Erinnerungen

Nach Flucht von Preußen bis Bayern: Heilig Abend in „Klein Moskau“, gleich bei Lohkirchen

75 Jahre später im zu Hause in Neumarkt-St. Veit schmückt Karlheinz Jaensch mit seiner Enkelin Franziska den Baum.
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75 Jahre später im zu Hause in Neumarkt-St. Veit schmückt Karlheinz Jaensch mit seiner Enkelin Franziska den Baum.
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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„Den Heiligen Abend, aber wirklich erst den Abend, verbrachten wir zu fünft in einem Zimmer bei einem Bauern in Brodfurth“, so beginnen die Erzählungen unseres Berichterstatters Karlheinz Jaensch. So erlebte der Neumarkt-St. Veiter sein erstes Weihnachten in der neuen Heimat.

Neumarkt-St. Veit – In jenem Winter 1945, unmittelbar nach Kriegsende, hatte Karlheinz Jaensch als zweieinhalbjähriger Knirps mit seiner Familie die Strapazen einer abenteuerlichen Flucht hinter sich gelassen. Die Familie, das waren seine Eltern und eine Großtante und seine fünfjährige Schwester Ute. „Damit endete eine Odyssee, die mit Schreckensreisen und Irrfahrten der Verwandten eigentlich das ganze 45er Jahr angedauert hatte“, berichtet der 77-jährige, der in Neumarkt-St. Veit lebt.

Von allen Weihnachtsabenden war dieser Heilige Abend 1945 für uns eigentlich ein echter Advent!

Karlheinz Jaensch

Vor den Geschützen der Russen geflohen

Für drei Familienmitglieder hatte die Reise schon im Januar 1945 in Nakel an der Netze, in der damaligen Provinz Posen in Westpreußen begonnen. „Vor den Geschützen der Russen und dem Kriegslärm flohen die Deutschen aus dem Korridor nach Westen. Flüchtlinge aus Ostpreußen zogen schon seit einiger Zeit durch das Land“, erklärt Jaensch. Auf Anraten der Nachbarn und der durchziehenden Flüchtlinge, die grausame Geschichten von Begegnungen mit der Sowjetarmee berichtet hatten, packte die Mutter die Papiere und notwendigen Sachen in Koffer und Köfferchen – und los ging es.

Karlheinz Jaensch als kleiner Junge in den Lohkirchener Behelfsheimen, das Areal wurde damals wegen der vielen Flüchtlinge „Klein Moskau“ genannt.

Kriegsende in einer winzigen Wohnung erlebt

„Mit damals immer noch fahrenden Zügen und trotzdem viel zu Fuß, gelangten wir nach Bad Doberan an der Ostsee, wo eine Tante meiner Mutter wohnte. Das Kriegsende und die russische Besatzung überlebten wir in einer winzig kleinen Wohnung, die uns ein Bäckermeister in Bad Doberan zur Verfügung gestellt hatte.

Tante verpasst die „Wilhelm Gustloff“

„Noch vor Kriegsende stieß eine weitere Tante der Mutter hinzu. Sie war aus Masuren geflohen und hatte das Elend der Trecks im Haff miterlebt. Sie wollte in Danzig die „Wilhelm Gustloff“ erreichen. Das war ein Schiff, das Flüchtlinge aus Ostpreußen nach Westen bringen sollte. Als sie im Hafen ankam, war das überfüllte Rettungsschiff allerdings schon weg. Zum großen Glück der Tante. Denn bekanntlich wurde das Schiff von russischen U-Booten versenkt, wobei 9350 Menschen ertranken und lediglich 1240 Flüchtende überlebten. „Sie floh auf dem Landweg weiter und erreichte uns in Bad Doberan. Von da an war sie praktisch ein Mitglied der Familie“, erzählt der Neumarkt-St. Veiter.

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Resolute Tante schlägt sich alleine durch

Die Tante war ledig geblieben, nachdem ihr Verlobter im Ersten Weltkrieg gefallen war. „Dadurch war sie sehr selbstständig, hatte Geschick im Umgang mit Menschen und konnte sich durchsetzen.“ Und damit sei sie der Mutter von Karlheinz Jaensch eine große Hilfe gewesen, „denn von unserem Vater, der als ,Arbeitsdienstler‘ zuletzt in Frankreich eingesetzt war, hatten wir schon lange keine Nachricht mehr erhalten.“

Die Großeltern waren schon früher nach Bayern ausgewandert

Mutters Eltern – der Opa war „kriegsbeschädigt“ – hatten schon früher ihr Heil in Bayern gesucht. Tante Rita hatte einen Münchner Luftwaffenpiloten geheiratet, dessen Eltern in Moosach ein Häuschen besaßen. Rita war schwanger, und sie wollte das Kind in München zur Welt bringen.

München litt bereits unter den Bombenangriffen – also auf nach Lohkirchen

Da aber München zu dieser Zeit schon unter Bombenangriffen litt, wurde sie mit ihren Eltern aufs Land, in den Landkreis Mühldorf, nach Lohkirchen verschickt, erzählt Jaensch. „Und Ritas Schwiegereltern waren die einzige Kontaktadresse, die unserem Vater geblieben war, als er zum Kriegsende in Schleswig-Holstein aus englischer Gefangenschaft entlassen wurde.“ Seine Eltern waren von ihrem Bauernhof im niederschlesischen Kreis Liegnitz vertrieben worden und, wie er später erfahren sollte, in Thüringen geblieben.

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Es folgte das Bemühen, die Großeltern aus der russischen Zone zu holen

In Moosach erfuhr er dann, dass seine Schwiegereltern samt Schwägerin noch in Lohkirchen seien, wohin er unverzüglich weiter gepilgert ist. Dort wurde ihm auch vom Los seiner Familie in Thüringen berichtet. Weil er sie nicht in der russischen Zone lassen wollte, plante er, sie ebenfalls nach Bayern zu holen.

Zug hält am 24. Dezember 1945 in Ampfing

Als Sohn eines schlesischen Bauern war der Vater hartes landwirtschaftliches Arbeiten gewohnt, erzählt Jaensch. Und da gerade Erntezeit anstand, fand er Arbeit und Unterkunft bei dem Brodfurther Bauern Schweiberer. „Er sparte jeden Pfennig, und noch im Dezember machte er sich auf nach Bad Doberan, von wo er uns alle holen wollte.“ Die weite Hinreise, das Überqueren der „grünen Grenze“ bei Propstzella mit Hilfe von Einheimischen wäre eine eigene abenteuerliche Geschichte, die Jaensch selbst nur aus Erzählungen kennt. „Tatsache ist, dass wir zu fünft am 24. Dezember 1945 mit dem Zug aus München in Ampfing ankamen.“

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Zu Fuß von Ampfing nach Lohkirchen

Die Familie Jaensch machte sich von dort zu Fuß auf den Weg nach Brodfurth. Es lag kaum Schnee, Tauwetter hatte eingesetzt“, erinnert sich Jaensch auch an dieses Detail noch. „Noch vor Zangberg hielt plötzlich ein Motorrad neben uns. Der Fahrer kannte Papa und bot ihm an, ihn nach Brotfurth mitzunehmen.“ Dieser habe dies dankbar angenommen. In Brotfurth habe er dann ein Fuhrwerk eingespannt, um den Rest der Familie abzuholen. „Etwa in der Nähe des ,Spatzenhäusls‘ begegneten wir uns. Dankbar stiegen wir alle auf den Wagen und ließen uns den Rest des Weges bis Brotfurth kutschieren“, so Jaensch.

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Den Heiligen Abend haben die Kinder dann verschlafen

Das wohl größte Weihnachtsgeschenk war an diesem Heiligen Abend die Ankunft in einem Zimmer in einem festen Haus. „Nach Weihnachtsstimmung war uns aber nicht zumute. Wir erlebten Weihnacht eigentlich am eigenen Leib. Unser Geschenk war eine erste Bleibe. Es kamen keine Hirten und keine Könige, und wir Kinder fielen schnell in einen erholsamen Schlaf.“ Und er fügt demütig hinzu: „Von allen Weihnachtsabenden, die die Familie später immer ehrfurchtsvoll begangen hat, war dieser Heilige Abend 1945 für uns eigentlich ein echter Advent.“

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