Sie sorgten für Ruhe und Ordnung

Wecken um 4 Uhr morgens: Vor 100 Jahren drehte der letzte Neumarkter Nachtwächter seine Runden

Walter Jani weiß viel über die Nachtwächter in Neumarkt-St. Veit. Der ehemalige Archivpfleger von Neumarkt-St. Veit schlüpfte in der Vergangenheit immer wieder auch selbst in das Kostüm des Nachtwächters, wenn er bei Spaziergängen durch die Stadt die Geschichte des Marktes Neumarkt beleuchtete.
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Walter Jani weiß viel über die Nachtwächter in Neumarkt-St. Veit. Der ehemalige Archivpfleger von Neumarkt-St. Veit schlüpfte in der Vergangenheit immer wieder auch selbst in das Kostüm des Nachtwächters, wenn er bei Spaziergängen durch die Stadt die Geschichte des Marktes Neumarkt beleuchtete.

Jede Gemeinschaft kann nur richtig funktionieren, wenn es Regeln für das Zusammenleben und Garantien dafür gibt, dass diese Regeln auch beachtet werden. Eine der ersten Ordnungshüter in Neumarkt waren die Nachtwächter. Wer waren diese Menschen, die für Ruhe und Ordnung sorgten?

von Walter Jani

Neumarkt-St. Veit – Der Markt Neumarkt an der Rott bestand über Jahrhunderte zunächst nur aus zwei Häuserzeilen und zwei Markttoren. Der ganze Gebäudekomplex wurde von einem Zaun und einem davorliegenden Wehrgraben umringt und war so verhältnismäßig gut geschützt. Bei einbrechender Dunkelheit wurden die Markttore geschlossen und für die Nachtwächter begannen die Rundgänge und die Kontrollen, damit sich die Marktbürger beruhigt zur Bettruhe zurückziehen konnten.

Nachts war Ruhe im Markt

Ihre Arbeit wurde respektiert und so war es für die Bewohner auch keine Schikane, wenn der Nachtwächter ab 10 Uhr nachts alle Stunde sein bekanntes Stundenlied sang, sondern ein Nachweis, dass dieser Mann seinen Dienst ordnungsgemäß erledigte. Zu den Zeiten erhöhter Brandgefahr, etwa während der heißen Sommernächte, bei großer Trockenheit oder Sturm hängte er am Schluss des normalen Stundenliedes den Zusatz an: „Verwahrt das Feuer und das Licht, dass damit kein Unglück g’schicht“.

Viele Jahrhunderte ohne Pause

Allgemein ist festzustellen, dass die hiesigen Nachtwächter in der Regel gute Arbeit geleistet haben, dies beweist schon die Tatsache, dass diese Institution in Neumarkt über viele Jahrhunderte ohne Pause Bestand hatte.

Niedriger Lohn – zum Leben zu wenig

Die Nachtwächter wurden vom Marktmagistrat ernannt und entlohnt. Der Lohn war aber so niedrig, dass damit alleine der Lebensunterhalt nicht zu bestreiten war. Mit dem Jahresgehalt von rund 30 Gulden im 17. Jahrhundert konnten sich die Nachtwächter keine großen Sprünge erlauben. Umgerechnet kamen sie damals auf einen Tageslohn von rund fünf Kreutzer, dies war der Gegenwert von einem bis zwei Liter Bier. Deswegen hatten sie das Amt oft nur als Nebentätigkeit zu ihrem bürgerlichen Gewerbe, oder es wurden zusätzlich weitere Arbeiten für die Gemeinde erledigt, wie das Aufziehen der Turmuhr, Bürgersdiener oder Mesner.

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In Neumarkt gab es sogar Nachtwächterinnen

In den Neumarkter Annalen erscheinen sogar Frauen, die zusätzlich zu ihrem Gatten als Nachtwächterinnen dienten, um so das Auskommen der oft kinderreichen Familie sicherzustellen. Es war ein harter Dienst und so mancher Nachtwächter übermannte auch der Schlaf oder er setzte sich in eines der Wirtshäuser im Marktplatz, deren Sperrstunde er auch zu kontrollieren hatte. Vielleicht war so mancher Nachtwächter auch einfach nur demotiviert, denn er musste in seinem Stundenruf mit dem Satz schließen: „Menschenwachen kann nichts nützen, Gott muss wachen, Gott muss schützen“.

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Das Ende kam vor 100 Jahren

Wann der erste Nachtwächter seinen Dienst in Neumarkt angetreten hat, ist nicht bekannt, da im 30-jährigen Krieg bei der Brandschatzung des Ortes alle Unterlagen verloren gegangen sind. Der erste nach dieser Katastrophe erwähnte Nachtwächter ist Mathias Mayr, „Burgersdiener“ und Nachwächter geboren 1648, gestorben 1722. Als letzter einer langen Reihe erscheint nach dem Korbflechter Kasper Weninger ein Herr Haslinger, der seine Stelle als Nachtwächter aber zum 1. Januar 1921 kündigen will.

Letzter Nachtwächter: Fleißig, aber schlichtweg überarbeitet

Der Lokalredakteur Hermann Döring schreibt dazu im Neumarkter Anzeiger vom 11. November 1920 folgendes: „Nachtwächters Scheiden. Der seit vier Jahren in Neumarkt a. Rott zu allseitiger Zufriedenheit als Nachtwächter fungierende Herr Haslinger, hat zum 1. Januar 1921 seine Stelle gekündigt.“ Döring bezeichnete den Mann als sehr fleißigen Arbeiter, in Jahren auch schon vorgerückt, er sei schlichtweg überarbeitet. „Schade um ihn, ein guter Mensch und pflichtgetreuer Gemeindebeamter.“

Mit dem Nachtwächter unterwegs: Mit Walter Jani auf Spurensuche

Redakteur Döring hatte die Idee: Warum nicht ein Nachrat?

Die Stelle musste neu vergeben werden. Dörings Idee: „Bekanntlich ist im freien Volksstaat Bayern eine Beamtentitelepidemie ausgebrochen, wie wäre es, wenn man den neuen Nachtwächter als Herr Nachtrat anspräche?“

Aber bereits eine Ausgabe später muss Döring über das Ende dieser jahrhundertealten Institution berichten, er schreibt: „Die Stelle eines Nachtwächters wird in Neumarkt a. Rott nicht mehr besetzt, nachdem der bisherige Inhaber dieser Stellung ab 1. Januar 1921 seinen Abschied eingereicht hat. Ob die Nichtbewachung eines Platzes, wie unser Markt es ist, während der Nacht auf die Dauer haltbar ist, das möchten wir bezweifeln“.

Auch kein Polizeiposten mehr

Neben dem Nachtwächter gab ab dem 19. Jahrhundert in Neumarkt auch einen Ortsposten der Gendarmerie. Diese Polizeistation wurde zu Beginn der 1960er-Jahre in Neumarkt allerdings geschlossen.

Um 4 Uhr morgens war Aufweckzeit

Und es ist natürlich deutlich stiller geworden. Denn als der Nachtwächter frühmorgens mit Hellebarde durch den Marktplatz zog, dann hatte er stets einen sich stetig widerholenden Text auf den Lippen, den er lauthals zum Besten gab. Der Text im Stundenlied dazu lautete: „Hört ihr Herrn und lasst euch sagen, die Glocke hat nun vier geschlagen. Auf ermuntert Eure Sinnen, denn es wacht die Nacht von hinnen. Danket Gott, der uns die Nacht, hat so väterlich bewacht“.

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