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Wirtshaussterben in Neumarkt-St.Veit?

Traditionsgaststätte in Gefahr: 15 Jahre nach Eröffnung droht dem Neumarkter Vitusstüberl das Aus

Holzverkleidung, massives Mobiliar, Kupferstiche und natürlich ein Kreuz: Roswitha Senftl hat erst vor 14 Jahren ihr Vitusstüberl eröffnet, sucht jetzt aber nach einem passenden neuen Pächter.
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Holzverkleidung, massives Mobiliar, Kupferstiche und natürlich ein Kreuz: Roswitha Senftl hat erst vor 14 Jahren ihr Vitusstüberl eröffnet, sucht jetzt aber nach einem passenden neuen Pächter.
  • Josef Enzinger
    VonJosef Enzinger
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Sie hatte sich einen Traum erfüllt, als Roswitha Senftl im Oktober 2007 das sogenannte Feichtmaier-Haus ersteigert und zum Vitusstüberl umbauen ließ, in der viele Neumarkter Vereine eine neue Heimat gefunden haben. Doch jetzt, 15 Jahre später, steht die Gastronomie vor dem Aus.

Neumarkt-St. Veit – Wegen gesundheitlicher Gründe kann Roswitha Senftl die Wirtschaft nicht weiter betreiben, erzählt die 56-Jährige verbittert. Wenn es nach ihr ginge, soll das Vitusstüberl weiterhin als Begegnungsort erhalten bleiben. Doch einen Pächter zu finden, ist gerade nicht leicht.

Personalprobleme spielen auf eine Rolle

Sie selbst fühlt sich ausgebrannt nach zwei Jahren Corona, die der Gastro-Branche hart zugesetzt habe. Roswitha will sich aber nicht beschweren. Die Corona-Hilfen hätten die Gastronomen unterstützt, um die Umsatzverluste während der Lockdowns zu kompensieren. Doch als es nach den entbehrungsreichen Jahren 2021 und 2022 mit Corona und der Baustelle vor ihrer Haustür weitergehen sollte, war die Wirtin vom Vitusstüberl nahezu auf sich alleine gestellt.

Lediglich Minijobber stehen ihr zur Seite

„Personalprobleme“, sagt Senftl, die im Vitusstüberl nicht viel Hilfe hat. Zwei Minijobber unterstützen sie. Den Rest – Bewirtung und Kochen – stemmt sie alleine. „Nicht zu vergessen, dass ja nach Schließung der Gaststätte auch noch geputzt werden soll.“ Eine Belastung, die der 56-Jährigen inzwischen stark zusetzt. Sie fühlt sich ausgebrannt, leidet an Depressionen. Früher waren es fünf Tage, jetzt sind es nur noch vier, an denen sie pro Woche geöffnet hat. An Sonn- und Feiertagen nur noch von 11 bis 14 Uhr. Letztendlich hat sie sich dafür entschieden, das Wirtshaus in andere Hände zu geben, einen Pächter zu suchen.

Wohnungen sind keine alternative Option

„Das Haus soll auf jeden Fall weiter als Wirtshaus genutzt werden“, betont Wirtin Roswitha, die das Haus natürlich mit Wohnungen ausstatten könnte, um dann entsprechend Mieten zu kassieren. Doch das kommt für sie nicht in Frage. Zu viel Herzblut und Geld hat sie in das Gebäude gesteckt, das sie vor 15 Jahren erworben hat.

Mehr als eine halbe Million hat sie die in die Sanierung gebuttert, um ihren Traum vom Wirtshaus zu erfüllen. „Ich habe das Haus quasi blind gekauft, ohne zu wissen, wie es drinnen ausschaut.“ Die Überraschung war entsprechend groß: Risse in den Wänden bis zur Decke, Schimmel und ein Estrich aus Teer. Schon die Entsorgung habe ein kleines Vermögen verschlungen. Sie ließ die Zwischenwände rausreißen und den Gastraum gestalten – unter anderem mit einer Holzverkleidung. Erst später habe sie erfahren, dass die neuen Gasträume fast genau das Wirtshaus von anno dazumal abbildeten.

Maria Pauer war einst „Kuchlmensch“

Das alte Feichtmaier-Haus war schon einmal eine Wirtsstube, wie der ehemalige Stadtarchivar von Neumarkt-St. Veit, Walter Jani, weiß. Ein erster Hinweis auf ein Gasthaus findet sich demnach in den Landshuter Gerichtsakten von 1614/15. Darin wird an dieser Stelle von einem Andree Liebl berichte, Bräu und Gastwirt zu Neumarkt, der gegen Kammer und Rat prozessiert hatte.

Geschichtlich interessant: Im Jahre 1747 hat wohl ein gewisser Gastwirt Mathias Reiter ein 14-jähriges Mädchen als „Kuchlmensch“ eingestellt. Maria Pauer war ihr Name, die der Hexerei bezichtigt und 1750 zum Tode verurteilt wurde. Das Schicksal der sogenannten „Mühldorfer Hexe“ ist als einer der letzten Hexenprozesse in Bayern in die Geschichte eingegangen. Im Sommer 1959 endete die Wirtshausgeschichte des sogenannten Feichtmaier-Hauses – bis Roswitha Senftl im Jahre 2008 die Gastronomie wieder aufleben lässt.

25 Interessanten haben sich gemeldet

Inzwischen habe sie auf der Suche nach einem Pächter inseriert. Auf diese Anzeigen hätten sich inzwischen 25 Interessenten gemeldet. Unter anderem eine Großbäckerei, die nach einer Standortanalyse aber wieder einen Rückzieher gemacht habe. In erster Linie seien Wirte interessiert, die mit internationaler Küche die Gäste in das Lokal locken wollen. Doch das wiederum will Roswitha Senftl nicht. Sie will, dass die bairische Wirtshaus-Tradition in dem geschichtsträchtigen Haus fortgeführt wird, „wo noch ein Original Rinder- oder Schweinebraten auf den Tisch kommt“, so Senftl, die es schon 2015 bedauert hatte, dass Reserl Trager ihr Wirtshaus schließen musste.

Sie verhehlt nicht, dass ihr auch Kaufangebote unterbreitet worden seien. Doch auch das kommt für sie nicht in Frage. Ihre jüngste Tochter Susanne, inzwischen 25 Jahre jung, sei in diesem groß geworden, sie soll das Haus später auch mal bekommen. Und das im besten Falle als Hort der Neumarkter Vereine, die sich – irgendwann fernab von Corona – wieder regelmäßig in der Gaststube treffen, um Karten zu spielen oder sich dem gesellschaftlichen Teil des Vereinslebens widmen. Eisenbahnerfreunde, Löwen- und Eishockeyfans, Arbeiterverein und Feuerwehr, VdK und Tischtennisabteilung hätten jetzt noch eine Heimat – aber wie lange noch? So viel kann Roswitha versprechen: Sie will auf jeden Fall weitermachen, bis sich ein Pächter gefunden hat. Und solange ihr die Kraft nicht ausgeht.

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