Auf der Suche nach familiären Wurzeln

Auf Spurensuche im Neumarkter Rathaus, von links: Dina McCall, Lisa Ribeiro, Michael Fratzscher, Erwin Baumgartner, Helga Fratzscher, Kenneth McCall und Archivar Walter Jani. Foto jaw
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Auf Spurensuche im Neumarkter Rathaus, von links: Dina McCall, Lisa Ribeiro, Michael Fratzscher, Erwin Baumgartner, Helga Fratzscher, Kenneth McCall und Archivar Walter Jani. Foto jaw

Jahrelang hatte Michael Fratzscher damit verbracht herauszufinden, wer sein Vater war. Nach Kriegsende in Neumarkt-St. Veit als Sohn einer ledigen Frau geboren, wusste er lange nicht, dass es sich um einen amerikanischen Soldaten handelte, der in der Rottstadt stationiert war. Die Suche nach seinen Wurzeln führte den 66-Jährigen wieder nach Neumarkt. Mit einer erstaunlichen Geschichte.

Neumarkt-St.Veit - Es war ein Treffen der besonderen Art im Rathaus in Neumarkt-St. Veit. Zu Gast im Schloss Adlstein war Michael Fratzscher mit seiner Frau und seinem amerikanischen Halbbruder Kenneth McCall. Die beiden Brüder verbindet ein über viele Jahre verborgenes Schicksal, das jetzt auch unter Mithilfe von Stadtarchivar Walter Jani weiter gelüftet werden konnte. In einer im Juli gestellten Anfrage an die Stadtverwaltung wollte Michael Fratzscher mehr über seine Herkunft erfahren. Seine Geburt im Krankenhaus Neumarkt-St.Veit im Sommer 1946 wurde zwar im Geburtenbuch des Neumarkter Standesamtes ordnungsgemäß vermerkt, die Zeile jedoch, in der normalerweise der Name des Vaters angegeben wird, blieb leer. Er war ohne seinen leiblichen Vater aufgewachsen und hatte deswegen vor vielen Jahren mit der Suche nach diesem begonnen.

Dass sein Vater aus Amerika stammte, konnte er in relativ kurzer Zeit herausfinden, aber diesen in den Vereinigten Staaten von Amerika zu suchen und zu finden, war ihm, der inzwischen Bürger der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik geworden war, zu dieser Zeit unmöglich gewesen.

Nach dem Zusammenbruch der DDR begann er mit der Suche erneut und wurde im letzten Jahr durch viel Glück fündig. Leider war sein Vater bereits 2008 gestorben und Michael Fratzscher konnte ihn bei seinem Besuch in den USA nicht mehr persönlich kennenlernen. Dafür aber seinen dort lebenden Halbbruder Kenneth McCall und dessen Familie: Ihr gemeinsamer Vater Austin William McCall war Sergeant der US-Armee, kämpfte im Zweiten Weltkrieg in Deutschland und war nach dessen Ende in Neumarkt-St.Veit stationiert.

Um noch mehr zu erfahren, beschlossen die beiden Halbbrüder die Einsatzorte ihres Vaters in Deutschland zu besuchen. Besonders interessant war für sie die Frage: Wie kreuzten sich die Lebenswege von Anneliese Gertrud Fratzscher, der Mutter von Michael Fratzscher, und seines amerikanischen Vaters in Neumarkt-St.Veit?

Nach Auswertung der wenigen Unterlagen und der geschilderten Angaben geht Stadtarchivar Walter Jani davon aus, dass mit großer Wahrscheinlichkeit die damals junge Frau als sogenannte Arbeitsmaid im Lager des weiblichen Reichsarbeitsdienstes im Schloss Adlstein untergebracht war (siehe Text unten).

Dieses Lager bestand von 1938 bis 1945 im heutigen Rathaus von Neumarkt, wo kurz nach dem Kriegsende amerikanische Soldaten einquartiert wurden. "Möglicherweise lernten sich dort die beiden kennen und lieben, obwohl es zu dieser Zeit noch strengstens untersagt war", mutmaßt Jani. Von "verbotenen Feindkontakte" spricht Jani. Aber wie das Leben so spielt konnte hier, wie auch anderswo in Deutschland, das Verbot seine abschreckende Wirkung nicht erzielen.

Am 17. Juli 1946 erblickte um 7 Uhr morgens ihr gemeinsamer Sohn Michael Rudolf im Krankenhaus Neumarkt-St.Veit das Licht der Welt. Als der Soldat kurze Zeit später wieder in die USA zurückkehren musste, trennten sich ihre Wege.

Die junge Mutter hatte sich entschlossen mit ihrem Sohn in Deutschland zu bleiben und kehrte wieder in ihre Heimat im Osten Deutschlands zurück. Beide heirateten in ihren Heimatländern und gründeten dort eigene Familien, über deren Existenz der jeweilig andere bis vor kurzem nichts wusste.

Nach einem regen Gedankenaustausch führten Bürgermeister Erwin Baumgartner und Archivar Walter Jani die Besucher durch das Haus und erzählten dabei die Geschichte von Neumarkt-St. Veit und die des ehemaligen Schlosses Adlstein. Im Gästebuch des Schulmuseums verewigten sich die beiden Halbbrüder mit den Worten: "So viele junge Menschen starben für einen wahnsinnigen Krieg, und so viele gaben ihr Leben, um ihn zu beenden. Ihre Namen stehen, wenn sie Glück hatten, auf Grabsteine. Die Namen derer, die das Grauen überlebten, stehen in keinem Geschichtsbuch. Einen der Zahllosen wollen wir hiermit einen Namen geben. Er hieß Austin William McCall und war 1945 in dieser schönen Stadt. Seine Söhne Kenneth McCall (USA) und Michael Fratzscher (Berlin) 20.9.2012." jaw

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