Ab Mittwoch gilt: Auch Neumarkts Einzelhandel macht wegen Corona dicht – oder doch nicht?

Die Regale sind voll,nur Kunden werden ab Mittwoch ausbleiben: Auch Andi Stecher, auf dem Bild mit seiner Angestellten Borgit Kraus, muss schließen, folgt damit der behördlichen Anordnung. Gerne werde man aber Waren zustellen, versichert Stecher. Enzinger

Lebensmittel, Gartengeräte und Pflanzen sind weiter verfügbar. Betroffene Geschäftsinhaber zeigen sich aber auch kreativ: Wenn die Kunden schon nicht mehr ins Geschäft dürfen, dann werden Bücher eben geliefert. Eine Stipvisite durch die Geschäfte von Neumarkt-St. Veit.

Neumarkt-St. Veit – Ab heute macht der Einzelhandel seine Geschäfte dicht. Aus Sicht von Neumarkt-St. Veit bedeutet das: Keine Ledertaschen, keine Klamotten, keine Bücher – verschiedene Ladentüren bleiben ab heute wegen der Corona-Krise zu. Was bedeutet das für die Geschäftsinhaber. Eine Umfrage.

Andi Stecher wird dem Anweisung der Regierung folgen und ab Mittwoch nicht mehr aufsperren. Er habe sich zwar informiert, war dabei auf Literatur gestoßen, wonach Geschäfte für den Zeitungsverkauf öffnen dürften. Letztlich hat er sich aber dagegen entschieden. „Wenn nun jeder nach einer Ausnahmeregel sucht, um aufsperren zu dürfen, kommen wir ja nicht weiter.“ Er beuge sich dem Zwang, sein Geschäft zu schließen, weil er auch die Notwendigkeit nachvollziehen kann, um die Corona-Epidemie einzudämmen.

Zum Abschied gibt es ein „G‘sund bleiben!“

Vielen Kunden erklärt er dies an diesem Dienstag. Diese reagieren verständnisvoll als sie gehen. „G‘sund bleiben!“, heißt es, als sie das Geschäft verlassen. Wie lange sein Geschäft zu bleiben wird, steht in den Sternen. Doch nur rumsitzen, das ist nicht Stechers Sache. Schließlich hat er auch ein Team zu beschäftigen. Seine Idee: „Wir liefern unsere Produkte auf Wunsch!“ Das sei früher, als sein Vater Günter die Geschäfte geführt habe, selbstverständlich gewesen. Und so will es Andi Stecher nun auch wieder handhaben. Bücher, Büromaterial, selbst Schulhefte würden dann eben bis an die Haustür geliefert. „Da muss man nicht das große Online-Versandhaus mit dem großen ,A’ bemühen“, hofft er auf die Solidarität unter den Neumarktern, damit der hiesige Einzelhandel nicht allzu geschwächt wird durch die Krise. Staatliche Hilfen? Darüber hat er sich schon informiert, „die Unterlagen dazu liegen bei mir auf dem Schreibtisch“. In den nächsten Tagen werde er genug Zeit haben, sich damit zu beschäftigen.

Gartenarbeit für die Daheimgebliebenen

Stephan Liebl hingegen von der Eisenwarenhandlung Clemente wird auch am Mittwochmorgen wieder aufschließen. Das Traditionsgeschäft führt so ziemlich alles, was man für Haushalt und Garten benötigt. Wegen Letzterem dürfe er wie gewohnt öffnen, erklärt Liebl, der sich dazu beim Gesundheitsamt in Mühldorf ausführlich erkundigt habe. Nicht nur, dass das Frühjahr zur Gartenarbeit ruft. Offenbar will es die Regierung, die Nah- und Eigenversorgung sicherzustellen – die Gartenarbeit kann da einen Teil dazu beitragen. „Auch zur Ablenkung“, weiß der 40-Jährige Einzelhändler und verweist auf die zahlreichen Schüler, die nun in den eigenen vier Wänden zu bleiben haben. Gegen etwas Gartenarbeit hingegen könne doch nichts einzuwenden sein, findet Liebl und zeigt auf jede Menge bunter Spaten, die im Einkaufswagen neben der Kasse feilgeboten werden.

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Die einzige Änderung in den nächsten Tagen: Er werde wohl seinen Vater Hubert aus dem Geschäft verbannen, „altersmäßig zählt er ja wohl zur Risikogruppe“, meint Liebl mit strengem Blick zum Senior.

In der Tat scheinen sich viele Neumarkter von der Gartenarbeit ablenken zu lassen. Das bestätigt auch Michael Lächele von der gleichnamigen Gärtnerei, der in den vergangenen Tagen so viele Salatpflänzchen wie noch nie verkauft hat. Ud auch bei „Querdurchsbeet“ heißt es. „Salatpflänzchen sind aus. Kommen erst am Montag wieder!“ Neben Floristik gibt es in diesem Geschäft auch Lebensmittel, viel aus regionaler Erzeugung, zu kaufen. Deswegen dürfen sie auch weiterhin aufsperren.

Kaum Nachfrage nach Reisekoffern

Für Christian Göttlinger, Geschäftsinhaber von Leder Streck, der Läden an sieben Standorten von Regensburg bis zum Chiemsee unterhält, macht es jedoch aktuell keinen Sinn mehr zu öffnen. Der Absatz seiner Waren – in erster Linie Schulranzen und Reisekoffer – sei in den vergangenen Wochen um knapp 50 Prozent zurückgegangen. „Das nun zu so drastischen Mitteln gegriffen wird, das hat unser Geschäft bislang nur einmal erlebt. Als die Alliierten kurz nach dem Krieg die Geschäfte kurz geschlossen hatten“, verweist Göttlinger auf die lange Tradition seines Lederfachgeschäftes, das es seit 1932 gibt.

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Existenzangst? Er könne nicht verhehlen, dass er sich schon darüber Gedanken mache, welche Konsequenzen die Virus-Krise noch haben werde, besonders für den Einzelhandel. Er selbst habe 25 Angestellte, die natürlich Kosten verursachen würden. Waren seien bestellt und auch am vergangenen Wochenende beworben worden – nur verkaufen könne er nun nichts mehr, außer über den Onlinehandel.

Dabei habe das Jahr gut begonnen: „Wir hatten einen guten Start, voll losgelegt im Hinblick auf die Reisesaison.“ Jetzt aber dürfte sich die Nachfrage nach Koffern erledigt haben, nachdem die Grenzen geschlossen seien und es mittlerweile auch Reisewarnungen vom Auswärtigen Amt gibt. „Die Unsicherheit, wie es nach der Krise, deren Ende nicht absehbar ist, ist gewaltig“, gibt der Vorsitzende der hiesigen Verkehrs- und Werbegemeinschaft zu. Er betont aber, dass die Maßnahmen nachvollziehbar seien, um die weitere Verbreitung von Infektionen zu unterbinden.

Für ihn als Geschäftsmann gelte es nun, kühlen Kopf zu bewahren und die Möglichkeiten auszuloten, um den Bestand seiner Geschäfte zu sichern. Lohnfortzahlung, Kurzarbeit, Urlaub vorziehen – alles Überlegungen, die noch nicht zu Ende gedacht seien. „Auch weil sich der Stand der Krise und Infektionen momentan tagesaktuell ändert!“ Man könne in alle Richtungen spekulieren. „Doch wie es kommt, weiß man nie!“

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