Zwischen Bayern-Hymne und Pessimisten-Polka: Corona macht den Musikanten schwer zu schaffen

Dem Vorsitzendendes Neumarkter Musikvereins Alfons Weigand (links) fehlt die Gesellschaft der Musiker. „In der Corona-Pause ist der Ansatz flöten gegangen!“ Jaensch/Höpfinger/privat
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Offene Biergärten, doch die Musik kommt, wenn überhaupt, nur aus der Konserve. Die Musiker jedoch lechzen nach Lebensfreude, begehren allmählich auf, weil sie nicht verstehen, dass ein Biergartenbesuch zwar erlaubt ist, die Ziach aber daheim bleiben muss. 

Neumarkt-St. Veit/Erharting/Oberbergkirchen/Kraiburg – Auftritte von Musikgruppen sind nicht zulässig, weil sie als verbotene Veranstaltung nach der Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung darstellt. Kurz und knapp war die Mitteilung des Landratsamtes in Mühldorf, was Live-Musik in Biergärtenoder Gaststuben betrifft. Die Behörde reagierte damit prophylaktisch auf den Plan von gastronomischen Betrieben, Live-Musik anzubieten, was auch in den sozialen Medien entsprechend angekündigt war.

Katrin Hoffmann fehlt die Begründung

Eine Mitteilung, die Katrin Hoffmann, selbst Klarinettistin bei der Aschauer Blaskapelle und bei den in Oberbergkirchen beheimateten Musikatzen wütend macht. Wütend vor allen Dingen deswegen, „weil es offenbar kategorisch abgelehnt wird, ohne eine Begründung zu liefern.“ Lediglich das Infektionsschutzgesetz werde herangezogen. Und das werde, so Hoffmann, aktuell offenbar unterschiedlich gehandhabt. „Wenn es im Hofbräuhaus in München erlaubt ist, zu musizieren. Warum nicht auch in kleiner Runde in unseren Biergärten?“, fragt sie sich.

Martin Kolmwürde gerne seine Ziach in den Biergarten mitnehmen. „Warum sollte das nicht möglich sein, wenn man die Abstände einhält?“

Musiker fordern mehr Flexibilität

Wenn man, ohne viel Werbung, zu viert seine Instrumente auspackt, zur Unterhaltung aufspielt, „dann kann man das doch nicht mit einer Veranstaltung gleichsetzen“, findet Hoffmann. Sie fordert mehr Flexibilität bei den Behörden, was die Auslegung der Gesetzeslage betrifft. Es gehe ihr dabei nicht um große Gagen: „Wir sind Musiker, weil wir das gerne machen. Wir wollen den Leuten eine Freude bereiten und auch den gebeutelten Wirten helfen. Dafür würden wir nicht einmal Geld verlangen!“ Konkret geht es aktuell um ein Biergartenfest der Brauerei Ametsbichler in Aschau. Dort tritt traditionell die Jugendkapelle auf. Wegen Corona in diesem Jahr natürlich nicht. Aber Alternativvorschläge über ein offenes Musizieren, seien bereits im Vorfeld der Anfragen zerschlagen worden, berichtet sie. Der Biergarten ist also offen. Doch die Musik fehlt.

Das sagt das Landratsamt Mühldorf

Das Landratsamt in Mühldorf beruft sich auf das Bayerische Gesundheitsministerium. Dieses vertrete aktuell den Standpunkt, dass der Auftritt von Musikgruppen, insbesondere in Biergärten, als verbotene Veranstaltung eingeordnet wird. „Es besteht eine Ausnahmegenehmigungsmöglichkeit des Landratsamtes, soweit dies im Einzelfall aus infektionsschutzrechtlicher Sicht vertretbar ist“, erklärt die Pressestelle des Landratsamtes in Mühldorf. Der Gastronom müsse dafür einen entsprechenden Antrag auf Ausnahmegenehmigung formlos – per E-Mail genügt – einreichen und diesen begründen. Darin habe er alle Aspekte zu der beabsichtigten Musikdarbietung darlegen. Insbesondere habe er darüber zu informieren, mit wie vielen Teilnehmern zu rechnen ist und welches Schutz- und Hygienekonzept er vorbereitet hat. Ferner habe er Auskunft darüber zu geben, ob die Darbietung im Freien stattfindet und ob es sich nur um eine begleitende Musikdarbietung handelt.

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Selbst wenn es nur eine „begleitende Musikdarbietung“ wäre: Auch die fehlt der Stadtkapelle von Neumarkt-St. Veit. Das eigene Starkbierfest im März haben sie noch gespielt. Doch seit zehn Wochen ist es wegen Corona auch bei der Stadtkapelle zappenduster im Probenraum. Keine Auftritte, keine Proben. Das nagt am Gemüt – und am Ansatz, wie Vorsitzender Alfons Weigand erzählt: „Zu Beginn der Corona-Krise habe ich noch für mich zu Hause geübt. Doch irgendwann ist das auch fad. Ich habe seit Wochen meine Instrumente nicht mehr in der Hand gehalten“, gibt der Klarinettist und Saxofonist zu. Doch nicht nur der Ansatz ist es, den ein Blasmusiker benötigt, um in höchsten Sphären zu tönen. Die probenarme Zeit wirke sich auch auf das Zusammenspiel aus. „Die einzelnen Register müssen ja harmonieren“, erklärt Weigand. Ihm fehlten die Proben, das gesellschaftliche Miteinander. Etwa beim Neumarkter Volksfest, das am kommenden Wochenende hätte beginnen sollen. Aber in diesem Jahr? Kein Gastspiel zum ursprünglich geplanten Auftakt am Freitag und auch keine Polkas und Märsche am Tag der Vereine, traditionell am Mittwoch der Pfingstwoche. „Wenn wir zumindest im kleinen Kreis wieder musizieren dürften, natürlich mit gebotenem Abstand. Das wär schon was“, sehnt sich Weigand nach einem Stück Normalität. „Aber das wird wohl noch dauern.“

Biergarten – doch die Ziach bleibt daheim

Nach einem Stück Normalität sehnt sich auch Martin Kolm, gefragter Ziach-Spieler aus Erharting. Seit Mitte März sitzt auch er musikalisch gesehen auf dem Trockenen. „Normalerweise bin ich jedes zweite Wochenende unterwegs, um Leute zu unterhalten.“ Doch in Zeiten, in denen es keine Vereinsfeste gibt, Geburtstagsfeste verschoben werden und selbst kleine Biergartenspielereien nicht erlaubt sind, hat er lediglich seinen Garten, um seine Steirische auszupacken und zu üben. „Denn wenn ich das nicht mache, geht meine Fingerfertigkeit verloren“, erklärt er.

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„Ob ich als Gast im Biergarten sitze oder dabei auf meiner Harmonika spiele. Das kann doch kein so großer Unterschied sein, solange ich die geforderten Abstände einhalte? Wo ist da der Sinn?“, fragt der 46-Jährige. Musik sei für ihn ein Lebensgefühl, sie bereite Leuten Freude – gerade in Zeiten von Corona sei dies wichtig, findet Kolm. „Wenn sich die Leute vernünftig verhalten, Abstände einhalten und die Lockerungen nicht überstrapazieren. Schritt für Schritt.“ Es liege an den Leuten, wie schnell es geht, dass dann auch wieder Musik im Biergarten ertönt. Und zwar nicht aus dem Radio, sondern live. „So wie es sich für einen Biergarten gehört!“

Die Kraiburger Blaskapelle trifft sich virtuell zum Musizieren

Wenn schon nicht im Biergarten, dann zumindest online – dachten sich die Musiker der Blaskapelle Kraiburg. Die haben sich virtuell zusammengeschlossen und präsentieren ihre Darbietungen online – ohne dass sie sich leibhaftig treffen. „Die haben auch schon Entzugserscheinungen nach der Musik“, sagt deren Vorsitzender Sepp Wilhelm. Mit dem „Kraiburger Heimatlied“ gaben sie schon vor einigen Wochen ein Lebenszeichen von sich. Bilder von Kraiburg, unterlegt mit Live-Mitschnitten präsentieren sie auf deren Internetseite und auf Facebook. Dann, schon etwas anspruchsvoller, das Video mit dem Stück „Ein halbes Jahrhundert“. 16 Leute haben das Stück zu Hause eingespielt, die Einzelsequenzen zusammengesetzt und veröffentlicht. Und als drittes Stück folgte jetzt die Bayernhymne, live aufgenommen.

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Wilhelm ist sich darüber im Klaren, dass durch die monatelangen Pausen auch die Qualität des Spiels an Blech und Holz leidet. „Wahrscheinlich werden wir dann in den Proben wieder mit etwas ganz Einfachem beginnen müssen, wie die ‚Pessimisten-Polka‘“. Doch anders, als es der Name vermuten ließe, bleibt man zuversichtlich. Denn der Zusammenhalt sei da, „das sieht man bei den wöchentlichen After-Musikprob-Stammtischen.“ Trifft man sich gewöhnlich jede Woche nach der Probe noch zum Ratschen im Wirtshaus, reduziert sich das laut Wilhelm gerade auf Videokonferenzen, immer dienstags ab 21 Uhr. Man hofft darauf, dass es bald schon wieder im größeren Kreis in den Biergarten geht. Zum einen zum Ratschen, „aber lieber noch zum Musizieren! Das ist ja schließlich auch eine Form der Unterhaltung!“

Ab Juni wieder Veranstaltungen – doch Dr. Marcel Huber geht das nicht weit genug

Ein wenig Hoffnung keimte nach der Pressekonferenz mit Ministerpräsident Markus Söder Dienstagmittag auf, als ein neuer Fahrplan für Kulturschaffende vorgestellt wurde. Ab 15. Juni sollen demnach Theater und Kinos wieder ihren Betrieb aufnehmen können. Auch Konzerte sollen dann wieder möglich sein. Angelehnt an die Verordnung für Kirchen sollen 50 Personen im Innenbereich und 100 Personen im Außenbereich erlaubt sein. Die Kulturszene soll im Juni ebenfalls wieder zum Leben erwachen. Die Rede war von 50 Personen in geschlossenen Räumen und 100 Personen im Freien, wie Kultusminister Bernd Sibler mitteilte.

MdL Dr. Marcel Huber: „Den Ensembles fehlt die Möglichkeit zu proben!“

Doch die Freude beim CSU-Landtagsabgeordneten Dr. Marcel Huber, selbst leidenschaftlicher Tubist und Präsident des Musikbundes Ober- und Niederbayern, hält sich in Grenzen. Ihm gehen die Verlautbarungen nicht weit genug. Zumal kleinere Ensembles, ob nun Bläser oder Chöre, in der Ankündigung des Kabinetts nicht konkret benannt worden seien. „Selbst wenn Bläsergruppen ab dem 15. Juni wieder öffentlich spielen dürften, so fehlt ihnen bis dahin die Möglichkeit zu üben. Die Aussicht auf das Proben fehlt mir, die Musiker benötigen doch schon im Vorfeld Treffen zur gemeinsamen Stimmübung!“, klagt der Ampfinger. Er habe ja Verständnis, dass ein Zusammenspiel in engen Sälen nicht erlaubt sei, „aber als Quintett im Freien mit drei Metern Abstand?“ Das sei „fachlich nur schwer begreifbar“ zu machen.

Katrin Hoffmann,Mitorganisatorin des Stadl-Brass in Aschau und selbst Klarinettistin in Aschau und bei den Musikatzen aus Oberbergkirchen, kann nicht verstehen, warum das Musizieren in Biergärten immer noch strikt abgelehnt wird.

Kulturelles Leben bleibt ruhig gestellt

Er stehe schon länger im regelmäßigen Austausch mit dem bayerischen Blasmusikverband und dem Landesmusikrat, um die Interessen auch gegenüber der Regierung zu vertreten. Mit Vernunft, Augenmaß und Ziel könne man durchaus Lockerungen zulassen, findet Dr. Huber, stets natürlich vor dem Hintergrund, dass niemand gefährdet werde. Doch bewege sich die Politik zu wenig, das kulturelle Leben außerhalb des Staatsbetriebes sei indes ruhig gestellt. Damit stelle man die Geduld der Musiker auf die Probe. Er befürchtet, „dass man die verprellt, die mit ihrer Kultur für dieses Land stehen!“

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