Coronaklinik Mühldorf:  Mitarbeiter erleben organisierten Ausnahmezustand

Auch auf der Isolierstation ist Hygiene oberstes Gebot. Dafür sorgen Catherine Böhm (links) und Izabela Goluchowski, die zum Reinigungsteam der Klinik in Mühldorf gehören. Honervogt
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Auch auf der Isolierstation ist Hygiene oberstes Gebot. Dafür sorgen Catherine Böhm (links) und Izabela Goluchowski, die zum Reinigungsteam der Klinik in Mühldorf gehören. Honervogt

Ein Hausbesuch im Covidzentrum Mühldorf ist nur unter strengen Sicherheitsmaßnahmen möglich. Die Mitarbeiter dort nehmen ihre Aufgaben an, auch wenn ihre Arbeit dort manche Mitmenschen zu eigenartigen Reaktion bewegt.

Mühldorf - Die Szenerie erinnert an einen Hollywood-Katastrophenfilm. Frauen in Plastikanzügen stehen in einem vollgestopften Gang über medizinische Geräte gebeugt. Ihre Gesichter verschwinden hinter Schutzmasken und Plastikbrillen. Sie sind nicht zu erkennen.

Seit über einer Woche ist das Krankenhaus Mühldorf eine reine Corona-Klinik, im Verbund mit Altötting werden dort Kranke und Verdachtsfälle aus beiden Landkreisen behandelt.

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Den Weg zur Aufnahme-Isolierstation zeigt Benjamin Petz, er führt durch Gänge, die aus schnell aufgebauten Trockenbauwände bestehen. Petz leitet die Zentrale Notaufnahme, die jetzt zur zentralen Aufnahme geworden ist. Neun Aufnahmeplätze gibt es dort, von dort aus können Kranke auf die Stationen im Krankenhaus verteilt werden. Sollte der große Sturm kommen, stehen im Nachbarbereich weitere zwölf Plätze bereit.

Die Arbeit in der Klinik ist hart

Ein Arzt, eine Organisatorin, fünf Pfleger: Es ist ein kleines Team, das die Neuankömmlinge isoliert, untersucht, eine erste Anamnese erstellt. Die Arbeit ist hart, alle drei oder vier Stunden tauscht Petz seine Teams aus.

Zwei Frauen schieben einen Putzwagen heran: Catherine Böhm und Izabela Goluchowski reinigen und desinfizieren medizinische Geräte, Möbel, Türklinken. „Das ist halt unsere Arbeit“, sagt Böhm. „Man denkt schon ständig dran, aber Angst?“ Ihre Kollegin betont: „Wir sind ganz vorsichtig.“ Medizinvorstand Dr. Wolfgang Richter hebt hervor: „Ohne deren Einsatz könnten wir die Corona-Klink nicht betreiben.“

Noch sei die Arbeitsbelastung für alle Mitarbeiter erträglich, sagt Richter. Das liege auch daran, dass die im Januar zusammengeschlossenen Kliniken der Landkreise Mühldorf und Altötting die Aufgaben der Kliniken in der Corona-Krise neu neu aufgeteilt haben. In Burghausen und Haag sind die alten Menschen untergebracht, Altötting hält den Akutbetrieb aufrecht, Mühldorf ist das Corona-Zentrum für beide Landkreise. Bis zu 200 Betten stehen dort für Corona-Kranke zur Verfügung.

Das ist, sagt Medizinvorstand Richter, allerdings eine theoretische Zahl. Denn bevor eine Erkrankung nicht bestätigt ist, müssen die Patienten in Einzelzimmern isoliert werden. Komplett ausgelastet ist die Klinik damit noch nicht, 86 Menschen - Kranke oder Verdachtsfälle - sind bisher eingeliefert worden.

Die Stimmung ist gut

Auch die Personalausstattung macht Richter derzeit noch keine Sorgen, er schwärmt geradezu vom Einsatzwillen der Mitarbeiter und der Bereitschaft Freiwilliger, mitzuhelfen. „Wir arbeiten besonnen und effektiv und in sehr guter Stimmung.“ Von freiwilligen Pflegern und Ärzten, die in Rente oder im Erziehungsurlaub seien, käme viele Hilfe. „Jeder ist froh, wenn er nicht zu Hause rumsitzen muss, sondern etwas tun kann“, ist Richter überzeugt.

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Das größte Problem ist für ihn die Schutzausrüstung. Masken, Anzüge, sie reichen derzeit für knapp fünf Tage. Der angekündigte Nachschub sei „noch keine Menge, über die man wirklich sprechen kann“, sagt der Medizinvorstand. Schließlich solle sie auch für niedergelassene Ärzte zur Verfügung stehen. „Da kommt im Moment viel zu wenig an, das ist das Kernproblem.“

Im Eingangsbereich herrscht großer Andrang. Verwinkelt führt der Weg in ein Zelt, indem eine Mitarbeiterin bei allen Fieber misst, die rein kommen. Oder raus gehen. Jetzt, gegen 14.30 Uhr, sind es vor allem Pflegerinnen und Pfleger, es ist Schichtwechsel. Sie kommen fast alle in kleinen Gruppen, sehen müde aus, erschöpft, manche machen Witze über die Rangfolge der gemessenen Temperaturen.

Schlechte Erfahrungen mit Mitmenschen

Nicht alle, die im Krankenhaus arbeiten, wollen mit Namen in der Zeitung stehen. Eine Mitarbeiterin hat schlechte Erfahrungen gemacht: „Einige haben gesagt, dass sie mit mir nichts mehr zu tun haben wollen, weil ich im Krankenhaus arbeite“, erzählt eine Pflegerin. Sie zuckt desillusioniert mit den Schultern.

Auf einem Stuhl im Zelt sitzt eine Besucherin, die Sachen ihres Vaters abholen will. „Er wurde negativ getestet“, sagt sie der Mitarbeiterin, die am Telefon jemanden auftreiben muss, der schließlich mit einer großen Plastiktüte voller Dingen des Vaters kommt. Denn das Betreten des Hauses ist der Tochter verboten.

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Ihren Vater muss die Frau noch in der Klinik lassen. Er ist einfach so schlecht beieinander, dass er nicht nach Hause geschickt werden kann. Ein Schicksal, dass er laut Chefarzt Richter noch mit einem guten Dutzend anderer Patienten teilt. Auch die liegen noch auf einer der normalen Stationen. Sie sind der Rest einer Klinik, die sich im organisierten Ausnahmezustand befindet.

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