Petra Altschäffls lange Suche nach einem Pflegeplatz im Landkreis Mühldorf

Petra Altschäfflbesucht ihren Vater fast täglich im Caritas-Altenheim, an diesem Tag versorgt sie ihn mit Mandarinen und Bananen. Denn die kann Otto Ebenhöh nicht mehr selbst schälen. Er ist auf intensive Pflege angewiesen, wie sie vor allem ein Pflegeheim bieten kann. Den Platz zu bekommen, war schwierig und nervenaufreiben. Diese Erfahrung macht nicht nur Petra Altschäffl.

Weil die Altenheime im Landkreis Mühldorf weitgehend ausgelastet sind, suchte Petra Altschäffl lange vergeblich nach einem Pflegeplatz für ihren dementen Vater. Auf 15 Anfragen kassierte sie 15 Absagen.

Von Markus Honervogt

Mühldorf – Plötzlich muss alles ganz schnell gehen – und wird sehr schwierig. Drei Jahre konnte Otto Ebenhöh noch zu Hause leben, bevor seine Alzheimer-Demenz vor gut drei Wochen so schwer wird, dass seiner auch schon 80 Jahre alten Lebengefährtin die Pflege nicht mehr möglich ist. Von einem auf den anderen Tag kommt er in die Akutgeriatrie nach Haag. 14 Tage lang, dann muss der 83-Jährige wieder raus.

Petra Altschäffl ist Otto Ebenhöhs Tochter und gesetzliche Betreuerin. Für die 58-Jährige, die sich ehrenamtlich in der Seniorenarbeit engagiert, beginnt eine hektische Zeit. In ihrer 65-Quadratmeter großen, nicht behinderten gerechten Wohnung kann sie den Vater nicht aufnehmen, er muss ins Pflegeheim. Das Problem: „Nicht alle Heime sind für Demenzkranke ausgelegt“, sagt Altschäffl. Sie haben keinen abgeschlossenen Bereich, aus dem die schwer vergesslichen Menschen nicht abhauen können.

15 Anrufe in Heimen, 15 Absagen

15 Heime ruft Altschäffl an und holt sich eine Absage nach der anderen: „Massing, Garching, Neumarkt-St. Veit, Altötting, Velden, Töging, sie ist bereit, ihren Vater auch etwas weiter weg unterzubringen. Eine Chance bekommt sie nicht: „Entweder belegt oder keine geschlossene Abteilung“, erzählt sie. Und: „Das geht allen so, die eine Heimplatz suchen, es ist ganz schwierig, alte Leute unterzubringen.“

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Eine geschlossene Station hat auch das Caritas-Altenheim in Mühldorf nicht, aber nach langer Suche plötzlich einen Platz frei. Ein Bewohner stirbt, Otto Ebenhöh kann einziehen. Im dritten Stock, davon ist seine Tochter überzeugt, ist er gut aufgehoben.

Otto Ebenhöh ist so schwer erkrankt, dass er ohne Hilfe kaum aus seinem Zimmer kommt. Wenn seine Tochter da ist, begleitet sie ihn zu einem Sofa vor dem Aufenthaltsraum. Andere Senioren kommen vorbei– oft unterstützt vom Rollator –, sie treffen sich im Aufenthaltsraum oder im Foyer.

Diese Bewegungsfreiheit, der Verzicht auf eine Dementenstation, gehört für Heimleiterin Ilona Brunner zum Konzept des Hauses. „Wir hoffen, durch individuelle Begleitung, den Drang nach draußen zu gehen, zu verringern“, sagt sie. Die meisten gewöhnen sich nach ihren Angaben so gut ein, dass die Sicherung durch einen Transponder an der Kleidung reicht. Der schlägt an, wenn der Bewohner das Haus verlässt. Seit der Eröffnung 2014 hätten nur zwei Kranke in eine geschlossene Station überwiesen werden müssen.

60 Prozent der 112 Bewohner ihres Altenheims leiden laut Brunner unter Demenz. Das Haus ist voll belegt. „Das hat sich im letzten Jahr so ergeben“, erinnert sie an die erste Zeit nach der Eröffnung. In den ersten Jahren habe es stets freie Zimmer gegeben, seit einem Jahr aber ist das Heim voll belegt. Die zunehmende Zahl alter Menschen, der Personalmangel, die starke Auslastung ambulanter Dienste, die gestiegenen Leistungen der Kassen und der Druck aus vielen Krankenhäusern, auch alte Menschen schnell zu entlassen, führen dazu, dass mehr Menschen ins Altenheim gehen. „Das verschärft sich extrem.“

Offiziell noch freie Plätze

Die offiziellen Zahlen des Landratsamts sehen nicht ganz so dramatisch aus. Mitte Januar gab es im Landkreis Mühldorf insgesamt 1580 stationäre Pflegeplätze, 1374 Plätze davon war belegt.“Daher ist eine stationäre Versorgung momentan gewährleistet“, urteilt Sprecherin Simone Kopf. „Langfristig gesehen könnte es durch einen zunehmenden Fachkräftemangel gerade auch in Pflegeberufen und die demografische Entwicklung bei der stationären Versorgung auch im Landkreis problematisch werden.“

Die Situation werde verschärft, weil sich zunehmend auch auswärtige Sozialdienste, speziell aus dem Raum München, um Pflegeplätze bemühten.

Um langfristig Pflegeplätze zu sichern, engagiere sich der Landkreis in der Ausbildung von Pflegepersonal und die Zusammenarbeit aller Akteure in der Seniorenarbeit. Im Arbeitskreis Pflegenachwuchs arbeiten laut Kopf Vertreter der Bildungsträger, des Gesundheitsamts, der Agentur für Arbeit und die stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen zusammen.

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Im Caritas-Altenheim gibt es keine Warteliste, die Heimleitung versucht schnell zu helfen. Trotzdem sagt Leiterin Ilona Brunner: „In einer akuten Situation muss man Glück haben.“ Wenn nicht, kann es auch mal vier Wochen dauern, bis ein Platz frei ist. Petra Altschäffl ist froh, dieses Glück für ihren Vater gehabt zu haben. Er ist gut unter gebracht, sagt sie, und sie kann ihn oft besuchen. Denn neben ihrem Vater hat sie weitere Menschen im Caritas-Heim, die sie als Hospizhelferin betreut.

Wie kann ich mich fürs Pflegeheim vorbeiten

Nur zehn Prozent der Bewohner des Caritas-Altenheims in Mühldorf sind rüstig, das heißt, sie haben keine Pflegestufe. Mehr kann sich das Heim aufgrund des schlechten Personalschlüssels von 1:23 für diese Gruppe gar nicht leisten. Zum Vergleich: Bei Bewohnern, die eine höhere Pflegestufe haben, gilt ein Personalschlüssel von 1:6 oder höher. Trotz der geringen Zahl rüstiger Bewohner empfiehlt Brunner, sich rechtzeitig mit dem Gedanken an einen Umzug zu befassen, damit man vorbereitet ist, wenn es sein muss. „Es ist gut, wenn man sich Gedanken macht, was man will, was einem selbst wichtig ist.“

• Alte Menschen sollten sich rechtzeitig nach eingem geeigneten Heim umsehen, dass ihnen von Angebot und Lage her zusagt.

• Sie sollten sich bei dem Seniorenheim melden und mitteilen, ob der Umzug dringend ist.

• Wer frühzeitig entscheidet, umzuziehen, kann in Ruhe seine Wohnung auflösen und festlegen, welche persönlichen Dinge er mitnehmen will, wenn es soweit ist.

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