Einzelhandel im Lockdown

Umbau, Erweiterung, neue Ideen: So reagiert die Geschäftswelt in Neumarkt auf Corona

Verpackungsfrei einkaufen wie bei Tante Emma: Das geht bei Sandra Prieschl (links) ihre Kunden müssen die Behälter – etwa für Reis – selbstmitbringen.
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Verpackungsfrei einkaufen wie bei Tante Emma: Das geht bei Sandra Prieschl (links) ihre Kunden müssen die Behälter – etwa für Reis – selbstmitbringen.
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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Mehr Achtsamkeit, große Solidarität: In der Corona-Pandemie haben die Händler in der Rottstadt auch viel positive Erfahrung gemacht. Auch die Stadt greift den Geschäftstreibenden unter die Arme.

Neumarkt-St. Veit – Ein Jahr Corona – die Pandemie hat ihre Spuren hinterlassen – auch wirtschaftlich. Wie hat der Einzelhandel in Neumarkt-St. Veit auf immer neue Regelungen beziehungsweise Einschränkungen reagiert? Eine Umfrage unter den Geschäftsleuten zeigt: Mit innovativen Ideen und Umbauten – vor allem aber steckt niemand den Kopf in den Sand.

Sandra Prieschl vom Lebensmittelgeschäft „Querdurchsbeet“ gibt zu, dass sie schon vor der Corona-Pandemie den Entschluss gefasst hatte, umzuziehen. Im ehemaligen Modehaus Bleibrunner hat sie diesen Plan, ihre Verkaufsfläche zu verdoppeln, zum 1. September 2020 in die Tat umgesetzt. Ein Schritt, den sie nicht bereut. „Das Geschäft boomt. Weil die Menschen trotz Lockdown ja weiter konsumieren. Sogar noch mehr als vorher, weil sich viele im Homeoffice und im Homeschooling befinden!“

Menschen kaufen bewusster ein

Ihrer Erfahrung nach legen sie bei den Nahrungsmitteln verstärkt Wert auf Qualität. Sie habe bei ihrem Umzug bewusst auf Tante-Emma-Flair gesetzt. Das würde geschätzt, „weil die Leute bei uns ein Stück Normalität finden. Das ist wichtig in solchen Zeiten!“, findet Prieschl, die dafür in Kauf nimmt, dass sie bis zu 16 Stunden im Geschäft steht.

Verpackungsfrei und nachhaltig

Sie hat das Gefühl, dass die Menschen zur Besinnung gekommen seien, Nachhaltigkeit wieder mehr schätzen würden. Bei Prieschl kann man zum Beispiel verpackungsfrei einkaufen, vorausgesetzt man hat eigene Behältnisse dabei. Was ihr im vergangenen Jahr aufgefallen ist: „Man achtet wieder mehr aufeinander. Das ist wichtig. Denn das hatten wir alle schon verlernt!“

Geöffnet wegen Büro- und Schulartikel

Auch Andi Stecher erwähnt die große Solidarität unter den Neumarktern. Sie hätten seinem Schreibwarengeschäft die Treue gehalten, trotz der Konkurrenz im Online-Sektor. „Die Kundenbindung ist noch besser geworden“, findet Stecher, der dankbar darüber ist, dass er sein Geschäft in den vergangenen Wochen öffnen durfte. Weil er Büroartikel und Schulwaren führt, war ihm dieses Privileg seit Mai vergönnt. „Ein großer Kraftakt für das gesamte Team, das toll zusammengehalten hat“, besonders während des ersten Lockdowns, als man Waren auch noch ausgeliefert habe.

Weniger Einkäufe, dafür mehr Lagerung

„Die Leute gehen weniger Einkaufen, lagern dafür mehr“, berichtet Birgit Frenzel vom gleichnamigen Elektrohandel in Neumarkt. Gefrierschränke seien deshalb sehr gefragt gewesen im vergangenen Jahr. Das Ladengeschäft sei durch den Lockdown zum Erliegen gekommen, durch Click&Collect liefe es allmählich wieder an. „Aber wir beschweren uns nicht. Wir haben durch den Kundendienst, Arbeiten auf dem Bau und Installationsarbeiten ein zweites Standbein, das uns gut durch die Krise gebracht hat“, sagt Frenzel.

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Auch sie betont: Die Wertschätzung habe zugenommen. Die Kunden kämen, seien auch bereit, für einen Heizlüfter zwei Euro mehr auszugeben und diesen lieber vor Ort zu kaufen als im Internet. Stephan Liebl von Eisenwaren Clemente hat beim ersten Lockdown sofort reagiert, seine Waren ausgeliefert.

Winter hat geholfen, um das Sortiment auszudünnen

Froh ist Liebl darüber, dass es in den vergangenen Wochen geschneit hatte, „immerhin konnte ich da Streusalz und Schneeschaufeln unter die Leute bringen, das Lager war voll damit nach dem ausgefallenen Winter im vergangenen Jahr!“

Das Modell „Click&Collect“ liefe gerade erst an, mit Blick auf die Zukunft überwiegt die Zuversicht: „Unser Geschäft gibt es seit 1906. In diesen 115 Jahren hat die Firma zwei Kriege überstanden, wir werden auch die Pandemie überleben“, ist sich Liebl sicher und verweist auf den Zusammenhalt in der Neumarkter Bevölkerung. Seine Erfahrung nach fast einem Jahr Pandemie: „Auch junge Familien haben das Fermentieren und das Einkochen wieder für sich entdeckt!“

Skepsis in Sachen Herdenimmunität

Nach acht Wochen im Lockdown hält sich Liebl mit seinen Hoffnungen auf Normalität mit geregelten Öffnungszeiten zurück. „Das kommt darauf an, wie schnell Impfstoff zur Verfügung steht. So lange keine Herdenimmunität besteht, wird das wohl so weiter gehen.“ Liebl hat sich online ausrechnen lassen, wie lange er denn auf eine Impfung zu warten hat. „Ein Baumarkt-Angestellter wartet aktuell bis zum 15. April 2022!“

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Seit September 2020 wird bei Christian Göttlinger umgebaut. Der Vorsitzende der Verkehrs- und Werbegemeinschaft von Neumarkt-St. Veit hat die Zeit der Beschränkungen dazu genutzt, sein Lederwarengeschäft zu überplanen, ließ Abrissarbeiten durchführen und hat die Verkaufsfläche inzwischen verdoppelt. Über 100 000 Euro investiert der Neumarkter, um zukünftig sein Sortiment besser darzustellen, „ich kann damit auch andere Marken aufnehmen und mich breiter aufstellen!“

Lockdown: Für den Umbau gut, doch die Einnahmesituation ist verheerend

Derzeit arbeiten die Schreiner an der Ausstattung, die Wände sind in einem kaffeewarmen Braun gestrichen, die ersten Regale stehen bereits. „Der Umbau im Lockdown. Das passte zeitlich eigentlich ganz gut. Andererseits ist das natürlich gerade nicht optimal, weil die Einnahmesituation verheerend ist. Alle Filialen sind gerade dicht!“ Göttlinger spricht von fünf weiteren Standorten von „Leder Streck“, wo aktuell kein Umsatz generiert wird. Mindestens bis zum 14. Februar, so lange soll der Lockdown andauern, wird das noch der Fall sein.

´Kein Verständnis für Verkauf des Mischsortiments, wenn die Fachhändler geschlossen bleiben

Was danach kommt? „Da wage ich keine Prognosen mehr“, sagt Göttlinger, verweist allerdings darauf, dass er natürlich jetzt schon Frühjahrsware ordern und auch die Kosten vorstrecken müsse.

Packt auch selbst mit an: Im Lockdown hat Christian Göttlinger umfassende Umbaumaßnahmen in Angriff genommen, die Ladenfläche sogar verdoppelt.

Mit den immer neuen Regelungen hat Göttlinger seine Probleme. „Speziell damit, dass Geschäfte jetzt auch ihr Mischsortiment verkaufen dürfen. Damit konzentrieren sie Kunden noch mehr bei sich. Dass Fachgeschäfte, die hingegen eine überschaubare Kundenanzahl bedienen würden, weiterhin geschlossen bleiben müssen, kann ich nicht mehr verstehen!“

Bei der Erweiterung seines Geschäftes hat Göttlinger übrigens die städtebauliche Förderung des Geschäftsflächen- und Fassadenprogramms der Stadt Neumarkt-St. Veit in Anspruch genommen. Im Rahmen dieser Förderung werden Umbauten und die Neugestaltung von innerstädtischen Gebäuden gefördert. Die Förderung beträgt 30 Prozent der zuwendungsfähigen Kosten, maximal 5000 Euro für die Stadtgestaltung, maximal 15 000 Euro im Rahmen des Geschäftsflächenprogramms, wie die Stadt dazu mitteilt. „Die städtebauliche Förderung unseres Geschäftsflächen- und Fassadenprogramms läuft noch bis 31. Dezember 2021, wenn bis dahin die Förderung ausgeschöpft werden kann“, informiert dazu Markus Huber von der Finanzverwaltung im Rathaus Schloss Adlstein.

10000 Euro stehen in diesem Jahr noch zur Verfügung

In diesem Jahr stehe noch eine Summe von rund 10 000 Euro als Zuschuss zur Verfügung, „dann ist die Förderung komplett ausgeschöpft“. Bewilligt waren mit Bescheid von 2016 insgesamt 50 000 Euro, die bis 2021 für Sanierungswillige zur Verfügung standen. „Wie es danach weitergeht, kann ich leider nicht sagen. Hierzu fehlen noch Beratungen des Stadtrates“, erklärt Huber. Wenn es nach Neumarkts Bürgermeister Erwin Baumgartner (UWG) ginge, sollte das Programm fortgesetzt werden, „und zwar aus dem einfachen Grund, weil es gut angenommen wird.“ Wer durch den Neumarkt-St. Veiter Stadtplatz fährt, könne sich davon überzeugen, so Baumgartner.

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