SERIE OVB-KULTURMINUTEN

Brigitte Feuerlein erinnert sich an Zeit in sogenannter Lagerschule 1947 bei Waldkraiburg

Brigitte Feuerlein
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Wie damals in der Lagerschule: Brigitte Feuerlein erinnert sich auf der Schulbank im Stadtmuseum an ein Kapitel ihres Lebens, das bestimmt nicht einfach war, das sie aber nicht missen möchte. Stadtmuseum/HUckemeyer
  • vonUschi Huckemeyer
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In der Serie Kulturminuten stellen die OVB-Heimatzeitungen Ausstellungsorte für Kunst, Kultur und Geschichte vor. In dieser Folge erinnert sich im Waldkraiburger Stadtmuseum eine Zeitzeugin an die Lagerschule, die 1946 eingerichtet wurde.

Waldkraiburg – Die Corona-Krise schärft den Blick auf viele Themen. So wurde zum Beispiel die Bedeutung des Schulunterrichts und die zeitgemäße Ausstattung von Schulen durch die Pandemie-Beschränkungen vielen wieder klarer vor Augen geführt. Vielen wird bewusst, dass Dinge, die sie für ganz selbstverständlich gehalten hatten, so selbstverständlich nicht sind. Die Alten wissen das oft noch aus eigener Erfahrung, zum Beispiel Waldkraiburger, die die Lagerschule besucht haben, der auch in der stadtgeschichtlichen Dauerausstellung im Haus der Kultur ein Kapitel reserviert ist.

80 Kinder in einem Raum unterrichtet

Bis in die 1960er-Jahre stand sie in den Klassenzimmern: eine originale Schulbank mit erhöhtem Fußbrett, auf der Brigitte Feuerlein ausnahmsweise für ein Interview mit der Zeitung im Museum Platz nehmen durfte. Der 83-Jährigen kommt die Bank ziemlich vertraut vor, was nicht verwunderlich ist, denn sie saß einst während des Schulunterrichts im Lager auf einer dieser Bänke.

Die Lagerschule steht für den Beginn des Bildungswesens in der frühen Nachkriegszeit. Ende November 1946 wurde die Schule unter schwierigsten Bedingungen in der Vertriebenensiedlung, die später einmal zur Stdat werden sollte, eingerichtet.

Die Seniorin kam 1947 als zehnjähriges Mädchen ins Flüchtlingslager nach Pürten, nach einer einjährigen Odyssee von Auffanglager zu Auffanglager. Trotz widriger Umstände war im Lager bereits im November 1946 eine Schule eingerichtet worden.

Die Schiefertafel bei der Vertreibung gerettet

Brigitte Feuerlein erzählt von einer kleinen Baracke, in der die Flüchtlings- und Vertriebenenkinder unterrichtet wurden. Sie kam gleich in die dritte Klasse. Die Schulkinder, rund 80 Mädchen und Buben, wurden klassenübergreifend in einem einzigen großen Raum unterrichtet, Schulmaterialien fehlten allerdings an allen Ecken und Enden.

„Ich hatte trotz der Vertreibung meine Schiefertafel gerettet, auf der ich dann im Unterricht schreiben konnte“, sagt Brigitte Feuerlein. Damit war sie fast schon privilegiert. Alte Rechnungsblöcke dienten als Schreibhefte. Die einstige Schülerin, die später den Beruf einer Damenschneiderin erlernte, entsinnt sich auch an ein dickes Malbuch samt bunten Farbstiften. „Beides schenkten uns die Amerikaner. Das Malbuch ging durch die ganze Klasse und jedes Schulkind durfte zwei Seiten ausmalen, das war für uns etwas Besonderes.“

Trotz allem gute Erinnerungen

Trotz dieser schwierigen Verhältnisse sagt die Waldkraiburgerin heute: „Die Lagerschule verbinde ich eigentlich mit guten Erinnerungen.“ Woran sie noch gerne zurückdenkt: Eine Lehrerin bot den Kindern außerhalb der Schulzeit Englisch-Unterricht an. „Da habe ich mitgemacht. Wir trafen uns mit der Lehrerin in einer privaten Wohnung.“

Schülertreffen und Stammtische organisiert

Weil die Schulzeit für die 83-Jährige alles andere als ein Schreckensgespenst gewesen ist, organisierte sie in späteren Jahren große Schülertreffen. Mit Aufrufen in Zeitung und Radio gelang es Feuerlein, rund einhundert Adressen ehemaliger Schüler ausfindig zu machen. Die Treffen fanden in der Gaststätte Zappe statt. „Irgendwann erledigte sich die Sache mit den Schülertreffen. Die Resonanz blieb aus. Dafür rief ich einen Stammtisch für ehemalige Lagerschüler ins Leben“, erzählt die Zeitzeugin.

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Diesen Stammtisch gibt es immer noch. Coronabedingt fällt die gesellige Runde mit etwa zehn Teilnehmern momentan natürlich ins Wasser.

Was die taffe Seniorin bis heute nicht aus dem Kopf bekommt, verrät sie mit einem schelmischen Lächeln: „Mein Mitschüler Wolfgang wurde von unserem Lehrer einmal mit Tatzen bestraft. Den Grund habe ich damals nicht mitbekommen. Er würde mich aber tatsächlich auch jetzt noch interessieren“.

Besondere Stadtgeschichte

Selbst manchem Waldkraiburger ist die besondere Geschichte seiner Stadt nicht oder nur bruchstückhaft bekannt. In Inszenierungen und anhand von begehbaren Räumen, großformatigen Fotos, Videostationen und Alltagsgegenständen präsentiert die stadtgeschichtliche Dauerausstellung im Haus der Kultur die Vorgeschichte, Entstehung und Entwicklung Waldkraiburgs.

Ein Schwerpunkt liegt im Museum, das die Kunsthistorikerin Elke Keiper leitet, auf der frühen Nachkriegszeit und der Gemeindegründung im Jahr 1950. Dabei wird die Leistung der Heimatvertriebenen sichtbar, die aus einer kleinen Siedlung, die auf den Trümmern einer Pulverfabrik entstand, die größte Stadt im Landkreis aufgebaut haben.

Das Ausstellungskonzept stellt die Lokalgeschichte in den größeren historischen Kontext: vom Zweiten Weltkrieg über die Vertreibung, die Gründung des neuen demokratischen Staates, die Währungsreform und das Wirtschaftswunder.

Mit der Serie „Kulturminuten“ stellen die OVB-Heimatzeitungen in loser Folge Ausstellungsorte für Kunst, Kultur und Geschichte vor, die hoffentlich bald wieder öffentlich zugänglich sind.

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