Und plötzlich war die beste Freundin im Westen: Wie Romy Böhmer den Mauerfall erlebt hat

Ein letztes Stück DDR-Geschichte:Zum 40. Jahrestag der DDR hat Romy Böhmer noch eine Medaille im Turnen eingeheimst, bei der Kreis-Kinder- und Jugend- Spartakiade. Enzinger

Sie war 13 Jahre alt, als die Wende kam, Fan von den „New Kids On The Block“ und schwer verliebt in Joey. Heute bedankt sich die Polizistin Romy Böhmer für den Soli und sagt: „Mir hat es damals an nichts gemangelt!“ Und den Liebesbrief an Joey hat sie nie abgeschickt.

Landkreis – 100 Mark Begrüßungsgeld gab es nach der Wende. Und die Familie Böhmer machte damit das, was viele DDR-Bürger damals getan haben: Rein ins Auto, ab in den Westen. Zum Einkaufen. Romy Böhmer war gerade Mal 13 Jahre alt, durfte damals mit nach Coburg fahren, um in einem West-Kaufhaus zu shoppen. Und sie lacht, wenn sie davon erzählt: „Wir wären fast schon am Drehkreuz zum Kaufhaus gescheitert. Das kannten wir nämlich nicht!“

Verliebt in Joey:Diesen aufwendig gestalteten Brief hat Romy Böhmer nie an die New Kids On The Block abgeschickt. Die Minni-Maus stammte von ihrer besten Freundin, die ein Jahr vor dem Mauerfall in den Westen gezogen war. „Wir hatten nur Pittiplatsch und das Sandmännchen.“

Vieles war neu, was die Maueröffnung und Reisefreiheit mit sich gebracht hatte. Doch wenn die heute 43-Jährige zurückdenkt, hegt sie keinen Groll darüber, etwas in der Jugendzeit versäumt zu haben. Im Gegenteil: „Eigentlich hat es mir zu DDR-Zeiten an nichts gemangelt. Was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen!“

Krippe, Kindergarten, Schulzeit, Hort: „Als Kind und Jugendliche hatte ich ein total geregeltes Leben. Man musste sich um nichts kümmern, das alles hat der Staat übernommen!“ Sie schwärmt von den Ferien- und Zeltlagern, welche die Betriebe der Eltern angeboten hatten. „Wir waren mit den Pionieren jedes Mal woanders!“

Die „Intershops“ waren verpönt

Und wer sagt denn, dass es nicht auch etwas Westliches in der DDR gegeben hätte? Romy Böhmer erinnert sich an die Intershops, in denen es Westprodukte zu kaufen gab. „Was sehr geheimnisvolles: Die Schaufenster waren mit Zeitungspapier abgehängt, man konnte darin nur mit DM bezahlen. Für mich als Tochter eines Polizisten war es tabu da rein zu gehen. Das durfte nicht sein!“ Anders ihre damals beste Freundin Mandy. „Die hatte Verwandte im Westen, bekam auch immer wieder Pakete zugeschickt.“ Inklusive West-Mark. Und so kam es, dass sie sich beinahe dazu verführen ließ, doch einmal einen Fuß in das verpönte Kaufhaus zu setzen. „Ich hab mich dann aber doch nicht getraut. Mandy hat mir aber ein Gard-Schampoo mitgebracht – und ich hab mich darüber gefreut wie Bolle!“

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Wenn Romy Böhmer von ihrer Jugendzeit erzählt, fällt immer der Name Mandy. Mit ihr hat sie geturnt, Partnerakrobatik, wofür sie zahlreiche Urkunden einheimste. „Wir waren fast täglich zusammen“. Noch heute rechnet sie es ihrem Vater hoch an, dass er ihr nie den Umgang mit ihr untersagt habe. „Ihre Familie war gegen das System, theoretisch war der Umgang mit ihr verboten. Aber meine Eltern haben mir da nie Steine in den Weg gelegt.“

Die Wende selbst, die hatte die Teenagerin damals nicht so interessiert als vielmehr die Tatsache, dass sie endlich diese beste Freundin wieder in die Arme schließen konnte. Mandy war nämlich genau ein Jahr vorher mit ihrer Familie zum „Klassenfeind“ in den Westen rübergewechselt. Nach Hannover. „Zehn Jahre lang hatten sie um die Ausreise ersucht, 1988 wurden ihnen diese dann erteilt. Uns blieben nur drei Tage, um uns zu verabschieden“, erzählt Romy Böhmer. Was folgte, waren Briefwechsel, teilweise adressiert an Dritte, denn ihr Vater war Staatsbeamter, man wollte es nicht mit der Staatssicherheit zu tun bekommen.

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So schnell die Abschiedszeremonie über die Bühne gegangen war, so groß war die Wiedersehensfreude Anfang 1990. „Mein Papa hat mich in das Auto geladen und dann ging es nach Hannover. 400 Kilometer. Mit dem Trabi eine Weltreise!“

Eine Weltreise war es nicht, als Romy Böhmer nach der Schule sich dazu entschloss, ebenfalls zur Polizei zu gehen. 1993 unterzog sie sich dem Eignungstest, ab September 1994 absolvierte sie ihre Ausbildung in Sachsen. 2003 hat sie den Osten verlassen, ging nach München – in diesem Jahr feierte sie ihr 25-Jähriges bei der Polizei. „Dafür gab es dann immerhin einen Tag frei!“ Die Polizei war es auch, wo sie ihren Mann kennengelernt hat. Er ist ebenso Polizeibeamter, sie beiden haben einen Sohn, den sechsjährigen Eric, wohnen im nördlichen Landkreis Mühldorf.

Die erste Liebe: Joey von den NTBOK

Ihr Mann Ole war aber nicht ihre erste Liebe, gibt die temperamentvolle Sächsin zu. Ihre erste Liebe galt nämlich einem gewissen Joey McIntyre, Sänger der US-amerikanischen Boygroup „New Kids On The Block“ (NKOTB). Westmusik im Osten? Es sei kein Problem gewesen, die Teenie-Stars von damals im Radio zu empfangen, „die hatten ja keine politischen Botschaften“, erklärt Romy.

Über DDR-Musiker, die nicht singen können

Ihre eigene Mitteilungsbereitschaft sei allerdings schon enorm gewesen, erklärt Romy Böhmer und zieht ein etwas vergilbtes Schriftstück hervor – ein Liebesbrief an das Quintett aus Boston, Massachusetts, verfasst im Jahr der Mauereröffnung. In bester Schönschrift entschuldigt sie sich, dass sie noch kein Englisch kann und schreibt dann ihren Frust von der Seele. „Manchmal könnte ich ausrasten, wenn man hört, die Kids haben eine Deutschlandtour gemacht (BRD) oder David Hasselhoff.“ Denn in der DDR gebe es nur Gruppen, „die entweder nicht singen können oder die kein Mensch kennt. Ich glaub, die DDR ist auch etwas beschissen dran!“

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Über Romys Ärger haben die Teenie-Stars von NKOTB nie erfahren. Denn abgeschickt hat sie den Brief nie. Und so blieb auch ihre Bitte nach einem Poster oder einem Autogramm unbeantwortet. „So etwas wie die Bravo hatten wir ja nicht!“, erklärt sie. Eingepackt hat sie den Brief dann. Zugeklebt. „Und genau zehn Jahre später an meinem 23. Geburtstag wieder geöffnet.

Urkunden als Turnierin

Nicht das einzige Dokument ihrer Jugendzeit im Osten. Sie hat Urkunden als Turnerin und als Leistungsschwimmerin gesammelt. Zeugnisse sind fein einsortiert. Dazwischen auf DIN A 5 ein Andenken an die Festwoche zu Ehren von Wilhelm Pieck, dem „Freund und Vorbild der Jugend“, das die 13-jährige Romy im Ornat der Freien Deutschen Jugend, dem kommunistischem Jugendverband der DDR, zeigt.

„Danke für den Soli!„

Wenn sie heute ihre Eltern besucht, die immer noch in ihrem Geburtsort Döbeln wohnen, einer Kreisstadt auf halber Strecke zwischen Leipzig und Dresden, dann spricht sie von deutlichen Veränderungen seit der Wende. Die Infrastruktur sei ausgebaut, Häuser wurden saniert. „Wir haben noch im Plattenbau gewohnt, viele Wohnungen wurden damals noch mit einem Ofen beheizt. Heute gibt es Heizungen.“ Selbst die Datsche ihrer Eltern verfüge jetzt über eine Fußbodenheizung. Der Staat habe viel Geld in den Osten gesteckt. Deswegen sei es auch an der Zeit, einfach mal ,Danke‘ zu sagen: „Für den Soli. Es ist schön geworden bei uns!“

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