Medikamentennot: Unsicherheit ist der ständige Begleiter einer Epileptikerin aus Neumarkt

DieNeumarkterin Irmi Wendl sorgt sich um die Versorgung mit Antiepileptika. Mit Lieferengpässen hat auch sie schon Erfahrungen gemacht. „Gottseidank hatte ich noch Restbestände daheim!“ Enzinger
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DieNeumarkterin Irmi Wendl sorgt sich um die Versorgung mit Antiepileptika. Mit Lieferengpässen hat auch sie schon Erfahrungen gemacht. „Gottseidank hatte ich noch Restbestände daheim!“ Enzinger
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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Wegen eines Tumors im Kopf ist Irmi Wendl (60) auf Antiepileptika angewiesen. Doch in Zeiten, in denen Medikamente rar werden, geht sie mit Angst zum Apotheker. Die bange Frage, die sie umtreibt: „Sind meine Medikamente überhaupt vorrätig?“

Neumarkt-St. Veit – Lamotrigin und Levetiracetam – so heißen die beiden Wirkstoffe, die im Leben von Irmi Wendl nicht mehr wegzudenken sind. Morgens nach dem Aufstehen Tabletten, abends vor dem Zubettgehen erneut. Seit 20 Jahren muss die Neumarkt-St. Veiter diese Pillen schlucken, um epileptische Anfälle zu vermeiden. „Ich bin derzeit gut eingestellt“, sagt die 60-Jährige, „der letzte Anfall ist schon fast ein Jahr her. Im Februar 2019 war das.“

Angst vor Anfällen: Autofahren ist tabu

Doch beruhigt ist die Neumarkterin deswegen nicht. Denn der Lieferengpass bei Großhändlern und Herstellern von Medikamenten, der derzeit in aller Munde ist, treibt auch der sechsfachen Großmutter die Sorgenfalten auf die Stirn. „Wenn ich zur Apotheke gehe, weiß ich nicht, ob meine Medikamente gerade vorrätig sind“, erzählt die Neumarkterin. Zumal es sich bei ihrer Medizin nicht um leicht austauschbare Schmerztabletten handelt. Epilepsie-Patienten bekommen ihre Rezepte ohne das Kreuzchen im Feld „aut idem“, das den Apotheker berechtigen würde, ein verordnetes Arzneimittel gegen ein anderes, wirkstoffgleiches rabattiertes oder preisgünstiges Arzneimittel auszutauschen.

Zu groß wäre die Gefahr, dass ein Präparat mit gleichem Wirkstoff von einer anderen Firma einen Anfall auslösen könnte. Bislang habe es ihr Apotheker, Ulrich Geltinger von der Johannesapotheke, immer geschafft, das Medikament zu besorgen, sagt Wendl. Und sie ist froh darüber: „Denn als Epileptikerin verzichte ich aus Vernunftgründen auf das Autofahren. Ich hätte keine Möglichkeit, in eine andere Stadt oder Gemeinde zu fahren, um an meine Medikamente zu kommen.“ Also sucht sie mittlerweile bereits zwei Wochen, bevor ihre Arznei zur Neige geht, Arzt und Apotheke auf, um sich für die nächsten drei Monate einzudecken.

Seit 20 Jahren mit Tumor im Kopf

Wendl war nicht immer Epileptikerin. Vor 20 Jahren wurde bei ihr ein Gehirntumor diagnostiziert, sie musste sich einer Operation unterziehen und hat als Folge davon seitdem mit epileptischen Anfällen zu kämpfen. Diese äußern sich dadurch, dass ihre linke Körperhälfte plötzlich nicht mehr steuerbar ist. Eine Aura unmittelbar vor einem solchen Anfall gibt ihr die Chance, ihren Körper so zu platzieren, dass sie von körperlichen Schäden verschont bleibt.

Vor zehn Jahren war erneut eine Operation erforderlich, um den Tumor zu verkleinern. Es folgten Bestrahlungen. „Der Tumor ist noch da, aber er wächst derzeit nicht“, zeigt sich die 60-Jährige zuversichtlich. Sie bleibt Optimistin, auch wenn sie zeitlebens die Antiepileptika einzunehmen hat. Tatsächlich sei sie schon mal damit konfrontiert gewesen, dass ihre Medikamente kurzfristig nicht lieferbar gewesen seien, „Gottseidank hatte ich noch Restbestände daheim.“

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Alles andere regelte dann ihr Apotheker, in diesem Fall Ulrich Geltinger, dem durchaus bewusst ist, welche psychologischen Folgen medikamentöse Engpässe für seine Kunden haben können. Er betont: „Im Vordergrund eines jeden Apothekers muss stehen, dass der Mensch versorgt ist!“ Doch bei Lieferengpässen fordert das viel Flexibilität, Erfindungsgeist und auch Zeit. Der 52-Jährige liefert dazu ein aktuelles Beispiel aus der Praxis: Der Arzneistoff Candesartan, ein Blutdrucksenker, sei in zwei Dosen – zu 8 und 16 Milligramm – derzeit nicht lieferbar. „Also ruft man den behandelnden Arzt an, dass er das Rezept auf die 32 mg-Variante ausstellt.“

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Zusätzliche Kosten, weil ein Medikament teurer wird oder Lieferkosten dazukommen könnten, nimmt man in Kauf. „Man teilt es sich bisweilen mit dem Arzt, denn die Versorgung der Patienten muss immer an erster Stelle stehen.“ Bei Lieferengpässen greift Geltinger zum Hörer, versucht es bei Großhändlern oder bei befreundeten Apothekern, um noch am selben Tag, optimalerweise binnen drei bis vier Stunden das Medikament aufzutreiben.

Apotheker spricht von Staatsversagen

Ein Zustand, der nicht tragbar sei, so Geltinger: „Früher war Deutschland die Apotheke der Welt. Doch mittlerweile haben wir Verhältnisse wie in der DDR!“ Von „Staatsversagen“ spricht der Apotheker, der findet, dass der Staat in die Pflicht genommen werden müsste, damit der Bürger optimal versorgt werden kann. „Die Grundversorgung gehört in die Hand des Staates. Es kann nicht sein, dass das Gewinnstreben von Pharmakonzernen im Vordergrund steht und Lieferungen ausfallen, weil die Arznei billigen im Ausland hergestellt wird.“

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