Limetten gegen Spargel eingetauscht: Wenn der Cocktailmixer plötzlich in der Erde wühlt

Nein er sticht noch nicht schneller als sein Schatten.Aber Christoph Mirz hat Spaß an der Tätigkeit auf dem Spargelfeld. Für den Barkeeper ist das wie Fitnessstudio. rpivat

Corona-Krise sorgt für Engpässe auf den Feldern: Der Mühldorfer Christoph Mirz ist eigentlich Barkeeper, doch aktuell ist der 38-Jährige als Erntehelfer unterwegs und sichert damit als einer von Vielen die Spargelernte

Mühldorf/Polling – Man stelle sich vor, es ist Spargelzeit, aber niemand da, der das kostbare Gemüse erntet. Auf vielen Spargelfeldern in den Landkreisen Altötting und Mühldorf hat Gemüsebauer Reichenspurner aus Garching an der Alz mit Personalknappheit zu kämpfen. Lediglich 20 Prozent seiner bewährten Erntehelfer aus Osteuropa kann der Gemüsebauer in diesem Jahr einsetzen. Er ist aus Hilfe aus der Bevölkerung angewiesen. Und in der Tat: Es gibt einige Menschen, die sich gefunden haben und tatkräftig bei der Spargelernte helfen. Einer von ihnen ist Christoph Mirz aus Mühldorf.

Man kennt sich auf dem Feld

Der 38-Jährige ist kein Unbekannter. In Corona-freier Zeit ist er Barkeeper im Orange, einer Szene-Bar am Mühldorfer Stadtplatz. Seine Cocktail-Kreationen sind berühmt-berüchtigt. Doch anstelle eines Stößels, mit dem er für gewöhnlich an langen Wochenenden etwa für einen Caipirinha Saft aus den Limetten presst, hält er diesmal ein Spargelstecher in den Händen. Er trägt auch kein sauberes Hemd mit Weste. Eine alte Jeans ist es, „sternvolldreck“ würde der Bayer sagen, dazu ein dicker Wollpullover über dem verwaschenen T-Shirt mit Totenkopf. Ein Hut schützt ihn vor der Sonne.

Als der Reichenspurner-Hof in den sozialen Netzwerken nach Hilfskräften für die bevorstehende Spargelernte suchte, war für Christoph Mirz sofort klar, dass er helfen möchte. Denn das Nachtleben steht aufgrund der Corona-Krise ohnehin still. Und statt zu Hause in den eigenen Wänden zum Rumhocken verdammt zu sein, meldete sich der Mühldorfer beim Gemüsebauer. Er unterschrieb einen Vertrag und steht seitdem jeden Tag frühmorgens auf den Feldern, um das Saisongemüse zu ernten. „Also ein Depp darfst du nicht sein“, lautet die Erkenntnis des Mühldorfers schon nach wenigen Tagen. Denn solange die Spargelspitze nicht aus dem Erdhaufen herausschaut, sei es nicht gerade einfach für einen Anfänger, die Stangen zu lokalisieren. „Aber mit zunehmender Dauer entwickelt man ein Gefühl dafür“, berichtet Mirz, der nicht alleine als blutiger Anfänger auf den Feldern ackert.

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Dass sich nicht jeder für die Arbeit eignet, diese Erfahrung hat Christoph Mirz gleich zu Beginn seiner Tätigkeit gemacht, in denen er Erntehelfer gesehen habe, die nach zwei Tagen wieder das Handtuch geworfen hatten. „Die Arbeit ist anstrengend. Ich finde, es ersetzt ein Fitness-Studio“, findet Mirz sogar. Anfangs hätten ihn Rückenschmerzen geplagt: „In der ersten Woche muss man tatsächlich die Zähne zusammen beißen.“ Muskeln hätten sich merkbar gemacht, von denen er vorher nicht gewusst habe, dass es sie überhaupt gibt. „Aber in der zweiten Woche ging es schon besser“, sagt er mittlerweile.

Unverzichtbar bei der Arbeit als Erntehelfer: „Der Zwiebel-Look!“ Denn bei Arbeitsantritt am frühen Morgen, wenn es gerade mal hell geworden ist, hat es derzeit Temperaturen im Minusbereich. Saukalt. „Doch wenn es Mittag wird, braucht man einen Hut, damit man sich keinen Sonnenbrand einfängt!“

Fast kein Bruch, Lob vom Chef

Von Tag zu Tag nehme die Routine in seinem Dreierteam zu. Die Vorgabe – drei Kisten Spargel pro Stunde, wovon jede 14 Kilogramm wiegt – schaffen Mirz und Co zwar noch nicht. „Dafür sind sechs Wochen Einarbeitungszeit nötig“, weiß Mirz mittlerweile. Aber der Produktionsleiter sei dennoch sehr zufrieden mit Arbeit seines Trios, „weil wir sehr genau arbeiten und fast keinen Bruch haben und damit kaum Ausschuss“.

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Die Arbeit an der frischen Luft macht Spaß, zusammen mit den unterschiedlichsten Menschen, und die wiederum mit ihren Geschichten. „Ich hab schon einige Kollegen, die ich aus der Mühldorfer Gastronomie her kenne, getroffen. Da entwickeln sich während der Arbeit immer wieder nette Gespräche“, erzählt Mirz. Freilich stets in einem Mindestabstand von zwei Metern, betont Mirz, um die Hygienerichtlinien wegen Corona nicht zu verletzen. Man unterhält sich mit einem Tauchlehrer, der als Rückkehrer aus Ägypten in Mühldorf gestrandet ist und als Spargelstecher nun wertvolle Dienste leistet. Oder man trifft Bekannte aus der Mühldorfer Gastro-Szene, Mirz erwähnt einen Patrick, den Kellner vom „Mamma Mia“. Man tauscht sich aus, „auch Rezepte für die Sauce Hollandaise, wenn wir uns den Spargel am Abend dann selbst einverleiben“, lacht Mirz. Denn so viel sei sicher: Soviel Spargel könnte er gar nicht stechen, als dass er sich daran satt sehen könnte oder gar als Gourmet darauf verzichten wollte.

Spargelstecher bis die Gastronomie wieder öffnet

Und wie lange wird er für die Arbeit auf dem Feld zur Verfügung stehen? „Ganz klar: Bis die Gastronomie in Mühldorf wieder öffnen darf!“ Dass das aber bereits nach dem 19. April der Fall sein wird, bezweifelt Mirz.

Aber genau dieses Datum Mitte April, das die Regierung als Frist zur Ausgangsbeschränkung festgelegt hat, bereitet der Firma Reichenspurner Kopfzerbrechen. Wenn nämlich solche Leute wie Mirz und Co. wegbrechen, fehle plötzlich eine große Anzahl von Helfern, sagt der Chef der Firma, Peter Reichenspurner. Man müsse das abwarten.

Oder darauf vertrauen, dass rechtzeitig die Erntehelfer aus dem Osten nach Deutschland kommen. Am Donnerstag war ja bekannt gegeben worden, dass 40000 Erntehelfer unter Auflagen im April nach Deutschland einreisen dürfen. Ebenso viele seien für Mai vorgesehen. Wie viele davon in die Landkreises Mühldorf und Altötting zur Spargelernte kommen? Ungewiss.

Aktuell will Peter Reichenspurner aber nicht jammern. Im Gegenteil: Er zeigt sich begeistert über die Fülle an Bewerbungen von Freiwilligen. „Momentan sind wir personell ganz gut aufgestellt. Allerdings sind die Erntemengen jetzt auch noch nicht so groß. In zwei Wochen allerdings werden wir unter Volllast stehen.“ Dann könne es gar nicht genug Erntehelfer geben. Bewerbungen werden also immer noch angenommen.

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