Prozess wegen Missbrauchsfall im Bildungswerk Aschau: Orden distanziert sich von Mitarbeitern

Ein ehemaliger Ausbilder, der sich  vor dem Amtsgericht Mühldorf unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs eines lernbehinderten Jugendlichen verantworten muss, hat das Berufsbildungswerk der Salesianer in Aschau-Waldwinkel ion die Schlagzeilen gebracht.
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Ein ehemaliger Ausbilder, der sich vor dem Amtsgericht Mühldorf unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs eines lernbehinderten Jugendlichen verantworten muss, hat das Berufsbildungswerk der Salesianer in Aschau-Waldwinkel ion die Schlagzeilen gebracht.
  • Hans Grundner
    vonHans Grundner
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Wurde ein Auszubildender von einem ehemaligen Mitarbeiter des Berufsbildungswerks Aschau-Waldwinkel zu sexuellen Handlungen genötigt? Diese Frage wird am Amtsgericht Mühldorf verhandelt. Der Salesianerorden, Träger der Einrichtung, distanziert sich von Mitarbeitern, die von den Vorwürfen wussten.

Aschau – „Die genannten Vorwürfe erschüttern uns. Sollten die Beschuldigungen zutreffen, gilt dem Jugendlichen unser Mitgefühl und bieten wir ihm unsere Unterstützung an.“ Mit diesen Worten reagiert die Deutsche Provinz der Salesianer Don Boscos, Träger des Berufsbildungswerks Waldwinkel (BBW), auf den Prozess gegen einen ehemaligen Ausbilder, gegen den derzeit am Amtsgericht Mühldorf unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs eines lernbehinderten Jugendlichen verhandelt wird.

Präventionskonzept hat nicht gegriffen

Auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen erklärt der Orden in einer Stellungnahme, erst in der vergangenen Woche von den strafrechtlichen Vorwürfen gegen den Ex-Mitarbeiter erfahren zu haben. Der Orden distanziert sich deshalb ausdrücklich von zwei Mitarbeitern, die seit Mitte 2019 als Zeugen bei der Kriminalpolizei und zuletzt vor Gericht zu den Vorfällen ausgesagt haben, die Leitung des Berufsbildungs- und Jugendwerks aber in keinem dieser Fällen informiert hätten.

„Ohne im genannten Fall eine Vorverurteilung vornehmen zu wollen, möchten wir deutlich feststellen: Das beschriebene Vorgehen entspricht in keiner Weise den Vorgaben und Meldepflichten, die in den Richtlinien zum präventiven Kinder-, Jugend- und Mitarbeiterschutz der Deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos vorgegeben sind und in unseren Einrichtungen verbindlich umgesetzt werden sollen.“ Der Orden verweist in diesem Zusammenhang auf sein Präventionskonzept für alle Einrichtungen der Salesianer Don Boscos in der Deutschen Provinz.

Weiter heißt es in dem Schreiben: „Sollte ein Jugendlicher durch ein derartiges Fehlverhalten von pädagogischen Mitarbeitern unserer Einrichtung zu Schaden gekommen sein, bedauern wir dies sehr.“

Laut Anklage der Staatsanwaltschaft soll der beschuldigte Ex-Ausbilder im Rahmen seiner Tätigkeit im Zeitraum 2017/18 einen 1996 geborenen Jugendlichen aus dem Landkreis Rosenheim gezwungen haben, Cannabis zu verkaufen, und den jungen Mann zum Oralverkehr genötigt haben.

Pädagogisches Fehlverhalten

Nach Befragung der Mitarbeiter, die als Zeugen bei den staatlichen Ermittlungsinstanzen aussagten, liegen den Salesianern nach eigener Aussage folgende Erkenntnisse vor: Im ersten Halbjahr 2018, eine genauere zeitliche Eingrenzung sei nicht möglich – sei ein pädagogisches Fehlverhalten des heute Beschuldigten gegenüber dem Jugendlichen bekannt geworden. „Er hatte dem Jugendlichen mehrfach Geld geliehen; diese Ausleihe führte später zu einem Konflikt zwischen beiden.“ Aus diesem Grund habe die Einrichtungsleitung dem Ausbilder gegenüber eine Ermahnung ausgesprochen. „Weitere Hinweise auf ein Fehlverhalten des Beschuldigten gab es nicht.“

2019 Ausbilder aus anderen Gründen fristlos entlassen

Wie der Orden weiter mitteilt, ist der Beschuldigte seit Februar 2019 nicht mehr im BBW beschäftigt. Die fristlose Kündigung des Arbeitsverhältnisses zum damaligen Zeitpunkt stehe nicht im Zusammenhang mit den strafrechtlichen Vorwürfen. Sie sei wegen eines Verstoßes gegen arbeitsvertragliche Pflichten ausgesprochen worden. Der betroffene Jugendliche habe seine Ausbildung bereits 2018 erfolgreich abgeschlossen.

Die Salesianer begrüßen die Einleitung der nötigen strafrechtlichen Ermittlungen der zuständigen staatlichen Behörden. Offizielle Angaben zu diesem Verfahren seitens der Behörden liegen laut Stellungnahme weder der Einrichtungsleitung noch der Ordensprovinz als Trägere des BBW vor. Ein Rechtsverteter bemühe sich um Einsicht in die Verfahrensakten, um Kenntnis über den Sachverhalt zu gewinnen.

Seit 2010 Missbrauchsfälle in Deutschland bekannt wurden, mussten sich auch die Salesianer mehrfach mit diesem Thema auseinandersetzen. Fälle von Missbrauch und Gewalt an Minderjährigen durch Ordensangehörige und Mitarbeiter in Salesianereinrichtungen aus den 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahren wurden bekannt. Seitdem habe sich der Orden intensiv mit dere Aufarbeitung der Fälle sexualisierter Gewalt beschäftigt.

Drei Verdachtsfälle in den 1960er-Jahren

Auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen teilt der Orden mit, dass es im BBW in Aschau in den 60er-Jahren einen Fall gab, in dem über sexuelle Grenzverletzungen berichtet wurde, sowie zwei Fälle, in denen Anschuldigungen wegen physischer Gewaltanwendung erhoben wurden. In der jüngsten Zeit bestätigt die Einrichtung einen Verdachtsfall, der eine umfassende Untersuchung ausgelöst habe. „Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs hat sich aber nicht bestätigt.“

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