Prozess gegen Ex-Ausbilder: Amtsgericht Mühldorf sieht Vergewaltigung nicht als erwiesen an

Der Prozess gegen einen ehemaligen Ausbilder des Berufsbildungswerks Waldwinkel endete mit einer Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen mehrerer Drogendelikte. Den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs eines Schutzbefohlenen sah das Gericht dagegen nicht als erwiesen an.
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Der Prozess gegen einen ehemaligen Ausbilder des Berufsbildungswerks Waldwinkel endete mit einer Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen mehrerer Drogendelikte. Den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs eines Schutzbefohlenen sah das Gericht dagegen nicht als erwiesen an.

Die sechsstündige Marathonverhandlung am Amtsgericht Mühldorf endete mit einer Freiheitsstrafe auf Bewährung für einen ehemaligen Ausbilder des Berufsbildungswerks Aschau-Waldwinkel. Verurteilt wurde er nicht wegen sexuellen Missbrauchs eines Schutzbefohlenen, den das Gericht nicht als erwiesen ansah, sondern wegen anderer Delikte.

Mühldorf/Aschau – Zu einer Freiheitsstrafe von elf Monaten auf Bewährung, hat das Schöffengericht um Richter Florian Greifenstein am Amtsgericht Mühldorf am Donnerstag einen ehemaligen Ausbilder am Berufsbildungswerk Waldwinkel wegen mehrerer Drogendelikte verurteilt. Den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs eines heute 24-jährigen lernbehinderten Azubis sah das Gericht nach sechsstündiger Marathonverhandlung dagegen nicht als erwiesen an.

Angeklagter: Verkehr war einvernehmlich

Die Folgeverhandlung hatte mit einer Einlassung des Angeklagten aus dem Landkreis Mühldorf begonnen, die der 35-Jährige etwa eine halbe Stunde lang verlas. Darin schilderte er die Entstehung des „freundschaftlichen Verhältnisses“ zum Geschädigten, wie er es bezeichnete.

Richter Greifenstein nannte dieses später „bizarr“. Als Ausbilder wusste der Angeklagte von Alkohol- und Drogenausschweifungen seines Schützlings, „der vor anderen geschützt werden musste“. Immer wieder sei er für ihn eingetreten, habe ihm Fahrkarten bezahlt oder ihn abgeholt und heimgefahren. Ihm habe der Lehrling Sorgen gemacht. Der junge Mann sei infolge seiner „Beschaffungskriminalität“ von Drogenhändlern bedroht worden. So seien die beiden auf die Idee gekommen, selbst Drogen anzubauen und Cannabis zu pflanzen, welches sie später geerntet und auch selbst konsumiert hätten.

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Dabei habe er, so der Angeklagte, eines Abends in der Wohnung des Lehrlings auf dessen Drängen selbst Marihuana geraucht. Dies habe den jungen Mann stimuliert. Dieser habe ihn überredet, ihn oral zu befriedigen, was er am nächsten Tag bitter bereut habe, so der ehemalige Ausbilder. Nach seinen Worten hat es einen zweiten ähnlichen Vorfall gegeben. Dabei sei es beim Küssen und Streicheln geblieben.

Im Weiteren wurden vier ehemalige Azubis der Einrichtung gehört. Deren Aussagen trugen nichts Wesentliches zur Erkenntnisgewinnung bei. Sie hätten bei dem Geschädigten teilweise Marihuana gekauft, ob er vom Ausbilder zum Drogenhandel angestiftet worden sei, wussten sie nicht.

Täter-Opfer-Ausgleich: 5000 Euro gezahlt

Ehe der Geschädigte unter Ausschluss der Öffentlichkeit mehr als eine Stunde lang vernommen wurde, war es zu einem Täter-Opfer-Ausgleich gekommen. Der Angeklagte zahlte dem ehemaligen Lehrling 5000 Euro als Entschädigung für die sexuellen Handlungen.

Anklage: „Schwere Vergewaltigung“

In ihrem Plädoyer bezeichnete Staatsanwältin Linda Arnotfalfy den Geschädigten als glaubwürdigen Zeugen, der keinen übertriebenen Belastungseifer an den Tag lege. Der junge Mann habe zu seinem Ausbilder Vertrauen gefasst, dieser habe ihn mit Drohungen zum Verkauf der selbst angebauten Drogen gezwungen und das daraus erzielte Geld an ihn abliefern müssen.

Was die er sexuellen Handlungen angeht, glaube sie dem Opfer. Dieses sei durch Drohungen, ihn durch die Prüfung fallen zu lassen und aus der Einrichtung zu werfen, gefügig gemacht worden. Die Staatsanwältin sei deshalb eine „Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall“ als gegeben an. Sie forderte eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und drei Monaten.

Verteidiger Dr. Andreas Michel arbeitete in seinem Plädoyer als entscheidenden Gesichtspunkt heraus, dass zwischen Ausbilder und Lehrling kein Abhängigkeitsverhältnis bestanden habe. Es habe sich eine Freundschaft entwickelt, die an dem verhängnisvollen Abend einen extremen Punkt erreicht habe. Der Ausbilder sei immer für den Auszubildenden eingetreten, habe ihm in der Einrichtung vor Anfeindungen geholfen.

Verteidiger: Freispruch und Geldstrafe

Am fraglichen Abend hätten beide Marihuana geraucht, die sexuellen Handlungen seien einvernehmlich geschehen. So forderte Michel in diesem Anklagepunkt einen Freispruch für seinen Mandanten. Für die Drogendelikte hielt er eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu 20 Euro für gerechtfertigt.

Nach einer gründlichen Beratung sprachen sich Florian Greifenstein und seine beiden Schöffen für eine Freiheitsstrafe von elf Monaten aus, die auf eine zweijährige Bewährung ausgesetzt ist.

Es sei ein „schwieriger Sachverhalt“ gewesen, so Richter Greifenstein. Während sich der Tatbestand des Anbaus und des Handels mit Drogen als erwiesen zeigte, sei es in den Fällen des sexuellen Missbrauchs problematischer gewesen. War der Oralverkehr erzwungen und damit eine schwere Vergewaltigung oder ist er einvernehmlich erfolgt?

Das Schöffengericht hielt Letzteres für glaubhaft. Der Angeklagte habe den Lehrling oral befriedigt, dieser habe eine Erektion gehabt und sei zum Samenerguss gekommen.

Gericht: „Abstruses“ Verhältnis

Für den Angeklagten habe auch die nicht unerhebliche Summe von 5000 Euro gesprochen, die er seinem ehemaligen Lehrling als Täter-Opfer-Ausgleich zukommen ließ. Er sei geständig und nicht vorbestraft. Dennoch sei es zu einer Grenzüberschreitung gekommen, das Verhältnis zwischen Ausbilder und Schutzbefohlenem bezeichnet der Richter als „abstrus“: Sie hätten die Freizeit miteinander verbracht, getrunken und Drogen genommen, seien in Spielhallen gegangen und hätten Zärtlichkeiten ausgetauscht. Laut Aussage des Angeklagten habe man das Cannabis auch deshalb angebaut, weil es dem Azubi gegen Bettnässen helfe.

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