Prozessauftakt:37-Jährige mit 40 Messerstichen getötet – Töginger (57) erinnert sich nicht

Ein 57-jähriger Kraftfahrer aus Töging, hier mit Verteidiger Erhard Frank aus Burghausen, soll im Januar 2020 seine 37-jährige Ehefrau mit mindestens 40 Messerstichen getötet haben. Der Angeklagte muss sich seit gestern wegen Totschlags vor dem Schwurgericht Traunstein verantworten. Mit dem Urteil wird am 19. Oktober gerechnet.
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Ein 57-jähriger Kraftfahrer aus Töging, hier mit Verteidiger Erhard Frank aus Burghausen, soll im Januar 2020 seine 37-jährige Ehefrau mit mindestens 40 Messerstichen getötet haben. Der Angeklagte muss sich seit gestern wegen Totschlags vor dem Schwurgericht Traunstein verantworten. Mit dem Urteil wird am 19. Oktober gerechnet.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Nach mindestens 40 Messerstichen ist eine 37-jährige Frau aus Töging verstorben. Angeklagt ist ihr 57-jähriger Ehemann, der sich zum Prozessauftakt vor dem Schwurgericht Traunstein an die Tat nicht erinnern kann.

Traunstein/Töging – „Ich hab sie geliebt, hab sie von ganzem Herzen geliebt.“ Das beteuerte ein 57-jähriger Kraftfahrer gestern zu Auftakt des Totschlagsprozesses vor dem Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs. Ihm wird vorgeworfen, seine 20 Jahre jüngere Ehefrau am 19. Januar 2020 in Töging mit mindestens 40 Messerstichen getötet zu haben. An die entscheidenden Szenen wollte der Angeklagte keine Erinnerung mehr haben.

Der Fernfahrer stammt aus Ueckermünde in Mecklenburg-Vorpommern, kam im August 1989 über Ungarn in die Bundesrepublik, ließ sich in Edling bei Wasserburg nieder, zog nach Sachsen-Anhalt, ging zurück nach Bayern, holte seine Freundin nach und heiratete sie 2006. Der 57-Jährige arbeitete über die Jahre in verschiedenen Berufen, zuletzt als Fernfahrer. Nach 18 Jahren trennte sich seine erste Frau von ihm, 2015 folgte die Scheidung.

Den ersten Streit trennte der Sohn

Anfang 2018 lernte der Angeklagte das spätere Opfer aus Rostock kennen. Im Oktober 2019 war Hochzeit in Töging. Bis 23. Dezember 2019 war nach Worten des Angeklagten „alles im Lot, alles in Ordnung“. Die Beziehung verschlechterte sich – angeblich wegen eines anderen Mannes. Der Angeklagte behauptete, seine Frau habe alles abgestritten. Am 18. Januar habe man abends gegessen, dann jeder mit dem Handy hantiert.

Beim Schließen der Spiele habe er auf ihr Handy geblickt: „Sie hatte ein Foto von sich mit dem neuen Freund als Bildschirmschoner – in der gleichen Pose wie auf einem Bild früher mit mir. Das hat mich so wütend, so rasend gemacht. Wir haben um das Handy gerangelt und gekämpft.“ Schlimmeres verhinderte zunächst der Sohn des Angeklagten aus erster Ehe, der zufällig bei seinem Vater war. Er trennte das streitende Paar und ging zurück in sein Zimmer.

Unter Tränen schilderte der 57-Jährige, kurz darauf habe ihn seine Frau beschimpft, beleidigt und „gelacht“. Ab diesem Zeitpunkt wisse er nichts mehr. Dazu der Vorsitzende Richter: „Nach meiner beruflichen Erfahrung sind derartige Erinnerungslücken eher als zweifelhaft zu betrachten.“ Der Angeklagte mit Verteidiger Erhard Frank blieb bei seiner Darstellung. Er habe erst wieder Polizeibeamte im Gedächtnis.

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Staatsanwalt Markus Andrä rekonstruierte das Kerngeschehen aufgrund der Ermittlungen und Gutachten. Demnach holte der 57-Jährige ein 30 Zentimeter langes Küchenmesser. Im Schlafzimmer versetzte er der Frau mit der 19 Zentimeter langen Klinge einen Stich in den Bauch. Sie floh ins Bad. Dort stach der Angeklagte ihr laut Anklage mindestens 40-mal in Hals, Bauch und Brust. Die Schwerverletzte habe um ihr Leben gefleht. Der herbeigeeilte Sohn habe vergeblich versucht, den Angreifer wegzuzerren. Ein Stich durchtrennte eine Halsschlagader, ein Stich drang durch die Lunge bis in die Leber ein, Dünn- und Dickdarm wurden verletzt. Das Opfer verstarb infolge des Blutverlusts.

Diskrepanzen zwischen dem Paar

Die Polizeikräfte fanden die Geschädigte leblos im Bad. Der Ehemann kniete neben ihr, hielt ihren Kopf, nannte ihren Namen und rief: „Bitte bleib am Leben.“ Ein Notarzt konnte nur mehr den Tod der 37-Jährigen attestieren. Den Sohn des Angeklagten entdeckten Beamte im Freien, versteckt hinter Gebüsch und mit Blut an der Kleidung.

Gestern hörte das Schwurgericht mehrere Polizeizeugen an, auf deren Erkenntnissen die Anklageschrift basiert. In vielen Bereichen der Wohnung wurden damals Blutreste gesichert, die auf ein dynamisches Kampfgeschehen hindeuteten. „Wofür ist dieses Messer benutzt worden?“ Auf diese Frage des Vorsitzenden Richters mit hochgehaltener Tatwaffe wandte der Angeklagte den Kopf ab: „Das möchte ich nicht sehen.“

Drei Nebenkläger aus der Familie der Getöteten verfolgen den Prozess. Ihnen steht Rechtsanwalt Miguel Moritz bei. Die Mutter des Opfers berichtete von „Diskrepanzen“ zwischen dem 57-Jährigen und der 37-Jährigen. Ihre Tochter habe gesundheitliche Probleme gehabt und sich mehr Unterstützung erhofft. Die Mutter meinte, der neue Mann hat der Tochter „mehr Kraft gegeben“.

Der Angeklagte entschuldigte sich bei der Nebenklägerin: „Ich habe das nicht gewollt.“ Einer Freundin erzählte das spätere Opfer von der neuen Liebe. Dem Freund (48) gegenüber klagte die 37-Jährige, nach der Hochzeit habe sich der Angeklagte enorm verändert. Sie habe ausziehen und sich scheiden lassen wollen, so der Zeuge. Gemeinsame Pläne habe man noch nicht gehabt.

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