Nur noch halb so viele Seelsorger im Kreis Mühldorf: Die Katholische Kirche streicht Stellen

Besondere Gottesdienste – wie am Inn – können Menschen dazu bringen, ihre Pfarrgrenzen zu überwinden. Das ist nach Ansicht von Pfarrer Franz Eisenmann nötig, wenn sich die Zahl der Priester und pastoralen Mitarbeitern in den nächsten Jahren halbiert. Auch das Engagement von Ehrenamtlichen – bei der Lesung Dekanatsratsvorsitzende Christine Schmid – wird wichtiger werden. Rath
+
Besondere Gottesdienste – wie am Inn – können Menschen dazu bringen, ihre Pfarrgrenzen zu überwinden. Das ist nach Ansicht von Pfarrer Franz Eisenmann nötig, wenn sich die Zahl der Priester und pastoralen Mitarbeitern in den nächsten Jahren halbiert. Auch das Engagement von Ehrenamtlichen – bei der Lesung Dekanatsratsvorsitzende Christine Schmid – wird wichtiger werden. Rath
  • Markus Honervogt
    vonMarkus Honervogt
    schließen

Interview mit Dekan Franz Eisenamnn zum neuen Stellenplan des Erzsbistums München und wie die katholische Kirche im Landkreis Mühldorf die Personalnot überwinden will.

Von Markus Honervogt

Mühldorf – Das Erzbistum München hat einen neuen Stellenplan vorgelegt. Er sieht eine drastische Reduzierung der Mitarbeiter in der Seelsorge bis 2030 vor. Statt neun Stellen für Priester im Dekanat Mühldorf wird es künftig mit 4,5 nur noch die Hälfte geben. Die Zahl der Arbeitsplätze für pastorale Mitarbeiter sinkt von derzeit zehn auf 4,5. Außerdem sind 3,5 Stellen in der Seelsorge für Alte, Kranke und die Jugend vorgesehen. Fragen an Dekan Franz Eisenmann, Pfarrer in den Pfarrverbänden Neumarkt-St. Veit und Schönberg.

Künftig haben viele Pfarrverbänd wie Neumarkt-St. Veit nur noch einen halben Pfarrer, die Stadtkirche in Mühldorf nur noch einen. Wie reagieren Sie auf diese Zahlen?

Franz Eisenmann: Wer die Zahlen sieht, erschrickt natürlich zunächst, es ist ein Schock und hart.

Warum dieser Schock?

Eisenmann: Würde man die derzeitige Struktur beibehalten, hätten wir 2030 nicht mehr genug Personal. Die jetzt vorgelegten Zahlen sind also keine Gemeinheit gegenüber den Pfarreien, sondern ein realistischer Blick des Erzbistums auf die Situation. Auf der anderen Seite schreit das natürlich danach, dass wir andere Größen und Strukturen brauchen, weil es mit dem reduzierten Personal nicht gehen kann wie bisher.

Was heißt das?

Eisenmann: Wir brauchen Kooperationen beziehungsweise in den Dekanaten andere Zuschnitte und Modelle. Dabei besteht eine leichte Ungleichzeitigkeit, weil der Stellenplan schon vorliegt, der Strukturplan aber noch fertig ist.

Wirkt sich der neue Stellenplan sofort aus?

Eisenmann: Der Stellenplan ist das Ziel, das 2030 erreicht werden soll. Im ganzen Erzbistum sind dann 890 Stellen im Seelsorgsbereich vorgesehen, derzeit sind es 300 mehr. Das heißt aber nicht, dass ab morgen 300 Leute arbeitslos werden. Es gilt aber: Wenn jetzt eine Stelle frei wird, wird sie unter Umständen nicht mehr besetzt.

Zum Beispiel Ihr Pfarrverband Neumarkt-St. Veit: Wenn Kaplan Bernhard Häglsperger geht, bleiben nur Sie als Priester?

Eisenmann: Schönberg und wir sind die ersten Pfarrverbände im Dekanat, die zusammenarbeiten. Als bekannt wurde, dass Pfarrvikar Michael Brüderl aus Schönberg geht, war auch klar, dass seine Stelle nicht mehr besetzt wird – wegen des neuen Personalplans. Ich hoffe aber, dass die Kaplansstelle im Herbst 2021 noch einmal besetzt wird, weil sie noch in die Übergangszeit fällt. Das ist meine große Hoffnung.

Wie könnte ein Strukturwechsel aussehen?

Eisenmann: Am Beispiel Neumarkt-St. Veit und Schönberg: Das sind zwei Pfarrverbände mit jeweils fünf Pfarreien, die nun die Seelsorge teilen. Ob sie so erhalten bleiben, ist noch nicht bekannt.

Was vermuten Sie?

Eisenmann: ine Idee ist, das grundsätzlich zwei Pfarrverbände zusammenarbeiten, wie wir es bereits tun. So ein Zusammenschluss hätte dann noch einen Pfarrer.

Die andere Idee?

Eisenmann: Die wäre eine Stärkung der Dekanate und der Dekane, die dann auch fürs Personal verantwortlich wären.

Lesen Sie auch: Paukenschlag im Vatikan: Papst Franziskus überrascht mit Zölibat-Schreiben

Eisenmann: Sollten die pastoralen Mitarbeiter und die Pfarreien sich einig sein, die Arbeit anders zu strukturieren, könnte es sein, dass das Bistum das in der Verantwortung der Dekanate lässt. Wir müssen Seelsorge neu denken.

Wäre eine Zusammenlegung der beiden Dekanate im Landkreis sinnvoll?

Eisenmann: Das kommt auf jeden Fall.

Nach dem Strukturwandel vor einigen Jahren – zum Beispiel die Bildung der Stadtkirche Mühldorf – gibt es absehbar schon wieder gravierende Einschnitte. Nimmt die Kirche die Gläubigen mit?

Eisenmann: Das ist schwierig. Vor allem kleinere Pfarreien fühlen sich oft abgehängt, sind aber auf dem Land die, in denen die Leute noch fleißig in den Gottesdienst kommen. Dem Erzbistum bleibt aber angesichts der Personalzahlen nichts anderes übrig. Es ist eine Notlösung. Wir müssen also schauen, wie wir die Leute mitnehmen können, die Gefahr sie zu verlieren ist sehr groß.

Könnte die Stadtkirche Mühldorf noch größer werden?

Eisenmann: Nachdem Mühldorf schon eine so große Einheit ist, werden wohl erst andere zusammengelegt.

Sind noch größere pastorale Räume denkbar, die dann zentral betreut werden?

Eisenmann: Unser Erzbistum geht diesen Weg noch nicht. Es könnte aber ein nächster Schritt sein. Noch ist unser Bistum willens, in der Fläche zu bleiben, weil sich die Leute gegen größere und zentrale Einheiten wehren. Sie sind nur bedingt bereit, woanders hin zum Gottesdienst zu fahren.

Sie haben gesagt: Wir müssen Seelsorge neu denken. Was heißt das?

Eisenmann: Eine Folge wird sein, dass wir Seelsorger +nicht mehr in die Schule gehen. Wir werden auch manches andere weglassen müssen, es wird weniger Messfeiern geben. Neu denken heißt auch: Die Leute müssen stärker bereit sein, andere Pfarreien zu besuchen, vor allem dann, wenn Pfarreien bestimmte Schwerpunkte setzen. Es bedeutet auch, dass wir mehr Ehrenamtliche finden müssen, die in bestimmten Bereichen Verantwortung übernehmen. Die Leute müssen flexibler werden und mehr über ihre Pfarrei hinaus zusammenzuarbeiten. Wir müssen neue Formen für Gottesdienste finden, die einzelne Gruppen ansprechen.

Kann die Kirche das schaffen?

Eisenmann: Es hat schon Zeiten gegeben, in denen es der Kirche noch schlechter gegangen ist. Es wird sich ein Weg finden, der für uns aber schmerzhaft sein und alle fordern wird.

Die Zahlen

Für die 15 Pfarrverbände im Landkreis Mühldorf gibt es bis 2030 8,5 Priesterstellen (Pfarrer und Kapläne), 7,5 Stellen für Diakone, Pastoral- oder Gemeindereferentinnen und –referenten in der Pfarrseelsorge.

+++Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

Dazu kommen 1,5 Stellen Jugendpastoral, 1,5 Stellen Krankenpastoral, 1,5 Stellen Seniorenpastoral und eine Viertel-Stelle Seelsorge im Gefängnis Mühldorf. Die sollen künftig als Funktionsstellen enger mit den Pfarreien verbunden werden. Wer also eine halbe Funktionsstelle besetzt, kann zusätzlich eine halbe Stelle in der Pfarrseelsorge übernehmen. Dies bedeutet insgesamt eine Reduzierung zu heute um über 50 Prozent.

Kommentare