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Der Tod kam schon nach drei Wochen

Franz Hackner wurde mit erst 18 Jahren an die Front geschickt. Anfängliche Euphorie vermischte sich mit Abschiedsschmerz. Nach nicht einmal zwei Wochen in Russland fiel er. Auf der Ehrentafel der Gemeinde Lohkirchen, die in der Pfarrkirche hängt, ist er verewigt.  Foto je
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Franz Hackner wurde mit erst 18 Jahren an die Front geschickt. Anfängliche Euphorie vermischte sich mit Abschiedsschmerz. Nach nicht einmal zwei Wochen in Russland fiel er. Auf der Ehrentafel der Gemeinde Lohkirchen, die in der Pfarrkirche hängt, ist er verewigt. Foto je

Am Anfang die Euphorie, tränenreich dennoch der Abschied, dann die Erschütterung über die Zerstörung und schließlich Krankheit und die erste Berührung mit dem Feind. Der Lohkirchener Infantrist Frank Hackner hielt seine Erlebnisse täglich fest, schrieb darüber in Briefen an seine Schwester.

Den letzten am 23. August - seinem Todestag.

Lohkirchen - "Es sind erschütternde Aufzeichnungen, halten sie doch deutlich vor Augen, welche Emotionen die jungen Soldaten durchlebt haben, nachdem sie eingezogen worden sind", fasst Eugen Rippl das Tagebuch zusammen, das er im Herbst dieses Jahres bei einer Ausstellung zum Ersten Weltkrieg auch der Öffentlichkeit zugänglich machen will. Es handelt sich um Aufzeichnungen von Franz Hackner, Gütlerssohn von Oberrott, der am 4. August 1915 von Lindau abgereist, um seinen Dienst in Russland abzuleisten.

Zwischen Euphorie und Abschiedsschmerz

Fast täglich hielt er seine Eindrücke in seinem Tagebuch fest. Allerdings sollten es nicht viele Einträge werden - er fiel bereits am 23. August 1915. Nach nicht einmal drei Wochen, nachdem er die Heimat verlasssen hatte.

Von Euphorie getragen berichtet Franz Hackner kurz nach seiner Rekrutierung über ein Treffen mit seinen ehemaligen Schulkameraden in Ingolstadt, "den Deinböck Joseph und Dörndl Johann und noch zwei Kameraden aus Neumarkt". Die ganze Nacht hätten sie sich unterhalten, "jetzt sollens uns zu Hause sehen", beschreibt er diese Eindrücke. Gleichzeitig kehrt mit den Gedanken an die Heimat der Abschiedsschmerz zurück. Er erinnert sich daran, wie sehr etwa seine Schwestern Theres und Rosel geweint hatten, "ich hab sie gar nicht anschauen können sonst hätt ich auch weinen müssen". Es sei ihm ziemlich schwer ums Herz gewesen.

"Reinstes Indianerleben"

Dann schildert er die Fahrt durch Sachsen und nach Ost-Preußen. "Alles ist geplündert und zerstört", berichtet er aus Ost-Preussen. Starker Regen und Frost würden ihn peinigen, gerne denke er dann an die Heimat zurück, "denn im Feindesland ist das reinste Indianerleben". Und immer noch ist Euphorie herauszulesen, wenn er schreibt, dass die daheimgeblieben Eltern stolz sein könnten, "wenn ihr das Buch leset, weil ihr einen Sohn als Held im Felde habt".

Erbsensuppe, Kartoffeln - der Speiseplan gibt nicht viel her, wie den Aufzeichnungen zu entnehmen ist. Zu den Glücklichen darf sich der Soldat zählen, der sogenannte "Liebesgaben" erhält. So wurden Hilfsgüter-Sendungen bezeichnet, die von der Bevölkerung während des Ersten Weltkriegs an die Soldaten an der Front übersandt wurden und die in erster Linie Kleidung und Lebensmittel enthielten. Hackner berichtet von "Wein, Nüß, Zucker, je zwei Zigarren und Zigaretten sowie Himbeerschnaps".

Am 10. August fand Hackner bei der Weiterfahrt nach Ahnom die Leute "schon ziemlich russisch". Am 11. August um "8.15 Uhr Aben(d)s über die deutsche Grenze in die rusische da ging es mit Hurra drüber". Er sieht zerschossene Häuser, Störche und Katzen, "nur mehr grauenhaft anzuschauen und stinken wie bei einem Schienter (Schlächter)".

Offensichtlich fehlt es an Wasser, Hackner isst Runkelrüben "voll lauter Durst". Und: "Kein anderes Wasser soll man trinken als ein abgekochtes", mahnt er schließlich am 14. August. Als er in der Nähe zur Ortschaft Kohlm den ersten Kanonenschuss hört, geht es ihm durch "Blut und Gemüt, ich dachte mir, wenn ich nur einmal dort wäre." Und: "einen Muth wie ein Löwe."

Runkelrüben

gegen den Durst

In Kohlm angekommen, herrscht ebenfalls Not. "Es gab nichts als Zigaretten, Zigarren, Schokolade, Ponpons, Stück 6 M. Man kann sich gar nichts kaufen vor lauter teuer". Und doch hat der bayerische Infantrist noch einen Blick übrig für die schönen Mädchen, die "sind hier reitzend die dracht steht ihnen gut nicht so geschmiert wie bei uns". Er wird in einer Kaserne einquartiert, "es gibt Fleh (Flöhe) die sind sehr frech mit uns stechen uns ohne zu fragen", endet dieser Eintrag mit gewissem Humor. Am 16. August beschreibt Hackner die Verletzung von Joseph Deinböck, durch Leichtsinn habe sich einer durch den Fuß geschossen.

Immer nur Regen - heißt es dann in den weiteren Tageseinträgen. Und dann wird Hackner auch noch krank, Eugen Rippl vermutet, dass den Soldaten wohl die Ruihr reeilt hat, wenn er auf die Textstelle verweist: "Habe das Abführen bin sehr schwach immer Piwak (Biwak) auf freien Felde die Nächte...kalt".

Tage vergehen, es dauert bis zur ersten Feindberührung, da sich die russischen Soldaten immer mehr zurückziehen. Am 19. August scheint Hackner seine Geduld kaum mehr bremsen zu können: Jetzt können wir noch zwei bis drei Tage marschieren müssen, bis wir sie einmal erwischen. Das ist eine Russengaudi."

Vom 20. auf den 21. August kommt die Einheit von Hackner dann in Infanteriefeuer, so dass sich die Deutschen zurückziehen mussten. "Sind zu weit vorgekommen ich habe mich ziemlich geduckt". Es geht offensichtlich hin und her. Gewonnenes Terrain fällt in den nächsten beiden Tagen wieder dem Feind zu. Dann der letzte Eintrag am 23. August in verworrenem Deutsch: "Abmarsch 3 Uhr wieder forwährts den es ging gestern so weit zurück. Kann nun gar nicht schreiben wie es eigentlich ist..." Es sind die letzten Worte von Franz Hackner. Noch am selben Tag stirbt der Lohkirchener in der Nähe der Ortschaft Kopatschew. je

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