Statt zur Schule zum Betteln und Obststehlen geschickt: Die Eltern mussten deswegen in Haft

Das alte Erhartinger Schulhaus mit Stufengiebel auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1880.
+
Das alte Erhartinger Schulhaus mit Stufengiebel auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1880.

In der Landwirtschaft war vor über 100 Jahre jede Arbeitskraft gefragt – Schulprobleme gab es nicht nur in Zeiten von Corona

Erharting – Wenn in der gegenwärtigen Situation Eltern und Kinder den Besuch des Schulunterrichts herbeisehnen, ist das nach wochenlangen Corona-Beschränkungen nachvollziehbar. Dass dies in längst vergangenen Zeiten durchaus anders war, zeigt ein Blick in den Mühldorfer Anzeiger aus den Jahren 1882 bis 1889.

Bereits die Einführung der allgemeinen Schulpflicht in Bayern im Jahr 1803 war in weiten Teilen der Bevölkerung, insbesondere auf dem Land, sehr umstritten. Die Kinder waren billige Arbeitskräfte und wurden so nach Meinung vieler Dienstherren dem Arbeitsprozess entzogen. In landwirtschaftlich geprägten Gegenden einigte man sich darauf, den Schulbeginn vor allem zur Erntezeit auf die frühen Morgenstunden ab 6 Uhr früh zu verlegen, damit die Kinder spätestens am Vormittag wieder zur Arbeit zur Verfügung standen.

Als praktisches Beispiel dient hier stellvertretend für viele andere Betroffene die Familie des Taglöhners Andreas Eder aus Erharting ab dem Jahr 1882. Andreas Eder wurde am 26. April 1825 in Strub bei Berchtesgaden auf einem Bauernhof geboren. Am 20. September 1869 heiratete er die Badersgehilfentochter Johanna Döllinger aus Burghausen und übernahm mit ihr die Krämerei (heute Bäckerei Eicher) in Erharting-Vorberg.

+++ Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren! +++

Zugleich versah der Familienvater den Dienst als Postbote – beste Voraussetzungen für eine junge Familie möchte man meinen. Der vermeintliche Wohlstand sollte aber nicht allzu lange anhalten, denn schon ab dem Jahr 1875, beim Geburtseintrag der Tochter Anna, wird der Vater als Dienstknecht beim Schweiberer Bauern (heute Panzer) in Maxing und seine Ehefrau ebenfalls als Tagelöhnerin bezeichnet. Von diesem Zeitpunkt ab begann der soziale Niedergang der Familie, der sich auch in der Verwahrlosung der Kinder zeigte. Darüber berichtete der Mühldorfer Anzeiger am 14. Juli 1882 in einer Pressenotiz aus dem Amtsgericht.

Schule geschwänzt, Vater muss in Haft

Wegen „Nichtanhaltens“ der Kinder zum Schulbesuch wurde der Vater zu acht Tagen Haft verurteilt. Damit nicht genug, musste auch die Mutter Ende September wegen eines Vergehens der „Bedrohung“ für zwei Monate ins Gefängnis. Dass dies der Entwicklung der schulpflichtigen Kinder nicht förderlich war, liegt auf der Hand. Lebten die Eltern als Tagelöhner quasi eh schon nur von Gelegenheitsarbeiten, konnten sie nun durch den Freiheitsentzug nichts zum Lebensunterhalt beitragen.

Zum Thema Schule anno dazumal lesen Sie bitte auch: Die Rückkehr zur Normalität

Bereits im Februar 1883 musste Andreas Eder erneut wegen Verwahrlosung der Kinder eineGefängnisstrafe antreten. Diesmal für 14 Tage. In den folgenden Jahren setzte sich diese Prozedur fort. Mit der Zeit hatte Eder vermutlich Routine gewonnen und so legte er im April 1887 gegen vorangegangene Urteile des Mühldorfer Amtsgerichtes Berufung am Landgericht Traunstein ein. Dazu ist aus der damaligen Presse zu entnehmen: „Berufung des Taglöhners Andreas Eder in Schoßbach Gemeinde Erharting, wegen Übertretung in Bezug auf Unterricht.“ Der Vorwurf: „Der Angeklagte hat seinen sechseinhalb Jahre alten Sohn, statt in die Schule zu schicken zum Betteln verwendet und gibt an, hierzu gezwungen zu sein, da ihm seine Heimatgemeinde jegliche Unterstützung verweigert.“ Der Angeklagte habe angegeben, dass es ihm nicht möglich sei, seinen Sohn alleine zu Hause zu lassen, „um demselben Gelegenheit zum Schulbesuche zu geben“. Sein Sohn bekomme nirgends etwas zu Essen, er selbst müsse seinen Lebensunterhalt durch Betteln bewerkstelligen – die Berufung wurde verworfen.

Mangelnde Unterstützung der Familie

Weitere Gerichtsverhandlungen zum gleichen Thema in Traunstein endeten in derselben Art wie schon im April. Bei einer weiteren Verhandlung Ende Juli in Traunstein brachte Eder erneut seine Notlage durch die Verdienstlosigkeit und des Mangels an anderweitiger Unterstützung vor. Es sei ihm nichts anderes übrig geblieben als zu betteln.

Gemeinde zahlt jährlichen Mitezins in Höhe von 50 Mark

Der als Zeuge aufgerufene Erhartinger Bürgermeister Josef Forstmaier führte dazu aus, dass der jährliche Mietzins in Höhe von 50 Mark von der Gemeinde bezahlt würde und die Eheleute schon auch Arbeit und Verdienst erhalten könnten – wenn sie sich ernsthaft darum bemühen würden. Außerdem habe es die Familie unterlassen, sich wegen Erlangung weiterer Unterstützungen an die oberen Verwaltungsbehörden zu wenden.

Nicht ernsthaft um Arbeit bemüht

Eine der letzten Verhandlungen vor dem Landgericht Traunstein gewährt einen abschließenden Einblick in das, wenn auch größtenteils selbst verschuldete, Leben der dieser Tagelöhnerfamilie deren absolute Verlierer die bedauernswerten Kinder waren. Dazu informiert der Bericht des Mühldorfer Anzeigers wie folgt: „Der 64 Jahre alte Taglöhner Andreas Eder von Schoßbach, bereits 15 Mal vorbestraft, darunter öfters wegen Verwahrlosung seiner Kinder, wurde wiederum verurteilt, weil er seinen schulpflichtigen Sohn Josef von September bis November 1888 nicht mehr in die Schule geschickt hat, sondern mit sich auf den Bettel nahm.“ Die Berufung wurde verworfen, der Angeklagte hatte die Kosten des Verfahrens zu tragen. Im Sommer 1889 „versiegen“ dann die Informationen, vermutlich auch deshalb, weil der Schüler Josef Eder nicht mehr „werktagschulpflichtig“ war.

Kommentare