Wie Neumarkt-St. Veits Partnerstadt Caneva in Italien mit der Krise umgeht

2019 absolvierten Jugendlicheaus der Partnerstadt Caneva ein Praktikum im Rathaus. Von Giorgia Salatin, Tochter des Zweiten Bürgermeisters aus Caneva, Francesca Pizzinato und Paolo Molmenti (von links) gab es den Daumen nach oben. In diesem Jahr gibt es aber keinen Austausch, Corona lähmt die partnerschaftlichen Beziehungen. Enzinger

Das Städtchen im Friaul ist weniger vom Coronavirus betroffen. Dennoch sind auch bereits hier fünf Todesfälle zu beklagen gewesen. Die Bewohner mussten sich an eine strikte Ausgangssperre halten. Doch jetzt sind erste Lockerungen in Sicht.

Neumarkt-St. Veit/Caneva– Im Dezember brachte der Freundeskreis Caneva noch einen bayerischen Christbaum in die Partnerstadt im Friaul. Das war es dann auch schon mit den persönlichen Begegnungen zwischen Neumarktern und ihren Freunden aus Caneva. Das Corona-Virus lähmt auch die partnerschaftlichen Beziehungen, man tauscht sich nur noch über die digitalen Kanäle aus und am Telefon.

Uni-Vorlesungen finden online statt

Neumarkts Bürgermeister Erwin Baumgartner hatte in den vergangenen Tagen per E-Mail Kontakt zu den Canevesen aufgenommen, sich nach der Situation vor Ort erkundigt. Elisabeth Keppler, die in Caneva wohnt, berichtet von dem Glück, „in einer vom Coronavirus nicht sehr betroffenen Gegend“ zu wohnen. In Caneva mit seinen 7000 Einwohnern gebe es bislang 19 positiv getestete Personen. In ganz Friaul beziehungsweise Julisch Venetien sind bislang 2858 nachweislich an Corona erkrankt (Stand 24. April), 256 Todesfälle sind zu beklagen, erste Fälle, nämlich fünf, auch in Caneva.

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Seit dem Ministererlass des 8. März besteht Ausgangssperre in Caneva, auch die Universität Triest ist geschlossen, wo Keppler Physik studiert. „Das heißt aber nicht, dass alles gestoppt ist! Jetzt habe ich jeden Tag Online-Vorlesungen.“ Anfang März habe sie sogar ihr Examen in newton’scher Physik gemacht – über Skype.

Engpässe an Lebensmitteln seien nicht zu beklagen, in den Supermärkten fehle nichts. Allerdings kann immer nur ein Familienmitglied Einkaufen gehen, Menschenansammlungen seien zu vermeiden. „Wir hoffen, dass sich die Situation bald wieder normalisiert“, schließt Elisabeth Keppler ihr Schreiben an Baumgartner.

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Dass sich das Leben in Caneva mit dem Corona-Virus total geändert habe, erfährt Baumgartner aus dem Rathaus in Caneva. Francesca Coan berichtet davon, dass die Menschen nur dann ihre vier Wände verlassen dürften, wenn sie zur Arbeit, zum Einkaufen oder wenn ein Arztbesuch ansteht. Nahezu alle Firmen hätten geschlossen, die Produktion steht still.

Katastrophenschutz liefert Medikamente

Viele freiwillige Helfer würden sich einbringen, etwa beim Katastrophenschutz: „Sie liefern Medikamente und Einkäufe bis an die Haustür. Und sie bringen Kleidung ins Krankenhaus zu den Corona-Erkrankten. Denn Besuch dürfen diese Patienten keinen empfangen, Familienmitglieder, die sich in Quarantäne zu begeben haben, schon gar nicht.

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Besonders im Fokus des von der Krise betroffenen Landes: die Senioren. Eine Gruppe von Frauen kommunizieren mit den Älteren via Telefon. Menschen über 75 Jahre bekommen eine Geburtstagskarte vom Bürgermeister zugesandt, der sich regelmäßig mit Videobotschaften an die Einwohner wendet oder über soziale Netzwerke kommuniziert. Der Rat bespricht sich über eine Internetplattform. Niemand geht vor die Türe.

„Uns fällt langsam die Decke auf den Kopf“, berichtet Gabi Fullin, die in Stevena, einem Vorort von Caneva, lebt und seit über sechs Wochen das Haus kaum verlassen hat. „Die Freiheit, rausgehen zu dürfen, fehlt mir am meisten“, verrät die 64-Jährige, die mit ihrem Mann Vito in einem Haushalt lebt. Als sehr konsequent beschreibt sie die Anweisungen der Behörden in diesen Tagen. Beim Einkauf sei eine Maske Pflicht, auch Einmalhandschuhe dürfen nicht fehlen. „Man darf nur alleine Besorgungen erledigen. Mein Mann, mit dem ich Tisch und Bett teile, darf nicht einmal bei mir im Auto sitzen.“ Und auch sonst sei man dahinter, dass das Infektionsrisiko auf ein Minimum beschränkt wird. „Wenn sich zwei Personen beim Einkaufen längere Zeit unterhalten, ist der Sicherheitsdienst gleich zur Stelle und unterbindet dies.“ Die Gemeindegrenzen darf nur passieren, wer einen entsprechenden Freifahrtschein hat, „wenn die Person etwa zur Arbeit muss“, erklärt Fullin.

Schwiegereltern sind 93 und 96 Jahre alt

Die Einschränkungen treffen Gabi Fullin und ihren Mann schwer, weil sie ihre Enkelkinder nicht mehr treffen können. Aber auch die Schwiegereltern der Schweizerin, die seit 32 Jahren in Caneva lebt, kann sie nicht mehr besuchen. Lediglich zum Putzen schaut sie vorbei. Einmal pro Woche. Dann aber entsprechend geschützt, denn mit ihren 93 und 96 Jahren zählen sie zu den Risikogruppen. „Meine Schwiegermutter vermisst die Unterhaltung.“ Das geht nur über das Telefon, über Videobotschaften halten die Urenkelkinder Kontakt zu ihr.

Immerhin: Die Kurve an Neuinfektionen geht mittlerweile leicht nach unten. Es tut sich ein Lichtstreif am Horizont auf: Man darf sich wieder an der frischen Luft bewegen. Von Spazierengehen ist die Rede – innerhalb eines Radius von 500 Metern vor dem Haus.

Und doch ist auch in Caneva nicht absehbar, wann die Kommune endlich den Krisenmodus hinter sich lassen kann. Die Bürgermeisterwahlen – sie hätten eigentlich im Mai stattfinden sollen – wurden in den Herbst verlegt, weiß Baumgartner. Solange wird sein Amtskollege Andrea Gava noch im Amt bleiben, danach muss er abtreten, weil er von Gesetzes wegen keine dritte Amtszeit in Anspruch nehmen darf. „Ich hoffe, dass wir uns noch einmal in offizieller Funktion treffen können“, sagt Baumgartner. Denn das eigentlich Mitte März geplante Treffen der beiden Stadtoberhäupter war bereits wegen der Corona-Krise abgesagt worden.

Am Christbaum wird nicht gerüttelt

Abgesagt ist auch die Fahrt des Freundeskreis Caneva in den Friaul. Eine solche war für Mai oder Juni geplant gewesen, wie Vorstandsmitglied Rosmarie von Roennebeck erzählt. „Da gab es gar nicht viel zu diskutieren. Die Situation erfordert aktuellen einen Verzicht.“

Fast täglich tausche man sich aber mit den Freunden in Caneva aus. Gemeinsam hoffe man, dass die Krise so schnell wie möglich vorübergeht. Größere Planungen, wie etwa das Castello-Fest alljährlich im Juli, seien auf Eis gelegt worden. Ein Fünkchen Hoffnung besteht, dass es dann im Herbst ein erstes Wiedersehen geben könnte.

An einer Sache jedoch will der Freundeskreis weiter festhalten. Auch wenn Corona den persönlichen Kontakt auf Null reduziert habe, soll es auch 2020 wieder einen Christbaum aus bayerischen Landen geben, der den Marktplatz von Caneva schmücken soll. Die Busfahrt in die Partnergmeinde würde zwar ausfallen, so von Roennebeck. „Doch den Transport des Baumes wollen wir auf jeden Fall durchziehen!“ Einen Baumspender gebe es bereits.

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