„Wasserkrieg“ spaltete vor 25 Jahren die Gemeinde Niederbergkirchen

Am 27. Dezember 1994ging die Notversorgung aus Brunnen 1 für den Ort Niederbergkirchen in Betrieb. Am 15. Februar 1996 erfolgte der Zusammenschluss mit dem gemeindlichen Leitungsnetz. Bichler
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Am 27. Dezember 1994ging die Notversorgung aus Brunnen 1 für den Ort Niederbergkirchen in Betrieb. Am 15. Februar 1996 erfolgte der Zusammenschluss mit dem gemeindlichen Leitungsnetz. Bichler

Die Jüngeren werden sich schwertun, die Frage zu einem für Niederbergkirchen bedeutenden Ereignis zu beantworten, nämlich was vor 25 Jahren, am 27. Dezember 1994, geschah: An diesem Tag, den manche als „dritten Weihnachtsfeiertag“ bezeichnen, ging die Wasserversorgung des Dorfes in Betrieb.

Niederbergkirchen– Das Wasser sollte von da an aus den Brunnen der Wassergenossenschaft bei Höllberg fließen.

Gemeinde hatte keine gesicherte Versorgung

Warum dieses Ereignis für das Dorf so bedeutend war, liegt daran, dass Niederbergkirchen über keine gesicherte Wasserversorgung verfügte. Und das, obwohl das Dorf in den Jahren zuvor entlang der Rohrbacher Straße, an Dachsweg und Ettichinger Straße und zuletzt am Schmidkapellenweg um viele Wohnhäuser gewachsen war. Der Brunnen für den Ort in der Etz nahe Ettiching war nur wenige Meter tief und Eintragungen von der Oberfläche, sei es von Verschmutzungen, Gülle oder Pflanzenschutzmitteln an der Tagesordnung.

Nur durch ständiges Chloren des Wassers konnte der Betrieb vorübergehend weitergeführt werden. +++ Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren! +++

Da aber die Wasserlieferung durch den Wasserzweckverband, dem Niederbergkirchen damals angehörte, noch Jahrzehnte hätte dauern können, da eine Sperrung des Brunnens durch die Behörden drohte und da vom Landratsamt in Zusammenarbeit mit dem Wasserwirtschaftsamt bereits ein Baustopp für den Ort verfügt war, musste eine möglichst rasche und günstige Lösung gefunden werden, um die Entwicklung der Gemeinde nicht zu verhindern.

Heftiger Streit umdie beste Lösung

Was die beste Lösung sein sollte, darüber entbrannte nicht nur im Gemeinderat, sondern auch unter den Bürgern ein heftiger Streit. Zum einen sollten alle Haushalte, auch im Außenbereich, auch die Landwirte, die noch über eigene Brunnen verfügten, an eine zentrale Versorgung angeschlossen werden, zum anderen standen sehr hohe Kosten für die anzuschließenden Haushalte bis weit in fünfstellige DM-Beträge im Raum.

Eigenwasserverein wurde gegründet

Während der damalige Bürgermeister Markus Kreuzpointner und eine Mehrheit im Gemeinderat einen Anschluss an die „Mettenheimer Gruppe“, die auch die Stadt Mühldorf und die Gemeinden Mettenheim und Lohkirchen mit Trinkwasser versorgt, favorisierte, etablierte sich mit der Gründung eines „Eigenwasservereins“ unter Vorsitz von Josef Strasser aus Fundhobl eine Gegenbewegung, die den Anschluss an die „Mettenheimer Gruppe“ ablehnte. Das Wasser wies zum einen einen hohen Härtegrad auf und zum anderen hatten Brunnen dieser Gruppe wegen der Durchlässigkeit der Schotterböden mit Nitratbelastung und anderen schädlichen Einträgen zu kämpfen.

Daher forderte der Eigenwasserverein, dem bald eine Mehrheit der betroffenen Haushalte angehörte, eine Lösung mit eigenen Tiefbrunnen, die die Qualitätsprobleme der Mettenheimer Gruppe nicht haben sollten.

Nach monatelangem Hin und Her willigten sowohl der Gemeinderat als auch die Behörden in Landratsamt und Wasserwirtschaftsamt in eine eigene Lösung, sprich in die Bohrung zweier Tiefbrunnen im Wald nahe Höllberg ein. Allerdings nur, wenn garantiert werden kann, dass mindestens 75 Prozent der Haushalte diese Lösung unterstützen und eine Versorgung der ganzen Gemeinde mit ausreichend einwandfreiem Wasser gewährleistet werden kann.

Wassergenossenschaft nimmt Arbeit auf

Nachdem diese grundlegende Entscheidung gefallen war, konnte am 1. August 1994 die Wassergenossenschaft Niederbergkirchen gegründet werden. Mehr als 110 Mitglieder traten der Genossenschaft bereits am Gründungstag bei und verpflichteten sich pro Haushalt 2500 Mark (1278,23 Euro) als sogenannten „verlorenen Zuschuss“ zu bezahlen, um zwei Brunnen, einen Behälter mit rund 300 Kubikmetern Fassungsvermögen und die nötige Technik mit Pumpen und Notstromaggregat erstellen zu können.

Nun ließ die Bohrgenehmigung nicht mehr lange auf sich warten. Zunächst wurde von der Brunnenbaufirma Tafelmeier ein sogenannter „Notbrunnen“ bis in 120 Meter Tiefe gebohrt. Die Kosten von rund 30 000 Mark streckten die drei Vorstände der Wassergenossenschaft Sebastian Bichler, Josef Strasser und Hermann Willimek vor. Man war zwar überzeugt, dass man genügend gutes Wasser finden werde, aber eine absolute Sicherheit gab es nicht.

Pumpversuch war erfolgreich

Die Erleichterung war groß, als beim Pumpversuch sich sowohl die Fördermenge als für die ganze Gemeinde ausreichend herausstellte als auch bei den ersten Beprobungen die Wasserqualität sehr gut befunden wurde. Nun konnte auch der Hauptbrunnen, der mit Edelstahlrohren bis in eine Tiefe von 102 Metern ausgebaut werden sollte, gebohrt werden.

Inzwischen hatte die Wassergenossenschaft die anfängliche Mitgliederzahl fast verdoppelt und damit die Vorgabe der Gemeinde von 75 Prozent der anzuschließenden Haushalte erreicht (der Ortsteil Rohrbach wurde und wird von Erharting mit Trinkwasser versorgt), sodass es zumindest im Dorfbereich von Niederbergkirchen am 27. Dezember 1994 „Wasser marsch!“ heißen konnte. Bis Behälter und Pumpentechnik fertig waren, verging noch einmal mehr als ein Jahr. Im März 1996 war es dann so weit, dass das von der Wassergenossenschaft in Höllberg geförderte Wasser in das über das ganze Gemeindegebiet verteilte Leitungsnetz, das die Gemeinde betreibt, eingespeist werden konnte. Dieses bayernweit wohl einzigartige Konstrukt hat sich nun über einen Zeitraum von 25 Jahren bewährt, was auch am sehr günstigen Wasserpreis von deutlich unter einem Euro pro Kubikmeter abzulesen ist. Übrigens wurden die Kosten für den Bau der Anlagen der Wassergenossenschaft in Höhe von gut 600 000 DM komplett ohne Kreditfinanzierung aufgebracht.

„Wasserkrieg“ spaltete die Gemeinde

Heute ist der „Niederbergkirchner Wasserkrieg“, der über Jahre die Gemeinde spaltete, längst vergessen. Schade ist nur, dass sich an den Kosten für Brunnen und Behälter nicht alle Haushalte beteiligten, die restlichen rund 25 Prozent aber genauso davon profitieren wie die Genossenschaftsmitglieder. Als dann klar war, dass eine Klärung der Abwässer in der Kläranlage Mühldorf erfolgen sollte und konnte, wurde auch der Baustopp für Niederbergkirchen aufgehoben und vorwiegend Einheimische konnten seither in den Baugebieten „Schmidkapellenweg-Erweiterung“, „Rohrbacher Straße“, „Am Südhang“ und „Am Kirchweg“ Bauland erwerben und sich in der heimischen Gemeinde Wohneigentum schaffen.

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