STEPHANI-UMRITT IN ERHARTING

Seit Monaten wächst schon der Bart

Waren eine Institution, sind aber nicht mehr mit dabei: Gert Steffen (rechts) und Rudolf Rieder, die jahrelang die Heiligen Petrus und Paulus gemimt haben. stl
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Waren eine Institution, sind aber nicht mehr mit dabei: Gert Steffen (rechts) und Rudolf Rieder, die jahrelang die Heiligen Petrus und Paulus gemimt haben. stl

Bis 1589 lässt sich der Erhartinger Stephani-Umritt zurückverfolgen. Rund 200 Rösser und 20 Motivwagen mit Heiligen werden am zweiten Weihnachtstag ab 14 Uhr durch den Ort ziehen. Leo Biermaier ist mit dabei, seit der Umritt 1981 wiederbelebt wurde und berichtet von der vielen Arbeit, welche die Organisation dieses Umritts mit sich bringt.

Den Umritt gibt es schon seit Jahrhunderten. Seit wann sind Sie in die Organisation eingebunden?

Leo Biermaier: Archivalisch zurückverfolgen lässt sich der Umritt bis 1589. Ich selbst bin seit 1981 mit dabei. Damals hat Sepp „Vobe“ Vorbuchner den Ritt wiederbelebt, die Erhartinger Jugend hat fleißig mitgeholfen. Ich kann mich noch erinnern, dass die Erhartinger sehr skeptisch waren. „Woher die Wagen nehmen? Woher die Rösser?“, hörte man sie fragen. Wir brachten es auf vier Wagen und 100 Rösser – ein sehr guter Anfang und der Auftrag für uns weiterzumachen. Ab 1983 im Turnus von zwei Jahren, denn der Aufwand war auch in den 1980er-Jahren schon sehr groß und man wollte es den Helfern nicht jedes Jahr zumuten, auf Weihnachten zu verzichten.

Schon müde geworden, oder sind Sie nach wie vor mit Feuereifer bei der Sache?

Alle, nicht nur der Vorstand, sind mit Begeisterung dabei. Denn bei diesem Umritt wird man reich beschenkt durch die vielen Freundschaften, die sich auftun, durch den Kontakt, den man zu Teilnehmern knüpft. Man ist unter Gleichgesinnten, ohne an Konkurrenz zu denken. Eine tolle Vorstandschaft und viele junge Leute, die immer mehr mitziehen und Verantwortung übernehmen. Das spornt immer wieder an.

Welche kuriose Situation ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Da gäbe es viele. Aber besonders erinnere ich mich an eine Situation 1989, als wir den Umritt erstmals nach der Gründung des Brauchtumsvereins organisiert haben. Da ist ein Gespann nicht gekommen und der Heilige wartete auf seinem Motivwagen. Der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt, als wir kurzerhand den Anhänger an einen anderen gekoppelt haben. Den wenigsten Zuschauern und auch unseren Leuten war das aufgefallen. Erst am Dankesabend, als der Film gezeigt wurde, fiel die Notlösung auf.

Wie lange vorher beginnen die Planungen für den Umritt, schließlich werden mehr als 20 Wagen und 200 Pferde eingesetzt ?

In diesem Jahr hat es im August mit dem Ferienprogramm begonnen. Die begeisterten Kinder haben da an einem Wagen gebastelt. Abends, am Lagerfeuer, haben wir Ideen geschmiedet. Herausgekommen ist das Motto „Kinder und Jugend“, die wollen wir am Stephani-Tag verstärkt einbinden. Für Lukas Karfurke stand dabei außer Frage: Er will das Jesuskind spielen. Er ist zwar als Grundschüler schon ein bisserl groß dafür, aber heuer geht es noch.

Wie viele Darsteller sind nötig, um die Heiligen abzubilden? Ist es schwer, so viele Freiwillige zu finden?

Es werden in diesem Jahr 80 Darsteller sein, die sich auf 20 Wagen verteilen. Auch sonst gibt es in Erharting kaum jemanden, der nicht in irgendeiner Form eingebunden ist. Sei es die Bauern, die die Wagen bringen oder die Vereine, die mitwirken. Jeder Heilige steht im Bezug zum Verein: So stellt die Feuerwehr den heiligen Florian dar, die KSK den Kriegerpatron Sebastian und die Schützen den heiligen Hubertus.

Manche Darsteller nehmen die Sache so ernst, dass sie sich monatelang einen Bart wachsen lassen oder selbst bei Minustemperaturen in Sandalen durch den Ort ziehen...

Dazu fallen mir auf der Stelle Rudolf Rieder und Gert Steffen ein, die eine Institution waren und jahrelang so authentisch die Heiligen Petrus und Paulus mimten, dass die Leute meinten, sie seien direkt aus dem Himmel herabgestiegen. In diesem Jahr gibt es altersbedingt einen Wechsel, Brauchtumsvereins-Vorstand Christian Hans und Thomas Mück treten in ihre Fußstapfen. Ja, es stimmt: Josef Vorbuchner, der Zimmermann ist und passenderweise auch den richtigen Vornamen hat, spielt den heiligen Josef. Er lässt sich seit Monaten den Bart wachsen. Sandalen inklusive.

Auf welche Besonderheit dürfen sich die Zuschauer in diesem Jahr freuen?

Wie gesagt haben wir in diesem Jahr viele Elemente mit Kindern, angefangen mit den Heiligen Drei Königen, die auf Ponys reiten. Die Flucht der heiligen Familie aus Ägypten wird stilecht auf einem Esel nachgespielt.

Welche Risiken birgt so ein Umritt für Pferd und Reiter? Unter welchen Umständen würde der Ritt abgesagt werden?

Ich kann mich daran erinnern, dass wir zweimal den Umritt wegen Eisglätte oder Blitzeis verschieben mussten. Das wäre einfach zu gefährlich für die Rösser. Sollte das in diesem Jahr notwendig sein, wäre der Ersatztermin am Samstag, 30. Dezember. Regen macht uns eigentlich nichts aus, und wenn es schneit, würde es vielleicht die schöne Stimmung sogar noch unterstreichen. Wenn wir von Risiken sprechen: ein Tier ist immer unberechenbar. Man sollte immer einen respektablen Sicherheitsabstand einhalten. Auch ein Zuschauerplatz an der Friedhofsmauer ist ungünstig. Denn wenn ein Tier durchgeht, bleiben nicht viele Fluchtmöglichkeiten. Darauf weisen wir aber auch immer über Lautsprecher hin.

Der Umritt ist immer am Stephanitag und damit am zweiten Weihnachtstag. Viel Zeit für Besinnung oder Weihnachten zu feiern ist da nicht drin?

Stimmt, an Weihnachten steht das Telefon nicht viel still. Es gibt Absagen oder zusätzliche Anmeldungen. Vielleicht sind die Rösser krank und wir müssen Ersatz organisieren. Aber wir haben die Erfahrung, um auf solche Veränderungen flexibel zu reagieren.

Wann bezeichnen Sie einen Umritt als gelungen? Was freut Sie nach so einem Umritt am meisten?

Wenn nix passiert und die zwei Umrittrunden unfallfrei geblieben sind. Wir wollen den Teilnehmern und Zuschauern einen schönen Nachmittag bieten und ich freue mich schon jetzt darauf, wenn alle nach getaner Arbeit im Feuerwehrhaus zusammensitzen und durchschnaufen. Die Gemeinschaft ist mir sehr wichtig, denn dann werden bereits Pläne für den nächsten Umritt geschmiedet. Schon jetzt haben wir ein, zwei Überraschungen im Hinterkopf. Nach dem Umritt ist schließlich vor dem Umritt!

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