Upcycling als Kunstform: Wenn aus Klecksen auf Teebeuteln stattliche Stadthäuser werden

Bettina Hartel bei der Arbeit: Für das herrschaftliche Schloss Adlstein benötigt sie den kompletten Teebeutel, aufgeklappt. Bis zu zwei Stunden benötigt sie, bis aus einem Pfefferminztee ein Kunstwerk wird.
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Bei der Arbeit: Für das herrschaftliche Schloss Adlstein benötigt Bettina Hartel den kompletten Teebeutel, aufgeklappt. Bis zu zwei Stunden benötigt sie, bis aus einem Pfefferminztee ein Kunstwerk wird.

Bei Bettina Hartel landen gebrauchte Teebeutel nicht im Müll. Die Hobbykünstlerin bereitet die Filter auf, reinigt sie und benutzt sie als Leinwand: Inspiriert von der New Yorker Künstlerin Ruby Silvius hat sie Neumarkter Stadtplatz in Aquarelle gepackt. Ab heute sind sie im Herzoglichen Kasten zu sehen

Neumarkt-St. Veit – Der ganze Stadtplatz auf einer Wäscheleine – das geht nicht? Und ob. Denn die Neumarkt-St. Veiter Künstlerin hat die für die Rottstadt so typischen Gebäude in Miniatur nachgemalt. Als Aquarelle. Aber nicht auf Leinwand, sondern auf gebrauchten Teebeuteln. Ab dem Wochenende sind diese bei der Hobbykünstlerausstellung in Neumarkt-St. Veit zu sehen.

Stadtgebäude in Teebeutelgröße

Johanneskirche, Raiffeisenbank, Fruhmannhaus, Oberes Tor: Kein einziges Gebäude darf fehlen bei der passionierten Malerin, die in Neumarkt-St. Veit keine Unbekannte ist. Ihre Leidenschaft für die Abbildung Neumarkter Gebäude hat sie in den vergangenen Jahren immer wieder auf Leinwand gebannt, sogar Kalender mit beliebten Motiven, derer es viele in der Rottstadt gibt, herausgebracht. Jetzt hat sie sich neuen Herausforderungen gestellt. Sie wechselt von Groß auf Klein, verewigt Schloss und Kornkasten auf Teebeutel. „Die Form sieht schon so ähnlich aus wie bei kleinen Häusern. Ich male ja so gerne verschiedene Neumarkter Motive, da hat sich das einfach angeboten.“

Insgesamt 82 Motive sind entstanden, die es nun in der Ausstellung zu sehen gibt. „Den Stadtplatz habe ich komplett“, erklärt die kreative 58-Jährige.

Der Neumarkt-St. Veiter Stadtplatz in Teebeutelgröße:82 Motive hat die Neumarkterin Bettina Hartel verarbeitet. Sie sind ab dem heutigen Samstag in den Ausstellungsräumen des Herzoglichen Kastens zu sehen. Hartel/Hirschberger

Gallen- und Lebertee gibt ein schönes Gelb

Doch der Aufwand, bis so ein Kunstwerk entsteht, ist enorm. Das beginnt damit, dass sie die Teebeutel trocknet, aufschneidet, den Inhalt entsorgt und schließlich den Beutel glättet. Was danach folgt, klingt simpel, erfordert aber reichlich Fingerspitzengefühl: Zunächst ist es ein Klecks, den sie auf das 5,5 Zentimeter mal 7 Zentimeter großen Filterpapier aufbringt. „Dann schaue ich erst einmal, was passiert. Je nachdem, wie die Farbe verläuft, welcher Farbton daraus entsteht, danach richtet sich dann auch die Auswahl des Gebäudes“, erklärt Bettina Hartel.

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Natürlich komme es ihr entgegen, dass die Häuserfronten in Neumarkt-St. Veit, besonders auf dem Stadtplatz in unterschiedlicher Couleur gestaltet sind. Doch auch die Sorte Tee spielt eine Rolle. Sie bestimmt die Grundfärbung des Teebeutels. „Gallen- und Lebertee liefert ein wunderschönes Gelb“, verrät die 58-Jährige. Apfeltee hinterlässt eine grünliche Patina, Malve ergebe einen aubergine-farbenen Ton, während die Hagebutte ein weiches Rot hinterließe. „Der Hustentee hingegen bleibt eine bräunlich-beige Färbung.“

Hat sie fertig gekleckst, wartet sie einige Minuten, bevor sie mit dem feinen Pinsel kommt oder gleich zum Stabilo-Point greift, einem Fine-Liner, um sich dann den Konturen der Gebäude zu widmen. Ein bis zwei Stunden dauert es, bis sie so ein Aquarell fertig hat. Sehr behutsam muss sie dabei umgehen, denn die gebrauchten Filtertütchen sind sehr filigran. Einmal zu viel Druck ausgeübt und schon entsteht ein Riss. Das Werk ist kaputt. Bei zehn Versuchen sei ihr das bislang passiert, der Ausschuss hielt sich also in Grenzen, erzählt sie.

Im Hintergrund das Bild zum Kunstwerk,vorne dann das fertige Aquarell, entsprechend liebevoll mit Miniatur-Trachtlern in Szene gesetzt. Bettina Hartel hat auch ein Händchen für die Präsentation ihrer Kunst.

Malerei erfordert viel Fingerspitzengefühl

Grundlage für ihre Kunst sind Bilder, die sie bei ihren Spaziergängen anfertigt. Netter Nebeneffekt: „Man lernt dadurch seine Stadt und ihre Gebäude kennen!“ Dass das Gebäude der ehemaligen Rottaler Volksbank auf dem Dach eine Weltkugel mit Löwen hat, sei ihr erst vor Kurzem aufgefallen. Freilich lassen sich solche Details in Teebeutelgröße nicht herausarbeiten. Und doch schafft es Hartel, ein künstlerisch hochwertiges Abziehbild des Originals auf die Beutel zu bannen. Mittlerweile berichtet sie sogar schon von Auftragsarbeiten der jeweiligen Hausbesitzern eine Wertschätzung, die sie besonders freut.

Inspiriert von Ruby Silvious

Kunst auf Teebeutel – Bettina Hartel verhehlt nicht, dass sie sich die Idee abgekuckt hat. Sie ließ sich dabei von der New Yorker Künstlerin Ruby Silvious inspirieren, die diese Art von „Upcycling“ schon lange für sich entdeckt hat. Ihre Kunstwerke bestehen aus Blumen, Alltagssituationen und witzigerweise auch aus „Tea-Shirts“.

Bettina Hartel jedoch ließ ihren Faible für die Stadthäuser in Neumarkt-St. Veit einfließen. Und sie hat noch einiges vor: Für die St. Veiter Straße und den Vitusberg, das Kloster mit der Stiftskirche hat nämlich bisher die Zeit gefehlt. Wer glaubt, dass ihr danach die Ideen ausgehen könnten, befindet sich auf den Holzweg. Auch Kaffeepads würden sich für Aquarelle eignen, sagt Hartel. Freundinnen würden schon fleißig sammeln, „das habe ich mir dann für 2020 vorgenommen!“

Was erwartet die Ausstellungsbesucher?

Die Neumarkter Hobbykünstler haben wieder fleißig gemalt, gedrechselt, gefilzt und genäht. In diesem Jahr gibt es eine große Vielfalt an verschiedensten Produkten aus Holz: Kathrin und Martin Morawitz haben außer Harztopfkerzen auch Schönes aus Holz für drinnen und draußen im Gepäck.Holzarbeiten gibt es bei Michael Asbeck zu bestaunen. Josef Petermeier schnitzt heimische Vögel. Ihre Drechselarbeiten stellen Franz Hochwimmer und Günther Raue vor. Martin Seidel bringt mir seiner weihnachtlichen Holzdekoration Adventstimmung in den Herzoglichen Kasten. Joachim Obergaulinger zeigt Holzstifte, handgedrechselten Füllfederhalter und Kugelschreiber. Natürlich haben einige der Künstler auch fleißig gezeichnet und gemalt. Raffaela Kopf zeigt verschiedene Acrylbilder, während Gerlinde Oberauer Bilder in Mischtechnik präsentiert. Rosi Spranger und Birgit Kraus stellen ihre Acryl- und Aquarellbilder aus. Außerdem hat Birgit Kraus Weihnachtsdeko im Gepäck. Weitere Deko findet man bei Lisa Spranger. Sie bringt verschiedenen Weihnachtsschmuck, Engel und Sterne mit. Unterschiedliche Zeichnungen und Fotografien zeigt Dagmar Doering.

Agnes Göbel stellte Schmuck aus Polymer und Papier her. Gebastelt hat auch Thomas Giftthaler, der seine Modular-Oigami Kunst ausstellt. Die Produkte, die Anneliese Biberger mitbringt lassen jedes Mädchenherz höherschlagen: Selbstgenähte Puppenkleider. Auch für die Jungs ist natürlich etwas dabei. Alois Hemm zeigt seine Landmaschinenmodelle.

Taschen aus Kaffeebohnentüten

Sandra und Thomas Obermeier haben sich mit ihren Produkten dem Thema „Upcycling“ angenommen. Dabei werden Abfallprodukte oder scheinbar nutzlose Sachen in neue Produkte umgewandelt. Während Thomas aus Kerzenresten neue Kerzen zog, überrascht Sandra mit einer anderen kreativen Idee. Sie nähtestabile Taschen aus Kaffeebohnentüten, die bereits vergangenes Jahr großes Interesse fanden. Die Vernissage findet am Sonntag, 16. November, um 15 Uhr im Herzoglichen Kasten statt. Die Ausstellung wird außerdem am ersten und zweiten Adventssonntag jeweils von 14 bis 16 Uhr geöffnet sein. hij

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