Perry-Rhodan-Perspektive

Waldkraiburg war seiner Zeit immer schon ein Stück voraus.

Manchmal muss man nur zurückschauen, um in dieser Ansicht bestätigt zu werden. Auf die Woche vor 50 Jahren etwa, als sich die blutjunge Stadt in fast jeder Beziehung auf der Überholspur wähnte, Infrastruktur- und Freizeiteinrichtungen wie Pilze aus dem Boden zu schießen schienen. Damals schickte sich Waldkraiburg an, Olympia-Stützpunkt zu werden, nach einem gigantischen Sportbad eine Kunsteisbahn und wer weiß, was sonst noch alles zu planen.

Bei so viel Zukunft fehlte eigentlich nur noch: ein Perry-Rhodan-Club. Der – wen wundert‘s? – zeitgleich aus der Taufe gehoben wurde. Von jungen Männern, die raumfahrt- und technikaffin auf den Spuren des Science-Fiction-Helden wandelten, die großen Fragen der Zeit im Blick. Die konnten nicht zukünftig genug sein. Aufbruch, Veränderung – es galt nur eine Richtung.

Die Kunsteisbahn ist geblieben, sogar zur einzigen Eissporthalle im Landkreis geworden. Die Stadtwerke lassen sie sich ein Menge Geld kosten und halten sie sogar über den Lockdown hinweg in Betrieb. An der Stadt liegt‘s also nicht, dass die Wintersportler auf Sparflamme unterwegs sind.

Die Perry Rhodans von einst haben sich in den Tiefen des Universums verflüchtigt. Sie sind älter geworden. Und mit ihnen hat sich auch das kollektive Lebensgefühl geändert. Das mag ein Grund sein, warum auf Veränderungen heute nicht mehr ganz so euphorisch reagiert wird wie vor einem halben Jahrhundert.

Das mag auch ein Grund sein, warum sich die Stadt gar so schwertut, für ihre städtebaulichen Entwicklungsziele im Geschosswohnungsbau Akzeptanz in der Bürgerschaft zu finden. Der dafür gerne verwendete Begriff der „Nachverdichtung“ löst mittlerweile bei Anliegern Allergieschübe aus. Schockatmung. In der Breslauer Straße, in der Komotauer Straße, in der Porschestraße, am Grünen Weg, neuerdings am Stifter-Weg. Es gibt jede Menge entwicklungsfähige Grundstücke aus der Gründerzeit – viel Potenzial also für helle Aufregung über Verdichtungsprojekte und das, was die Bauverwaltung zulassen will.

In vielen Fällen ist diese Aufregung aufgrund der Dimensionen der Baukörper, die da im Gespräch sind, nachvollziehbar. Eine lebenswerte Stadt kann nicht allein auf der Basis wohnungswirtschaftlicher Kriterien entwickelt werden. Allerdings sollten Kritiker nicht ganz übersehen, dass die Stadt Wohnraum auch für den Zuzug kaufkräftiger Neubürger braucht. In Sachen Finanz-, Steuer-, Kaufkraft hängt die Waldkraiburger Bevölkerung nämlich alle vergleichbaren Städte ab. Es braucht deshalb auch Neubürger, die mit ihren Steuern beitragen, Eisarenen, neue Waldbäder zu bezahlen und andere Errungenschaften zu entwickeln.

Zwischen Dreispännern, die sich die Anlieger als Alternativen wünschen, die allerdings keine Verdichtung wären, sondern nicht selten einer Auflockerung der bestehenden Bebauung gleichkämen, und dem fünfgeschossigen 50-Meter-Riegel mit einer Vervielfachung des Wohnungsbestands sind in den meisten Fällen noch Spielräume. Muss Spielraum sein. Der muss ausgelotet werden, so anstrengend das ist. Lapidare Hinweise, das sei doch alles eh schon im ISEK-Prozess unter Beteiligung von Bürgern ausdiskutiert und beschlossen worden, genügen nicht.

Dass wieder mal die Perry-Rhodan-Perspektive die Gesellschaft mitreißt, und der Blick aus den unendlichen Weiten der Galaxien die größte Nachverdichtung auf Miniaturformat schrumpft, damit ist vorläufig nicht zu rechnen.

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