Psychisch Kranker setzt Wohnung in Mettenheim in Brand: „Ich wollte niemand etwas Böses!“

Brand am 15. April in Mettenheim:Ein psychisch Kranker hatte die Wohnung in Brand gesetzt, jetzt wurde er verurteilt. Eß/fib
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Brand am 15. April in Mettenheim:Ein psychisch Kranker hatte die Wohnung in Brand gesetzt, jetzt wurde er verurteilt. Eß/fib
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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40-Jähriger muss sich vor dem Schwurgericht Traunstein verantworten: Erst Medikamente abgesetzt, dann Wahnvorstellungen, schließlich Brandstiftung, letztlich aber nicht schuldfähig. Richter ordnet Einweisung in psychiatrische Klinik an.

Mettenheim – „Ich wollte wirklich niemand etwas Böses. Ich hatte schon wochenlang Todesangst in diesem Haus.“ Seine Ängste konnte ein psychisch kranker 40-Jähriger vor dem Schwurgericht Traunstein allerdings nicht näher benennen. Er hatte in seinerDachgeschosswohnung in einem Sechs-Parteien-Haus in Mettenheim einen Brand gelegt, glücklicherweise wurde niemand verletzt. Das Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs ordnete nun die Unterbringung des vorher nie straffällig gewordenen Beschuldigten in einer psychiatrischen Klinik an.

Laute Heavy-Metal-Musik und Drohungen: „Ich bring Euch alle um!“

Rückblende: In der Nacht zum 14. April 2019 weilten sechs Menschen in dem Gebäude. Der 40-Jährige hörte laute Heavy-Metal-Musik und schrie herum. Er soll Möbel geworfen und „Ich bring Euch alle um, ich knall Euch ab“ gerufen haben – doch davon wusste er vorgeblich nichts mehr. Gegen 5 Uhr früh zündete er dann laut Anklageschrift in Schlaf- und Wohnzimmer große Haufen Wäsche und Papier an. Die Rauchmelder schaltete er ab. Das Feuer breitete sich aus, griff auf Mobiliar und Teppichböden über. Die Zimmer waren voller Qualm und Rauchgas.

Mieterin nimmt Rauchmelder wahr, Feuerwehr kommt rechtzeitig

Eine Mieterin nahm gegen 5.30 Uhr einen Geruch nach Verbranntem wahr und erinnerte sich an das nächtliche Piepsen eines Rauchmelders. Feuerwehrleuten gelang es, das Feuer vor Ausbruch eines Vollbrands zu löschen. Der 40-Jährige war während der Hilfsaktion nicht auffindbar: Er hatte das Haus verlassen.

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Vor dem Schwurgericht schilderte der Täter, er leide seit 20 Jahren unter einer psychischen Krankheit. Wenn er seine Medikamente nehme, komme er zurecht. Der 40-Jährige bedauerte, etwa ein bis zwei Monate vor der Brandstiftung die Arzneimittel abgesetzt zu haben. Erst 2017 war der 40-Jährige in die Wohnung in Mettenheim gezogen. Er betonte: „In dem Haus war ich allein, fand keinen Kontakt zu den Mitbewohnern. Probleme mit den anderen gab es nie.“

Doch von Monat zu Monat ging es ihm schlechter. Der 40-Jährige ging davon aus, dass damals fast niemand im Haus lebte: „Es war wochenlang nur Totenstille in dem Haus. Ich hatte Todesangst.“ Nach der Brandlegung sei er per Taxi nach Waldkraiburg gefahren. Weil er kein Hotel gefunden habe, sei er in das Förderzentrum geflohen, wo er sich ausgekannt habe. Dort habe er sich „sicher gefühlt“, meinte der Beschuldigte.

Nach einigen Tagen in einem Hotel sei er mit dem Bus nach München – um sich zu verstecken und telefonisch eine Therapie zu suchen. Über die Ostertage sei er nur auf Anrufbeantwortern gelandet. In den letzten zwei Monaten sei ihm das Geschehen erst klar geworden: „Jetzt bin ich wieder da. Ich habe aus der Tat gelernt, dass ich meine Medikamente nehmen muss.“

60 000 Euro Schaden

Der Hausmeister bezifferte den Schaden auf etwa 60 000 Euro. Das Renovieren der unbenutzbaren Wohnung sei noch im Gang. Die Folgen des Feuers seien schwer zu beseitigen, bestätigte Brandsachverständiger Manfred Wehrmann vom Bayerischen Landeskriminalamt. Für die Mitbewohner habe bei Entdeckung des Brands „noch keine große Gefahr“ bestanden.

Bewährungsstrafe „noch keine gute Idee“

Die psychiatrische Gutachterin, Dr. Madeleine Kassar vom Bezirksklinikum in Gabersee, ging auf die Krankheit des 40-Jährigen mit Verschwörungstheorien und „doppelter Buchführung“ ein. Bei der Tat sei er weder einsichts- noch steuerungsfähig gewesen. Die Wiederholungsgefahr für vergleichbare Taten sei hoch. Noch sei die Behandlungsbereitschaft des 40-Jährigen „dürftig“, so die Sachverständige. Eine Bewährung sei „noch keine gute Idee“.

Vom Vorwurf der Brandstiftung mit Todesfolge abgerückt

Die Antragsschrift von Staatsanwalt Markus Andrä umfasste zunächst versuchten Mord in sechs Fällen, versuchte Brandstiftung mit Todesfolge sowie besonders schwere Brandstiftung. Vom Vorwurf der Brandstiftung mit Todesfolge rückte der Ankläger ab und beantragte, die Unterbringung anzuordnen. Bei der Tat habe der Beschuldigte einen extremen Krankheitsschub gehabt. Der 40-Jährige leide noch immer unter Wahnvorstellungen und sei somit weiterhin gefährlich.

Der Verteidiger, Jörg Zürner aus Mühldorf, kämpfte um Bewährung für seinen Mandanten. Dieser habe problemlos 20 Jahre mit der Krankheit gelebt. Mit Sicherheit habe er niemand im Haus töten wollen. Dritte im Haus seien laut Sachverständigem nicht gefährdet gewesen. „Ich war immer ein rechtschaffener Staatsbürger, habe einmal einen Fehler gemacht“, schloss sich der 40-Jährige im „letzten Wort“ an.

Angeklagter hat aus Angst gehandelt

Für Lockerungsmaßnahmen wie für Bewährung sei es noch zu früh, betonte der Vorsitzende Richter im Urteil. Die Kammer habe einen Tötungsvorsatz ebenso verneint wie versuchten Mord. Der 40-Jährige habe „aus Angst gehandelt“, habe sein Leben neu beginnen, aber niemand schaden oder verletzen wollen. Erich Fuchs wörtlich: „Er hat sich gegen eine imaginäre Gefahr von außen gewehrt.“

Bei dem Verbrechenstatbestand „schwere Brandstiftung“ habe der Mann ohne Schuld gehandelt. Unbehandelt sei er für Allgemeinheit „weiterhin gefährlich“. Er verfüge über keine Krankheitseinsicht. Grundlegende Verhaltensänderungen, auch in der Sichtweise, seien noch nicht eingetreten. Es bedürfe einer weiteren Behandlung, unterstrich der Vorsitzende Richter. kd

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