C’orona und fast ein Wiesnsplitter

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Haben Sie es auch im Ohr? Dieses Prosit der Gemütlichkeit, das satte Aneinanderschlagen von Bierkrügen, den Ruf der Karussell-Ansagerin: „Die nächste Fahrt geht rückwärts“?

O’zapft is! Der erste Schluck frisches Bier, der Duft von Hendln.

Also nein. Natürlich nicht.

Das blöde Virus hat nicht nur unsere Kinder in die Heimschule geschickt, die Großeltern verbannt und Wirtshäuser in den Ruin getrieben. Es hat auch gleich noch Schokofrüchte und Steckerlfisch befallen und ungenießbar gemacht. Das Mistbiest.

Viel hat unser Volksfest in den vergangenen 155 Jahren erlebt und überstanden: den großen Sturm, der das Festzelt davon wehte, wagemutige Steilwandmotorradfahrer und den Einzug auswärtiger Bierbrauer, Schwertschlucker und Feuerspucker, Böllerschützen und die Gleichschaltung mit dem Kreisparteitag der Nazis, manche Rauferei, einen fasszerschlagenden Bürgermeister, die Verlängerung auf elf Tage und sogar ein eigenes Buch.

Und während das erste Mühldorfer Weißbier des Tages naturtrüb ins Glas läuft (natürlich alkoholfrei, schließlich liest der Chef mit), ist es dann plötzlich doch da, das Volksfestgefühl. Durch das weit geöffnete Bürofenster dringt Geklapper, eine Kutsche rollt über das Pflaster, ein Brauerei-Sechsspänner. Zweifelsohne auf dem Weg zum Volksfestplatz. Mit dem Bräu an Bord. Ist doch noch Volksfestauszug, sind doch noch elf Tage Wiesn? Der Blick aus dem Fenster fällt auf eine ältere Dame, die gemächlichen Schrittes unterwegs ist vom Caritas-Altenheim zum Stadtplatz. Und die Kutsche? Ihr Rollator, der über das Pflaster der Kirchgasse ruckelt. Es wird halt doch nicht o’zapft, heuer. C’orona is.

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