Obg‘sogt is! Kein Oktoberfest: Enttäuschung, aber auch Verständnis bei heimischen Musikern

Für Alois Altmann (rechts) und seine Isarspatzen gibt es in diesem Jahr kein Oktoberfest. Profimusiker wie Sepp Eibelsgruber (links), die sich hauptsächlich durch die Musik ihren Lebensunterhalt finanzieren, trifft die Corona-Krise besonders hart – auch finanziell. Enzinger
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Freizeitmusiker haben lediglich ihren Urlaub investiert. Doch Berufsmusiker, die von dem Geschäft ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen, trifft die Absage des größten Volksfestes der Welt hart. Darunter auch der Neumarkter Musemoaster Sepp Eibelsgruber..

Neumarkt-St. Veit – Den Maßkrug in die Höhe gestreckt stehen die Musiker auf. Ein Beckenschlag. Schon dröhnt ein „Prosit der Gemütlichkeit!“ durch das Zelt. Zum x-ten Mal an diesem Tag auf der Bühne der Isarspatzen im Hofbräuzelt. Dort, auf dem Oktoberfest, wo Engel Aloisius unter dem Dach seinem Manna frönt, anstatt die göttlichen Weisungen der Bayerischen Regierung zu übermitteln. Das war 2019. In diesem Jahr wird es allerdings keinen Aloisius geben, keine Blasmusik, und kein Prosit. Das Oktoberfest ist abgesagt – wegen Corona.Das trifft auch den Landkreis Mühldorf. Denn viele Musiker kommen aus dem östlichen Speckgürtel Münchens, um zwei Wochen lang für Stimmung im Zelt zu sorgen.

Einer dieser Musiker ist Tommy Huber, für den es in diesem Jahr die dritte Saison gewesen wäre, dass er mit den Heldensteiner Musikanten zur fünften Jahreszeit auf der Bühne gestanden wäre. Ununterbrochen seit 1996 sorgen die Heldensteiner für Stimmung pur im Löwenbräuzelt. 23 Jahre lang geschah das unter dem Dirigat von Bert Hansmeier. 2019 erst hatte Günther Pilzweger den Taktstock übernommen. „Vorher hatte schon ein paar Mal ausgeholfen, aber seit drei Jahren spiele ich die kompletten 14 Tage durch“, berichtet Tommy Huber, Posaunist und Tenorhornist in einer Person.

Für Martin Stadler wäre es in diesem Jahr die zehnte Saison auf dem Oktoberfest gewesen. „Doch wir streichen 2020. Das Jubiläum holen wir 2021 nach!“

Auch wenn es traurig sei: Für ihn sei die Absage nur konsequent: „Wenn man viele kleine Volksfeste absagt, dann kann man nicht die größte Wies‘n einfach stattfinden lassen!“ Es sei eine vernünftige Entscheidung, so der 25-Jährige, schließlich kämen Menschen aus aller Herren Länder in München zusammen. Das wäre in Zeiten von Corona nicht verantwortbar. Und doch: Ein Herbst ohne Oktoberfest – damit müsse er sich erst einmal abfinden. Und doch will er nicht komplett auf das Musizieren verzichten. „Vielleicht lassen es dann ja die Lockerungen zu, dass wir Musiker uns zum eigentlichen Wiesnauszug privat treffen können, um miteinander eine Halbe zu trinken“, sagt der 25-Jährige Garchinger.

Jetzt mehr Zeit für den Garten

„Mir war das schon lange vor der offiziellen Entscheidung klar“, sagt Martin Stadler, gebürtiger Oberbergkirchener, der seit 2011 im Armrustschützenzelt mit Posaune und Tenorhorn im Zelt einheizt. „Als es hieß, dass es bis zum 31. August keine Großveranstaltungen geben wird, war es doch nur logisch, dass man im September kein Fest für sieben Millionen Besucher aus aller Welt veranstalten kann“, folgert der 28-Jährige. Natürlich sei die Enttäuschung groß, schließlich sei das Oktoberfest der Höhepunkt eines jeden Blasmusikerjahres. Man nimmt sich Urlaub für diese zwei Wochen. Zeit, die Stadler nun dafür verwenden kann, um seinen Garten auf Vordermann zu bringen. Nach seiner Heirat ist er nach Aschau am Inn gezogen. „Da habe ich jetzt genug zu tun“.

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An Musikspielen war in diesem Jahr sowieso nicht zu denken. Einige Starkbierfeste im März noch. Dann ließ Corona die Instrumente verstummen. 150 bis 200 Auftritte sind es für gewöhnlich bei Stadler pro Jahr. Und der 28-Jährige vermisst diese Auftritte. „Weil die Musik meine Leidenschaft ist, ich gerne unter Leuten bin und es interessant finde, Menschen kennen zu lernen.“ So aber muss der Virtuose nun sehen, dass sein Ansatz nicht flöten geht. Dass er sich die Qualität seines Spiels bewahrt.

Immerhin: Stadler ist von der Musik nicht finanziell abhängig. Er arbeitet in Vollzeit als Industriemechaniker, ist von der Corona-Krise nicht etwa durch Kurzarbeit betroffen.

Bei den Winbecks trifft es gleich drei Musiker

Gleich drei Musiker trifft es im Hause Winbeck, aus Tegernbach bei Egglkofen. John (34), Simon (32) und Joachim (35) gehören quasi zum Inventar des Armbrustschützenzeltes. Diesmal müssen auch sie zu Hause bleiben. Bei John Winbeck ist das bereits seit Mitte März der Fall. „Wir haben noch in kleiner Besetzung bei der UWG Neumarkt-St. Veit gespielt. Danach im Hofbräuhaus. Doch seit dem 13. März ist alles abgesagt.“ Finanziell habe er natürlich Einbußen, sagt Winbeck, der sein anderes berufliches Standbein beim Instrumentenbauer Miraphone in Waldkraiburg hat. „Es geht mir schon einiges ab, aber ich bin noch nicht abgebrannt“. Er nutzte die Zeit nach der Erklärung der Ausgangsbeschränkungen dafür, erst einmal einen Monat lang in Elternzeit zu gehen, um die Zeit mit seinem Dreijährigen, Xaver, und seinem Neugeborenen, Bernhard, der im Dezember auf die Welt kam, zu verbringen. „Ich habe das total genossen!“ Er geht davon aus, dass ihn die Zeit ohne öffentliche Auftritte weiterhin begleiten wird, also hat er sich vorgenommen, am Notenblatt kreativ zu werden. „Vielleicht setze ich mich hin und schreibe mal was. Die Zeit hätte ich ja jetzt dafür!“

Viele Musiker aus dem oberbayerischen Raum

Dass die 14 Tage ohne Oktoberfest aber so manchen Profimusiker treffen können, weiß Alois Altmann, der nicht nur seit 20 Jahren im Hofbräuzelt den Taktstock bei den Isarspatzen schwingt, sondern als Hauptkapellmeister wegweisend die Kapellen in den acht anderen großen Wiesnzelten koordiniert. Man spricht Musikergehälter ab, tauscht sich über aktuelle Wiesn-Hits aus, reglementiert die Lautstärke in den Zelten, außerdem diskutiert man wie und wann welche Musik gespielt werden soll.

„Der Verdienstausfall wird einige ziemlich hart treffen“, weiß der 58-Jährige, der hinter der nördlichen Landkreisgrenze in Aich wohnt. Der Redebedarf ist groß. Seit der offiziellen Absage am Dienstagmorgen steht bei ihm das Telefon nicht mehr still, Kurznachrichten en masse bekommt er zugeschickt. Überall Enttäuschung, Bedauern, aber zum größten Teil auch Verständnis für die Situation, die besonders viele Musiker aus dem oberbayerischen Raum, besonders aber aus dem Landkreis Mühldorf, aus der Regensburger Region und auch aus dem Bayerischen Wald treffe.

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Auch Altmann kann die Absage nachvollziehen. Es seien ja nicht nur die Millionen Besucher, die sich in den Festzelten tummelten. Die würden ja auch öffentliche Verkehrsmittel benutzen, weitaus mehr Leute könnten sich mit dem Virus infizieren, auch wenn sie selbst nicht auf die Wies‚n gingen. „Wer möchte dann schon gerne die Verantwortung übernehmen, wenn sich das Oktoberfest als neuer Hot-Spot herausstellen würde?“ Das Fest wäre über Jahre hinweg verrufen, ist sich Altmann sicher.

„Das Volksfest ist dafür da, dem Alltag zu entfliehen. Aber mit Corona im Hinterkopf lässt es sich nicht ausgelassen feiern. Versuchen Sie mal zu schunkeln, wenn Sie eineinhalb Meter Abstand halten müssen. Oder mit Mundschutz Trompete zu spielen!“ Altmann versucht, der Absage mit Galgenhumor zu begegnen.

Komplette Jahreseinnahmen sind futsch

Er denkt aber auch weiter, ist sich nicht sicher, ob es in diesem Jahr überhaupt noch ein Fest für seine Isarspatzen geben werde. Volksfest in Köln im Oktober? Noch offen. Ein Gastspiel wäre im Dezember in der Schweiz geplant. „Bei einem Ärztekongress“, schmunzelt Altmann, der das Glück hat, ebenfalls nicht von der Musik leben zu müssen. Als Freiberufler arbeitet er bei einer Bausparkasse, kann sich über genügend Arbeit nicht beklagen.

Das sieht bei dem Neumarkt-St. Veiter Musemoaster Sepp Eibelsgruber, der an der Seite von Altmann im Hofbräuzelt spielt, anders aus. „Ich sitze quasi seit März zu Hause. Sämtliche Auftritte sind abgesagt“, erzählt der 51-Jährige, der vor einigen Jahren seine Anstellung als Ingenieur an den Nagel gehängt hatte, um seinen Lebensunterhalt komplett mit der Musik zu verdienen. Alle Volksfeste im Vilstal – in Velden, Taufkirchen und in Vilsbiburg seien abgesagt. Dazu Töging und Mühldorf. Seine Kapelle ist zum Nichtstun verdammt.

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An Musikunterricht sei ebenfalls nichts zu denken, seit die Ausgangsbeschränkung verhängt worden ist. Teilweise kommuniziert Eibelsgruber digital. Via Tablet und Laptop gibt der 51-Jährige Instrumentalunterricht für Schüler der Realschule Vilsbiburg. Drei Mal in der Woche ist das der Fall. „Doch ansonsten fallen durch die Krise die kompletten Jahreseinnahmen weg“, verrät Eibelsgruber, der aber nicht jammern will. Er müsse deswegen nicht am Hungertuch nagen, „ich komme über die Runden!“

Das Musikerherz blutet natürlich

Zur Oktoberfestabsage meint Eibelsgruber: „Der Verstand hält die Absage für richtig, aber das Musikerherz blutet“. Noch dazu, da er in diesem Jahr sein 30. Bühnenjubiläum auf dem Oktoberfest gefeiert hätte.

Froh ist er darüber, dass er sein Steckenpferd, die Benefizkonzerte zugunsten der krebskranken Kinder in der Hauner‘schen Klinik noch durchziehen konnte. Das war zwei Wochen, bevor die Corona-bedingten Einschränkungen Auftritte im öffentlichen Raum komplett verboten hatten.

13 700 Euro seien bei den beiden Kozerten der Blasmusiker um Sepp Eibelsgruber für die gute Sache zusammengekommen. Gänsehaut erzeugt nicht nur die Summe, die die Konzerte eingespielt hatten, sondern auch die Tatsache, dass Eibelsgruber und Co. bei der 19. Auflage zum ersten Mal die Bayernhymne gespielt hatten. „Gott mir Dir, dem Bayernvolke – ich hätte nicht gedacht, dass diese Textpassage so schnell an Aktualität gewinnen würde!“

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