Er ist Postzusteller, sie Arzthelferin: Ein "systemrelevantes" Paar manövriert durch die Corona-Krise

Man arrangiert sich mit der Situation:Weil Arzthelferin Radka Grübl und Postzusteller Andreas Grübl in systemrelevanten Jobs beschäftigt sind, dürfen sie weiter arbeiten. In diesem Fall greift die Notbetreuung im Kindergarten für den fünfjährigen Andreas. privat

Und plötzlich fehlt von einem Tag auf den anderen eine regelmäßige Kinderbetreuung: Andreas und Radka Grübl, Eltern vom drei Kindern, beweisen weit mehr als Organisationstalent. 

Neumarkt-St. Veit – „Wir sind vier Kinder und haben den ganzen Kindergarten für uns alleine. Die ganzen Spiele im Kindergarten – alles für uns alleine!“, Andreas Grübl aus Neumarkt-St. Veit ist begeistert von der Kinderbetreuung, die er gerade im Städtischen Kindergarten von Neumarkt-St. Veit genießt. Der Fünfjährige darf in die Kinderbetreuung, weil er Eltern hat, die in sogenannten systemrelevanten Jobs tätig sind und deswegen auch in der anhaltenden Corona-Krise nicht dazu verdonnert werden, zu Hause zu bleiben. Mama Radka ist Arztgehilfin, Papa Andreas Postzusteller.

Kinderhort ist bislang geschlossen

Doch die beiden haben auch drei Kinder in ihrem Haushalt in Neumarkt-St. Veit, neben dem fünfjährigen Andreas sind das noch Tobias (9 Jahre) und Michael (10 Jahre), die Radka Freilinger aus erster Ehe mit in die Beziehung gebracht hat. Das Problem: Sämtliche Kindertagesstätten und Schulen haben seit einigen Tagen geschlossen. Die Frage stellt sich, wer nun die Kinderbetreuung übernehmen soll, wenn Radka und Andreas Grübl in der Arbeitswelt nun unentbehrlich sind.

Denn im Haushalt von Andreas und Radka Grübl leben neben dem fünfjährigen Nesthäkchen auch noch die Söhne aus erster Ehe. „Die haben wir aktuell bei meinem Ex-Mann untergebracht, solange wir nichts anderes von der Stadt wissen, was die Kinderbetreuung von Schülern betrifft“, erklärt die 43-jährige Mutter die aktuelle Situation.

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Doch gibt es für genau diese Fälle einen Notbetrieb, informiert das Rathaus in Neumarkt-St. Veit. Aktuell würden vier Kinder im Vorschulalter dieses Angebot im Städtischen Kindergarten in Anspruch nehmen, nächste Wochen seien bereits sechs Kinder angekündigt.

Bislang keine Anfrage bei der Schule

Einen Notbetrieb garantiere auch die Schule, teilt Bürgermeister Erwin Baumgartner mit. Aktuell nähme diesen niemand in Anspruch, doch von Gesetzes wegen, müsse die Stadt auch in Kinderhort und Schule einen Notbetrieb sicherstellen. Das Problem: „Im Hort gibt es noch keinen Telefonanschluss.“ Ein Informations-Manko, das jedoch der Städtische Kindergarten kompensiert. „Wer eine Betreuung benötigt, kann sich dort erkundigen“, informiert Baumgartner. Notdienst auch in der Schule, der bislang aber nicht genutzt würde, so der Bürgermeister.

Doch Schulleiterin Angela Wimmer hält die Stellung. Sie ist an den Werktagen von 8 bis 13 Uhr im Büro täglich, berichtet davon, dass bislang keine Anfragen auf Schulbetreuung eingegangen seien. „Die Anrufer, die sich bei mir melden, erkundigen sich lediglich darüber, was das Kind zu lernen hat.“ Dies funktioniere in der Herzog-Heinrich-Mittelschule sehr gut, weil sämtliche Lehrer im Homeoffice die Schüler mit Lehrmaterial versorgen würden.

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Dass der jüngste Spross frühzeitig in den Genuss einer städtischen Kinderbetreuung gekommen ist, begrüßen die Grübls. „In der vergangenen Woche konnte ich noch drei Tage mit Überstundenausgleich abfangen. Diese Woche wäre schwierig geworden“, erklärt die Arzthelferin, die in Winhöring bei einem Allgemeinarzt beschäftigt ist. Denn die einzige ortsnahe Alternative zur Kinderbetreuung wäre die Mutter von Andreas Grübl in Hörbering geben. Diese Möglichkeit schloss der 46-Jährige aber aus Sorge um seine Mutter kategorisch aus. „Das kommt nicht in Frage. Sie ist 72 Jahre alt, zählt damit zur Risikogruppe.“ Überhaupt verhalten sich die Grübl absolut diszipliniert, halten sich an die Vorgaben und die Appelle der Regierung, zu Hause zu bleiben und soziale Kontakt auf ein Minimum zu reduzieren.

Postzusteller in Wechselschichten

Für Andreas Grübl ist das leichter gesagt als getan. Denn als Postzusteller ist er natürlich ständig in Kontakt mit Personen, wenn er von Haustür zu Haustür fährt, um Briefe und Pakete zuzustellen. Doch auch er stellt fest, dass sich die Menschen vernünftig verhalten, die Kontakte reduzieren oder zumindest die geforderten Mindestabstände einhalten. Das fordert übrigens auch die Post als Arbeitgeber ein. „Wir fahren aktuell eine Wechselschicht“, erklärt Grübl. Das heißt: An einem Tag arbeitet er von sieben Uhr morgens, an dem anderen beginnt er erst um 9.30 Uhr. Damit will man vermeiden, dass sich die Wege zweier Postangestellter kreuzen und möglicherweise das COVID-19 weitergeben.

Im Privaten hält es Grübl genauso diszipliniert. Freilich verlässt die Familie auch mal das Haus, man geht Spazieren. Doch Menschenansammlungen sind ebenso tabu wie der Besuch öffentlicher Spielplätze. Den fünfjährigen Andreas stört das nicht: „Im Kindergarten haben wir dafür die Spielgeräte im Garten ganz für uns alleine!“

Fragen zu den Notdiensten: Kindergarten und -hort unter 08639/5420, die Schule ist unter 08639/8611 erreichbar.

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