Mehr Lärmschutz wegen der A94: Was Obertaufkirchen will, das fordert auch Erharting

Der Erhartinger Gemeinderat hebt Thema Lärmschutz auf das Tableau der Sitzung am Mittwoch. Die Autobahndirketion macht nicht viel Hoffnung, weil eine Lärmmessung aufgrund von Witterungsbedingungen keine rechtliche Relevanz haben. Zweiter Bürgermeister Willi Gründl setzt dennoch auf sensibilisierte Regierungsvertreter.

Erharting – Mit der Eröffnung des Autobahnabschnittes von Heldenstein nach Pastetten ist die A 94 nun auch von Erharting aus durchgängig bis nach München befahrbar. Eine deutlich schnellere Ankunft in der Landeshauptstadt – das lassen viele Autofahrer nicht ungenutzt, weswegen sich auch der Erhartinger Gemeinderat um eine Zunahme des Verkehrs vor ihrer Haustür sorgt. Bereits in der letzten Gemeinderatssitzung 2019 hat dies Gemeinderat Willi Gründl angesprochen. Jetzt wird es konkret, wenn sich der Rat am Mittwoch, 15. Januar, erneut zur Sitzung trifft. „Lärmschutz an der Autobahn A 94 in Erharting“, heißt es da unter Tagesordnungspunkt 3.

Schlafzimmerfenster ist bei Südwind zu

„Das Dauergeräusch ist da. Aber wenn einer mit 200 Sachen über die Autobahn brettert, wird es besonders laut“, berichtet Willi Gründl aus eigener Erfahrung. Knapp 300 Meter entfernt steht der Hof des zweiten Bürgermeisters, direkt am südlichen Ortseingang der Isengemeinde. „Das Schlafzimmerfenster brauche ich gar nicht mehr aufzumachen, wenn der Wind aus Süden kommt“, beklagt Gründl die Belastung auch bei Nacht. Er will den vor drei Monaten erfolgten Lückenschluss nach München zum Anlass nehmen, das Verkehrsaufkommen überprüfen zu lassen. Nicht nur er selbst sei Leidtragender. Der 61-Jährige spricht von einigen Erhartingern, die mit ihm klagen. „Man hört den Verkehr sogar oben am Vorberg“, bezieht er sich auf Aussagen eines befreundeten Jägers.

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Seiner Ansicht nach spiele auch die Fotovoltaikanlage eine Rolle, die weiter östlich, quasi in Sichtweite bei Töging, an der Autobahn installiert sei und einen Katapulteffekt für den Lärm auf der A 94 habe. Vor Jahren hatten dies Anwohner schon bemängelt, der teilweise Rückbau des Überstandes war die Folge nach kontrovers geführten Diskussionen.

Verkehrszählung nur alle fünf Jahre

Doch was tun? Wendet man sich also an Politiker? Oder gleich an die Autobahndirektion? Darüber will der Gemeinderat diskutieren, wenn er sich am morgigen Mittwoch im Sitzungssaal der Verwaltungsgemeinschaft Rohrbach zur Sitzung trifft. Im Vorfeld hat Erhartings Bürgermeister Georg Kobler Zahlen angefordert, damit sich die Gemeinderatsmitglieder ein Bild über die aktuelle Verkehrssituation machen können. Wobei aktuell relativ ist: Die Verwaltung bekam von der Autobahndirektion ein Schriftstück ausgehändigt, das aus dem Jahr 2016 stammt.

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In der Tat ist dieses aufschlussreich, wenn man die Entwicklung des Verkehrs von 2010 bis 2015 betrachtet. In dem Dokument heißt es, dass bei den im fünfjährigen Turnus stattfindenden Straßenverkehrszählungen (SVZ) in diesem Bereich für die SVZ 2010 genau 16 782 Kraftfahrzeuge pro Tag und für die SVZ 2015 nur unwesentlich mehr, nämlich 17 535 Kraftfahrzeuge pro Tag ermittelt worden seien.

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Zum Vergleich: Für den Abschnitt zwischen der Autobahnanschlussstelle Mühldorf/Nord und der Autobahnanschlussstelle Töging wurde im Planfeststellungsbeschluss für das Jahr 2010 eine tägliche Verkehrsbelastung von 32 000 Kraftfahrzeugen prognostiziert. Beide Werte waren damit also deutlich unter der Prognose der Planfeststellung für das Jahr 2010 geblieben.

Im Schreiben der Autobahndirektion wird das – nachvollziehbar – damit begründet, dass noch Lücken im Streckenzug der A 94 bestanden. Ein zusätzlicher Lärmschutz durch die Autobahndirektion Südbayern sei daher, fußend auf diese Daten, nicht möglich.

Messung fernab jeglicher Witterung

Bezüglich Lärmmessungen teilt die Autobahndirektion der Gemeinde mit, dass gemäß den Vorgaben im Bundesimmissionsschutzgesetz und der Bundesimmissionsschutzverordnung für die Lärmermittlung keine Messungen durchgeführt, sondern lediglich durch Berechnungen nachgewiesen werden dürfen. Grund dafür sei, dass Messungen durch verschiedene äußere Einflüsse verändert werden können, beispielsweise durch die Witterung. Eine Reproduzierbarkeit der Werte sei dadurch nicht gegeben. Bürgermeister Kobler konkret: „Es kommt darauf an, woher der Wind bläst. Bei Fönlage und Wind aus Süd ist der Verkehr auf der Autobahn deutlicher zu vernehmen, als wenn der Wind aus anderer Richtung kommt!“

In die Berechnungen, die nach denRichtlinien für den Lärmschutz an Straßen nach (RLS 90) erfolgen, finden verschiedene Faktoren Einfluss – etwa die Verkehrsstärke, der Schwerverkehrsanteil, der Fahrbahnbelag und die Steigung der Strecke. Im Zuge der Straßenverkehrszählungen würden die Verkehrsbelastungen mit den Werten der Planfeststellung abgeglichen und erst bei größeren Abweichungen geeignete Maßnahmen überprüft. Turnusmäßig findet diese Straßenverkehrszählung in diesem Jahr statt. Kurzfristig sollte es einen Richtwert geben und dann auch eine Hausnummer, ob der Verkehr von Marktl nach München zugenommen hat.

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Während Erharting also auf neue Erkenntnisse noch warten muss, hat Bayerns Ministerpräsident Dr. Markus Söder im Bereich von Obertaufkirchen vollmundig Verbesserungsvorschläge angekündigt, um die von Lärm betroffenen Anwohner zwischen Obertaufkirchen und Dorfen zu schützen. Demnach soll es auf der Isentalautobahn ab dem 1. Februar ein zeitlich befristetes Limit von 120 Stundenkilometern geben, sagte Söder bei einem Treffen in Hammersdorf, Landkreis Erding (wir berichteten). Der offenbar besonderslaute Fahrbahnbelag soll überprüft, gegebenenfalls ausgetauscht sowie Lärmschutzwände gebaut werden. Das Tempolimit dauere solange, bis Lärmmessungen durchgeführt und Fachgutachten von Experten aus dem Bauministerium erstellt würden.

Gründl will Gunst der Stunde nutzen

Gründl hofft, dass die Regierung nun sensibilisiert ist und die Gemeinde Erharting Söders Besuch auch für ihre Belange nutzen kann. „Wenn die in Obertaufkirchen eine Überprüfung vornehmen, dann sollten wir auch auf den Zug aufspringen und ebenso eine Lärmmessung erwirken.“ Er kann sich jedenfalls nicht vorstellen, dass der Verkehr und die Belastung weniger geworden ist, jetzt, da jeder Autofahrer nur noch halb so lange nach München braucht und diese neue Freiheit auch – zumindest für ihn – hörbar nutze.

Bei Fön bleibt das Schlafzimmerfenster zu, weil der Autobahnlärm in 300 Metern Entfernung dann zu laut ist.Willi Gründl will prüfen lassen, ob beim Lärmschutz zur A 94 (im Hintergrund) Nachbesserungen eingefordert werden können. Er will Zahlen und Fakten haben, ob sich mit der Durchgängigkeit der Autobahn bis München auch das Verkehrsaufkommen erhöht hat. „Man hört den Verkehr sogar auf dem Vorberg!“ Enzinger

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