AUS DEM LANDGERICHT

Tatort Neumarkt: Nebenklageanwalt spricht von Selbstjustiz, Angeklagter von Notwehr

Zwei Jahre bekam der 27-Jährige aufgebrummt. Wegen des einschlägigen Vorstrafenregisters, offener Bewährung und hoher Rückfallgeschwindigkeit konnte der Richter die Strafe diesmal nicht mehr zur Bewährung aussprechen.
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Zwei Jahre bekam der 27-Jährige aufgebrummt. Wegen des einschlägigen Vorstrafenregisters, offener Bewährung und hoher Rückfallgeschwindigkeit konnte der Richter die Strafe diesmal nicht mehr zur Bewährung aussprechen.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Beim Streit wegen eines defekten Zylinderkopfes wird ein Neumarkter (42) massiv verletzt. Der Schläger ist kein Unbekannter und kommt jetzt zwei Jahre hinter Gitter

Traunstein/Neumarkt-St. Veit – Ein 27-Jähriger wollte Geld eintreiben und ließ dabei in einer Werkstatt in Neumarkt-St. Veit die Fäuste sprechen. Ein Mechaniker (42) erlitt dabei massive Verletzungen. Die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs verhängte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren.

Bei dem Vorfall am 16. Juni 2020 war der Mann abends in der Werkstatt des 42-Jährigen aufgekreuzt. Er wollte den Ersatzanspruch einer 23-jährigen Eignerin einer Motocross-Maschine durchsetzen – wohl um der Frau zu imponieren. Er hatte „Geld her“ gefordert, mit Umbringen gedroht und war auf den Nebenkläger losgegangen – unter anderem mit Faustschlägen, zwei Messer sollten die Drohung verstärken. Das Opfer konnte den Angreifer letztlich durch Tritte in die Flucht schlagen. Der 42-Jährige trug eine ausgekugelte Schulter, Verletzungen an Hand und Schläfe, einen Nasenbeinbruch und eine Rippenprellung davon.

Streithähne fuchtelten mit Messern rum

Der 27-Jährige berief sich vor dem Landgericht Traunstein auf eine Art Notwehrsituation. Er schilderte, bei der Rückgabe des Motorrads hätten wichtige Teile gefehlt, darunter der Zylinderkopf. Der Angeklagte beteuerte, er wollte „reden“. Einige Tage zuvor sei das ebenfalls der Fall gewesen, der Werkstatteigner dabei total aggressiv geworden. Der Richter betonte: „Man kann nachvollziehen, dass ein Grundstücksbesitzer jemanden, den er nicht kennt und etwas von ihm fordert, rausschmeißt. Er hat ein Notwehrrecht.“ Im deutschen Rechtssystem sei es nicht üblich, Fremdforderungen mit Gewalt durchzusetzen.

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Mit dem Messer in der Hand empfangen

Als er im Juni 2020 zu der Werkstatt gekommen sei, sei ihm der 42-Jährige mit einem Messer entgegen getreten, fuhr der Angeklagte fort. Er habe dem anderen das Messer aus der Hand geschlagen. Der Nebenkläger habe ihn im Gerangel am Hals gepackt. Erst als seine Halskette gerissen sei, habe er zu seinem Fahrzeug flüchten können. „Ich dachte, ich werde abgestochen. Er oder ich. Wenn ich Zeit gehabt hätte, zu verschwinden, hätte ich es getan. Ich wollte kein Geld.“

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Das Opfer lag drei Tage im Krankenhaus

Der 42-Jährige erklärte hingegen, der Angeklagte habe 1000 Euro gefordert. Das Motocross-Rad der 23-Jährigen habe einen „Kolbenfresser“ aufgewiesen. Neuteile hätten sich nicht rentiert. Er habe versucht, gebrauchte Teile aufzutreiben. Die Maschine sei jedoch vorher abgeholt worden. Zu den Folgen aufgrund der massiven Verletzungen informierte der Nebenkläger. Nach einem dreitägigen Aufenthalt im Krankenhaus Mühldorf sei erst einige Zeit später ein geschwollenes Blutgefäß im Kopfbereich festgestellt worden. Noch immer befinde er sich in einer Schmerztherapie.

Motorradbesitzerin hat die Sache schonlängst ihrem Anwalt übergeben

Die 23-jährige Motorradbesitzerin hob hevor, sie habe niemanden aufgefordert, etwas zu unternehmen. Sie habe die Sache damals schon ihrem Anwalt übergeben gehabt. Die Maschine sei bis heute nicht repariert.

Staatsanwalt möchte 27-Jährigen zu vier Jahren Freiheitsstrafe verdonnern

Staatsanwalt Daniel Musin beantragte eine vierjährige Freiheitsstrafe. Die glaubhaften Angaben des Geschädigten würden bestätigt durch die DNA des Täters an einem Messer. Der 27-Jährige sei teilgeständig, habe sich nicht selbst bereichern, sondern der Frau imponieren wollen. Doch sei er mehrfach vorbestraft und habe die Tat geplant. Strafverschärfend sei die Brutalität. Nebenklageanwalt Harald Baumgärtl schloss sich an. Die Verletzungen seines Mandanten wirkten bis heute fort. Man wisse nicht, ob sie ausgeheilt werden könnten. Die Tat sei „ein Akt der Selbstjustiz“ gewesen und nicht zu tolerieren.

Verteidiger fordert 18 Monate zur Bewährung

Verteidiger Manfred Zipper sprach von „einer ganz besonderen Konstellation“: „Der, der genötigt werden soll, hat ein Messer in der Hand. Der, der nötigen will, kriegt Prügel.“ Eine Freiheitsstrafe von 18 Monaten mit Bewährung wegen versuchter Nötigung und Körperverletzung sei ausreichend.

Die Verletzungen wirken bis heute fort

Unstrittig sei eine bestehende Forderung an den 42-Jährigen, betonte der Vorsitzende Richter im Urteil. Fuchs führte aus, der Angeklagte habe 1000 Euro verlangt, dann zugeschlagen und mit Messern aus der Küche Stichbewegungen gemacht und mit Umbringen gedroht, jedoch den Geschädigten nicht töten wollen. Eine Bewährung war nach Fuchs nicht mehr möglich – wegen der Vorstrafen, einer offenen Bewährung zur Tatzeit und der hohen Rückfallgeschwindigkeit des Angeklagten.

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