetze und zahlen Steuern“, sagt sie und klingt dabei ziemlich deutsch.

Im Mai eröffnete sie ihren „Orientalischen Basar“ in Mühldorf Nord, richtete die ehemalige Metzgerei wieder her. „Ich dachte, es ist eine Marktlücke, viele Landsleute müssen nach München fahren, um orientalisches Essen kaufen zu können.“ In der Nachbarschaft gehe es ihr gut, am 16. September ist rund um ihren Laden ein großes Nachbarschaftsfest geplant.

Daran hat auch der Schweinekopf nichts verändert, den Unbekannte in der vergangenen Woche an die Tür ihres Geschäfts hängten. Die Nachbarn hätten sehr freundlich und mitfühlend reagiert und mancher Kunde sei neu ins Geschäft gekommen nach den Nachrichten über den Vorfall.

Ihren wahren Namen möchte Nesrin A. trotzdem nicht in der Zeitung lesen, schließlich leben sie und ihre Familie in Mühldorf. „Und wer weiß?“, sagt sie lapidar. Denn für sie steht fest, dass Rechtsradikale hinter dem nächtlichen Vorfall stecken. Sie erzählt von ähnlichen Vorkommnissen in ganz Deutschland, in Niederbayern, auch in der Region. Immer seien es Schweineköpfe oder Teile von Schweinen gewesen, die Muslime vor ihrer Haustür gefunden hätten.

Die Mühldorfer Polizei will sich auf eine rechtsradikale Absicht nicht festlegen. Es gebe keine neuen Erkenntnisse über den Täter, sagt Polizeisprecher Roland Kauer, oder über sein Motiv, das für Nesrin A. so eindeutig ist. Eine Beleidigung sei das nicht, glaubt sie, eher eine politisch motivierte fremdenfeindliche Aussage. „Ich hoffe, dass die Polizei was macht.“ Ihr gehe es darum, dass die Beamten den Vorfall ernst nähmen, damit die Bevölkerung wahrnehme, was passiert.

„Wir ermitteln in beide Richtungen“, erklärt dagegen Polizeisprecher Kauer, es gehe sowohl um eine mögliche Beleidigung als auch um einen möglichen rechtsradikalen Hintergrund der Tat. „Das ist eine Möglichkeit, aber nicht bindend, sagt er. „Es kann sein, wir schließen nichts aus.“

Das Netzwerk „Mühldorf ist bunt“ legt sich dagegen fest, Adelheid Kückelhaus spricht von einem „rassistischen Angriff“. In einer schriftlichen Erklärung fordert das Netzwerk die Polizei auf, bei „Verdacht auf politisch motivierte Kriminalität, rassistische und menschenfeindliche Motive sorgfältig zu prüfen.“ Dazu gehöre vor allem die Einschätzung der Tat durch die Opfer.

„In den letzten Jahren war Mühldorf ein Aktionsschwerpunkt der antimuslimischen und rassistischen Identitären Bewegung, auch Neonazis waren in den letzten Jahren immer wieder aktiv“, schreibt das Netzwerk.

Nach Angaben von Polizeisprecher Kauer wird der Fall der Staatsanwaltschaft vorgelegt. hon

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