Wie geht es Asylbewerbern heute? Ihr Deutsch wird besser, die Bürokratie jedoch bleibt

Deutschstunde mit Lucretia Hirt: Fathia Altemawi (links) und Najila Altemawi sind sehr wissbegierig, beide sehnen sich nach Arbeit. Aber es liegen ihnen viele Steine im Weg.
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Deutschstunde mit Lucretia Hirt: Fathia Altemawi (links) und Najila Altemawi sind sehr wissbegierig, beide sehnen sich nach Arbeit. Aber es liegen ihnen viele Steine im Weg.

In vielen Fällen fühlen sich Migranten als Menschen zweiter Klasse: Die Neumarkter Asylhelferin Lucretia Hirt berichtet darüber, wie schwer es ist, Arbeit für ihre Schützlinge zu finden

von Josef Enzinger

Neumarkt-St. Veit – Zweimal in der Woche fährt Lucretia Hirt von Großthalham nach Neumarkt-St. Veit, klingelt an der Tür des Hauses im Kellerweg, wo seit einiger Zeit eine palästinensische Familie wohnt. An diesem Vormittag sind es Fathia und Najla, die ihrer Lehrerin lauschen. Es geht darum, ihr Deutsch zu verbessern und damit die Basis für ein selbstständiges Leben zu schaffen. „Doch das ist nicht grade einfach. Die bürokratischen Hürden bleiben hoch“, bedauert die Asylhelferin.

Jobs sind wichtig für das Selbstwertgefühl

Kennen gelernt hat Hirt ihre Schützlinge vor zwei Jahren, bei einem Ausflug mit dem VdK-Ortsverband, erinnert sie sich. Seitdem kümmert sich die Pensionistin um die palästinensische Familie, die aus Libyen mit einem Boot geflüchtet war. Fünf Jahre ist das her. Seitdem kämpft die Familie um die Anerkennung auf Asyl. Und um Beschäftigung. Der Familienvater, Bauingenieur, hat inzwischen eine Anstellung bei einer ortsansässigen Firma gefunden. Seine Frau Najla und seine Schwester Fathia, tun sich aber auch fünf Jahre nach ihrer Flucht schwer.

Zahnärztin aus Palästina sehnt sich nach einem Praktikum

Fathia ist Zahnärztin, erzählt Hirt. „Sie bräuchte dringend ein Praktikum in einer Praxis. Wir haben schon einige Ärzte angefragt, aber bislang ohne Erfolg“, bedauert Hirt. Nicht gerade leichter ist es, Najla eine Praktikumsstelle in einem Kindergarten oder Hort zu beschaffen. „Dabei würde es der Mutter von drei Kindern so guttun, zumindest an einem Tag in der Woche einer Beschäftigung nachgehen zu können“, sagt Hirt. Das Problem: Die Familie ist staatenlos, bislang sind sie als Asylbewerber lediglich geduldet. Regelmäßig müssen sie ihren Aufenthaltsstatus verlängern lassen.

Mit dem Arzt über das Telefon kommuniziert

Die Zukunft ist ungewiss. Der nächste Termin im Landratsamt ist am 22. Oktober. Hirt begleitet ihre Schützlinge bei solchen Terminen, übersetzt. Denn auch wenn die Familie fleißig Deutsch lernt. „Mit Behördengängen sind sie immer noch überfordert!“ Corona macht die Sache nicht einfacher. Die siebenjährige Tochter musste wegen den Folgen eines Zeckenbisses ins Krankenhaus, aber Hirt durfte nicht mit. „Ich habe mit dem Arzt dann über das Telefon kommuniziert.“

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Die Kinder sagen schon „Oma“ zu ihr

Längst ist Hirt schon mehr als nur die Deutschlehrerin. Sie bringt den Kindern, die sie mittlerweile „Oma“ nennen, CDs mit, damit sie die deutsche Sprache verinnerlichen. Sie gibt ihnen Bastelbücher und sie lernt ihnen Schwimmen, im eigenen Pool in Großthalham. „Doch noch wichtiger wäre es, den Familienmitgliedern Jobs zu besorgen. Sie in Lohn und Brot zu wähnen. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl, sie würden sich dann nicht mehr als Menschen zweiter Klasse fühlen“, ist sich Hirt sicher.

Schon im Balkankrieg Hilfslieferungen organisiert

Immerhin: Die jüngste Schwester des Familienvaters absolviert gerade eine Ausbildung zur Pflegekraft. Ein Lichtblick. Hirt sagt, dass die Betreuung intensiv sei, besonders wenn Hilfestellung beim Ausfüllen von Dokumenten erforderlich ist. „Aber ich mach’s gerne“, sagt die hilfsbereite Großthalhamerin, die schon während des Kriegs auf dem Balkan in den 90er Jahren Hilfslieferungen nach Jugoslawien organisiert hat.

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Um anerkannte Asylbewerber kümmert sich die Immigrationsberatung der Caritas

Dass Asylbewerber Unterstützung bei der Kommunikation mit Behörden benötigen, ist nichts Neues. Doch hier gibt es auch Unterstützung, wie Julia Laube, im Neumarkter Rathaus für Asylfragen zuständig, betont. Es gibt wöchentlich Sprechstunden mit dem Asylberater des Landratsamtes, Sigi Podowski. Für anerkannte Asylbewerber sorgt die Immigrationsberatung der Caritas. Deren Berater Robert Lauxen berate alle zwei Wochen im Rathaus in Rechtsfragen und gilt als Schnittstelle zu den Behörden. Sollte über die Sprechzeiten hinaus eine Beratung erforderlich sein, hilft auch das Einwohnermeldeamt weiter „etwa beim Ausfüllen von Formularen“, so Laube.

Probleme auf dem Wohnungsmarkt

Nach den großen Migrationsbewegung vor fünf Jahren habe sich die Asylarbeit inzwischen entspannt, berichtet Laube. Die Beratungsstellen würden gut angenommen, in erster Linie gehe es um die Vermittlung von Jobs und um Familiennachzug. Als schwierig bezeichnet sie jedoch die Wohnungssuche. „Der Wohnungsmarkt in Neumarkt ist ohnehin schon schwierig, Migranten tun sich doppelt schwer“, weiß Laube. Was jedoch die Integration betrifft, sei die Stadt gut aufgestellt. Auch wenn das Vereinsleben wegen Corona nur eingeschränkt möglich sei, so funktionierten die sozialen Kontakte in den Kindergärten. „Hier sind wir gut aufgestellt!“

1816 Menschen mit Fluchthintergrund leben im Landkreis Mühldorf

Aktuell leben 1816 Menschen mit Fluchthintergrund im Landkreis Mühldorf, davon 317 in Gemeinschaftsunterkünften in Waldkraiburg, Neumarkt St. Veit, Mettenheim und Mühldorf, 275 in dezentralen Unterkünften und 233 in der Anker Dependance in Waldkraiburg. 975 anerkannte Asylbewerber leben in privaten Wohnungen und 16 sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Diese Zahlen nannte das Landratsamt Mühldorf bei einem Treffen der Ehrenamtlichen im Bereich Asyl.

Integrationsstelle bestätigt großen Bedarf an Beratung

Matthias Burger, Teamleiter der Integrationsarbeit am Landratsamt, informierte darüber, dass in der Corona-Krise aufgrund der Kontaktbeschränkungen weniger Veranstaltungen durchgeführt worden seien, „es bestand aber ein großer Bedarf an Beratung“. So gab es bis Oktober insgesamt über 20 000 Beratungskontakte zu teils sehr komplexen Problemlagen. Burger hob die sehr gute Zusammenarbeit mit den Institutionen, Vereinen und Verbänden hervor. Durch die enge Vernetzung können sehr schnell Lösungen für individuelle Probleme gefunden werden.

Landrat Max Heimerl lobt die Arbeit der Ehrenamtlichen

Die Ehrenamtskoordinatorin des BRK, Martina Wastlhuber, berichtete von den Herausforderungen während der Corona-Zeit. Trotz der Beschränkungen sei es der Wohnungslotsin Judith Grindinger gelungen, 30 Personen in private Wohnungen zu vermitteln. Landrat Max Heimerl drückte bei der Veranstaltung seine Wertschätzung gegenüber den ehrenamtlichen Kräften aus: „Ich bin sehr froh und dankbar, dass es nach wie vor Menschen gibt, die sich für Geflüchtete einsetzen. Mir ist es auch wichtig, dass wir weiterhin in engem Austausch stehen.“

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