Geschichte der Region

Seit 1984 kein Bier aus Neumarkt-St. Veit – Rückblick auf Durststrecke, die am Donnerstag endet

Junge Männer trugen 1984 mit der Schließung des Klosterbräus symbolisch die Brauerei zu Grabe.
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Junge Männer trugen 1984 mit der Schließung des Klosterbräus symbolisch die Brauerei zu Grabe.

Heimatkundler Lu Angermeier damals: „Es wird ein furchtbares Zeitalter über uns kommen!“ – Hat die Durststrecke jetzt endlich ein Ende, wenn das St. Veiter Bier in der Rottstadt Fuß fasst?

Neumarkt-St. Veit – 1984 wurde das letzte Bier in Neumarkt-St. Veit gebraut. Das ist fast 40 Jahre her, ein Ende der Durststrecke soll es ab Donnerstag geben, wenn mit dem „St. Veiter Bier“ wieder ein Gerstensaft mit Bezug zur Rottstadt verkauft wird. Endet damit das „furchtbare Zeitalter“, dass Heimatkundler Lu Angermeier seinerzeit heraufbeschworen hat?

Zum Video: Nach fast 40 Jahren ohne Bier aus der Rottstadt hat die Durststrecke ein Ende. Ab heute gibt es St. Veiter Bier, das unter der Initiative von Hanjo Hellfeuer (links) und Richard Hirschberger gebraut worden ist, frei im Verkauf. Man wartet gespannt auf die Reaktionen.

Trauerstimmung nicht nur bei der Jugend

Zum Volksfest 1984 werden zum letzten Mal alle Fässer gefüllt, dann ist nach fast einem halben Jahrtausend Schluss mit der Bierproduktion in Neumarkt-St. Veit. Zum Volksfestausklang wird ein letztes Fassl St. Veiter Bier von der Neumarkter Jugend in einem Trauerzug ins Festzelt gebracht und nach einem Nachruf auf die verblichene Brauerei feierlich zu Grabe getragen.

Über das traurigste Volksfest der Geschichte

Nicht nur die Jugendlichen waren besorgt um die Zukunft, sondern auch der Heimatkundler Rudolf Angermeier. Er beschrieb die damalige Stimmung im Neumarkter Anzeiger mit folgenden Worten: „Das Neumarkter Volksfest anno 1984 wird eingehen in die Geschichte unserer Stadt als eines der traurigsten Ereignisse, die je über uns hinweggegangen sind.“ Manchen sei das „in seiner Schrecklichkeit noch gar nicht voll bewusst, was da auf uns zukommt, andere wieder, vor allem jene, die mit diesem Bier besonders vertraut sind, können sich gar nicht mehr vorstellen, wie unser Leben nach diesem Volksfest weitergehen soll“, trauert auch der Heimatkundler. Nun sollte es diesen „Göttertrank“ nicht mehr geben, ein ganzes Leben nicht mehr, schreibt Angermeier. „Es wird ein furchtbares Zeitalter über uns kommen und uns wird’s sein, wie einem gestandenen Bayern, der für sein Lebtag auf Preußen hinauf muss“.

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Allzeit zu seligem Schlummer verholfen

Angermeier ist sich damals ziemlich sicher: „Das Schlimmste wird sein, wie wir dieses lokale Unglück vor der Geschichte rechtfertigen sollen, wo doch unser Bier schon unsere Väter, Großväter und Urgroßväter stark und aufschäumend werden ließ, sie zu gesunder Rauflust anstachelte und ihnen doch allzeit zu seligem Schlummer verhalf.“ Es habe „darbenden Benediktinermönchen Erquickung bereitet, hat ihnen auch in den düstersten Zeiten des Fastenmüssens die Hoffnung auf bessere Zeiten erhalten“.

Mit dem Krug nach St. Veit für zwei Maß Bier und zwei Laib Brot

Angermeier verweist auf die kleinen Leute in der Loh, die Brauknechte und Binderburschen, die ihre Kinder um fünf Uhr mit dem Krug nach St. Veit schicken durften, weil zwei Maß Bier und zwei Laibl Brot zu ihrem Tagelohn gehört hätten. „Nicht vergessen darf man den Guts- und Brauereibesitzer Otto Hertrich, der nach 1900 die Brauerei zum Krösus für den ganzen Markt ausgebaut hat und ein großer Gönner war.“

Angermeier spricht vor einem Trauma

1923 wurde die Brauerei zur Aktiengesellschaft umgewandelt: „Wer weiß, welche Besitzer mit den Aktienpapieren herumjongliert haben, wie mit Spielkarten.“ Alles das, prognostizierte Angermeier, würde man den Kindern und Enkelkindern erzählen und diese würden „den Glanz in unseren Augen nicht verstehen“ können. „Sie werden ja nie erfahren, was wir einst genossen haben. Wie Waisenkinder werden sie aufwachsen müssen die Armen und wenn sie Durst haben und ihr Hals trocken wird, werden sie irgendetwas hinunterschütten, was man irgendwo zusammengebraut hat“.

Endet mit dem heutigen Tag das Trauma?

Keine Frage: Nach Ansicht Angermeiers würde die Schließung der Neumarkter Brauerei ein tiefes Trauma hervorrufen. Ein Trauma, das nun gelindert werden könnte, wenn es ab Donnerstag wieder einen Gersensaft im freien Verkauf gibt, das zwar den Namen St. Veiter Bier trägt, mit der ehemaligen Klosterbrauerei aber nichts zu tun hat. Ob das Märzen mit dem „Göttertrunk“ von damals vergleichbar ist, vermögen alleine die zu entscheiden, die das Klosterbier beziehungsweise dessen Geschmack noch in ihrer Erinnerung tragen.

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