Letzter Landgang auf den Bermudas: Corona-Odyssee der „Thor Heyerdahl“ endet nach 47 Tagen

Am Sonntaglief das Segelschulschiff „Thor Heyerdahl“ wieder in Kiel ein. Die Jugendlichen, die sich spektakulär an den Masten in Szene setzten, wurden mit wehenden Fahnen begrüßt. Am Pier wurden sie bereits von den Familienmitgliedern erwartet.
+
Am Sonntaglief das Segelschulschiff „Thor Heyerdahl“ wieder in Kiel ein. Die Jugendlichen, die sich spektakulär an den Masten in Szene setzten, wurden mit wehenden Fahnen begrüßt. Am Pier wurden sie bereits von den Familienmitgliedern erwartet.
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
    schließen

Als Lehrerin und Proviantmeisterin an Bord eines Segel-Schulschiffes: Wie Theresa Kaltenecker aus Hörbering die Zeit ohne Ankerplatz erlebte.

Hörbering – Ein halbes Jahr lang waren 34 Schüler mit dem„Klassenzimmer unter Segeln (KUS)“ auf den Weltmeeren unterwegs. Mit an Bord des Segel-Schulschiffes „Thor Heyerdahl: Theresa Kaltenecker aus Hörbering, die die 14- bis 17-Jährigen in Deutsch und Geschichte unterrichtete. Mittendrin kam die Corona-Epidemie und die Besatzung durfte 47 Tage lang nicht mehr das Schiff verlassen. Vergangenen Sonntag sind alle in Kiel angekommen und auch Theresa Kaltenecker ist wieder zu Hause bei ihren Lieben.

47 Tage lang durfte das Segelschulschiff keinen Hafen ansteuern.Bei der Ankunft der 34 Jugendlichen flossen auch Freudentränen. Gregpr Fischer/dpa/Kaltenecker

Tränenreiches Wiedersehen in Kiel

„Thor – Heyerdahl!“ Immer wieder brüllen die Schüler den Namen ihres Schiffes über die Kieler Förde, als ihr Schiff den sicheren Hafen ansteuert, an der Pier schon sehnlichst erwartet von ihren Angehörigen, die sie mit wehenden Fahnen begrüßen. Mund-Nasenschutz ist obligatorisch in Zeiten von Corona. Endlich an Land schließen sich dann die Familienmitglieder in die Arme. Es fließen Tränen bei Schülern wie Eltern. Wiedersehensfreude auch bei der Hörberingerin, die an der Pier vom Bruder und der Mutter begrüßt wird.

Theresa Kaltenecker am Steuerrad der „Thor Heyerdahl“. Die 31-Jährige war als Lehrerin an Bord.

Letzter Landgang am 11. März

„Am 11. März sind wir aus Saint George’s auf den Bermudas ausgelaufen. Seitdem hatten wir keinen Landgang mehr“, berichtet die Gymnasiallehrerin von turbulenten Tagen, in denen sich die Meldungen über die Corona-Pandemie plötzlich überschlagen. „Shutdown in den USA, Ausgangsbeschränkungen in Deutschland. Das klang alles unvorstellbar für uns, weil wir so weit weg davon waren. Das war nur schwer zu realisieren!“ Doch diese Realität verschonte auch die Thor Heyerdahl nicht. In den darauffolgenden 47 Tagen sollten nämlich sämtliche Häfen dem Schiff das Anlegen verwehren.

Der Dreimaster in voller Pracht.

+++ Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren! +++

Vorher war alles nach Plan verlaufen: Nach dem Auslaufen steuert das Schiff mit der knapp 50-köpfigen Besatzung erst einmal Falmouth in England an. Es folgt La Coruña in Spanien und ein letzter Stopp auf Teneriffa, bevor die Crew des Dreimasters die Atlantiküberquerung in Angriff nimmt.

Höchste Konzentration bei der Deutschklausur.

Die Jugendlichen an Bord, zu circa 75 Prozent Zehntklässler aus Süddeutschland, werden in dieser Zeit nicht nur unterrichtet, sie sind auch komplett in den Schiffsbetrieb integriert. Navigation über den Sextanten, Wacheschieben auf der Brücke, Segel Setzen und Bergen – in bis zu 29 Metern Höhe. 16 Segel sind es, wenn das Schulschiff in maximaler Geschwindigkeit über den Atlantik Fahrt aufnimmt. Die zugehörigen 116 Tampen wollen erst einmal unterschieden werden. 

Ein fliegender Fisch,der vom Kurs abgekommen war.

Zwischenstopps gibt es auf den Kap Verden, östlich des afrikanischen Festlandes, später in Grenada und St. Vincent, bevor es weiter in Richtung Panama geht – stets erfolgen bei der Ankerung Landgänge. Kuba erkunden die Schüler in drei Wochen unter anderem auf dem Fahrrad. „Die hatten wir von Deutschland mitgebracht. Und wir ließen sie danach in Kuba. Als Spende“, erzählt die Hörberingerin.

Am 6. März erreichen die ersten Meldungen zu Corona auch die „Thor Heyerdahl“, die fünf Tage später die Segel gen Osten setzt, zurück in die Heimat. Es sind Tage der Unsicherheit. Zwischenzeitlich droht dem Schiff aufgrund der ungünstigen Wetterlage der Diesel auszugehen, wie der Kapitän des Schiffs, Detlef Soitzek, nach der Rückkehr in Kiel berichtet. Von ungünstigen Ankerplätzen ist die Rede.

Diesel und Proviant auf den Azoren

Nach einer heftigen Seeetappe dann Aufatmen innerhalb der Crew: Das Kieler Büro der „Thor Heyerdahl“ hatte es durchgesetzt, dass das Schiff am 28. März vor den Azoren ankern, Proviant und Diesel aufladen darf. „Wir waren bis zu diesem Zeitpunkt Corona-frei. Niemand wollte an Land. Wir wollten ausschließen, dass sich jemand an Bord infiziert.“ Entsprechend unwirkliche Szenen spielen sich bei der Beladung an der Kaikante ab. Beim Aufladen habe die Besatzung Schutzmasken übergestreift, die sonst für Lackier- und Malerarbeiten auf dem Schiff zur Verfügung stehen. Blaumänner dienen als zweifelhafter Virenschutz. Die neue Ladung sei zunächst desinfiziert, erklärt Kaltenecker, „und dann drei Tage weggesperrt worden!“.

Auf Fahrrädern erkundeten die Schüler Kuba. Die Drahtesel ließen sie auf der Insel. Als Spende.

Logbucheintrag: „Die Alte Welt sieht anders aus!“

Dramatisch liest sich der Logbucheintrag dieser Tage vor den Azoren, den der Projektleiter an Bord, Dr. Martin Goerke, und Kapitän Detlef Soitzek verfasst haben: „Allen an Bord geht es gut, wobei wir uns nach diesem ersten Kontakt mit Europa auch wieder auf die nächste Segeletappe freuen. Auf dem Schiff zu sein und nicht von Bord zu können, sei normal, solange das Schiff unterwegs ist, „aber im Hafen fühlt es sich fremd an“. Vor fünf Monaten hätten sie die Alte Welt verlassen und die Neue Welt besucht, „und jetzt bei der Rückkehr sieht die Alte Welt ganz anders aus“. Dinge, die von Land angeliefert wurden, wie etwa T-Shirts oder die Post, seien an Bord erst einmal in eine dreitägige Quarantäne geschickt worden. „Die Helfer an Land tragen Overalls, Handschuhe und oft auch Mundschutz, und sogar die Kreditkarte wurde nach Benutzung gewaschen. Nein, das ist nicht mehr die Welt, von der wir aufgebrochen sind.“ Ein Crewwechsel sei auf den Azoren nicht möglich gewesen, „da wir aus Vorsicht niemanden von Land auf das Schiff lassen möchten“. Lediglich der Bordarzt konnte von Bord gehen, da er in seinem Heimatkrankenhaus in der Schweiz dringend benötigt wurde.

Die Jugendlichenwaren in die Abläufe an Bord voll integriert.

Coronavirus:

Die Zahlen in der Region Rosenheim, Mühldorf, Chiemgau und in Bayern

So nähen Sie eine Gesichtsmaske selbst – Schritt für Schritt erklärt mit Video

Was Sie über Corona wissen wollen:Leser fragen, wir besorgen Antworten

Die Besatzung an Bord hätte in den Tagen danach versucht, die heile Welt an Bord der „Thor Heyerdahl“ aufrecht zu erhalten. Im Krisenmodus sei die 50-köpfige Besatzung zusammengewachsen. „Wie eine große Familie. Die Schüler haben sich gegenseitig viel Kraft gegeben“, erzählt Kaltenecker. Man spielt Theater und musiziert zusammen. Die Deutschlehrerin aus dem Landkreis Mühldorf hat ihren Kontrabass und ein Cajon dabei. Die Schüler stimmen mit Geige und Querflöte ein, Trompete und Gitarre dürfen nicht fehlen. „Ein ganzes Orchester“, fasst Kaltenecker zusammen, die in den 47 Tagen der Odyssee durch den Atlantik als zweite Proviantmeisterin dafür zuständig ist, dass das Essen nicht ausgeht. Sie muss improvisieren, da auf den Azoren anstelle der zehn Kisten Salat nur fünf geliefert werden. „Dafür aber zwei Kisten Schnittlauch. Es gab viele Schnittlauchbrote in den folgenden Wochen“, lacht sie.

47 Tage auf See:Nur einmal durfte die „Thor Heyerdahl“ ankern, um sich mit Proviant einzudecken.

Das könnte Sie auch interessieren: Zehn Wochen durch das Mittelmeer

Aus Getreide und Hefe haben sich die Besatzungsmitglieder das Brot selbst gebacken. Obst gibt es reichlich, sogar Erdbeeren und Ananas. Und Kohl darf auf einem Schiff sowieso nicht fehlen. „Butter und Gries sind uns zwar ausgegangen. Dennoch war allen noch ein opulentes Mahl beim ,Captain‘s Diner‘ beschert, bevor wir am vergangenen Sonntag in Kiel eingelaufen sind.“

Das war am vergangenen Sonntag: Nachdem die Leinen festgezurrt waren, mussten sich die Schüler noch gedulden. Von Bord aus berichtete der Kapitän von der Reise. Am Kai warteten die Familienangehörigen, Eltern und Geschwister, ausgestattet mit Schutzmasken darauf, endlich ihre Lieben in den Arm zu nehmen..

Schwindelfrei:Segel setzen in einer Höhe von bis zu 29 Metern.

Ab Montag Unterricht am Gymnasium Dorfen

Eine eigenartige Stimmung, wie auch Kaltenecker – inzwischen wieder daheim in Hörbering – zugibt, die sich aber gefreut hat, dass so viele gekommen waren, Fahnen und Kuhglocken schwenkten.

Normalerweise, so Theresa Kaltenecker, bereist man die Welt, um Eindrücke zu sammeln, dazuzulernen. Man kommt als anderer Mensch zurück in eine Welt, in der sich nicht viel verändert hat. Doch diese Reise war anders: „Nicht ich habe mich verändert, sondern die Welt außenrum!“ In dieser Welt beginnt für die Hörberingerin am Montag der Alltag, wenn sie am Gymnasium Dorfen unterrichtet. Neue Segel, die gesetzt werden wollen. Allerdings nicht im Klassenzimmer, sondern vor dem PC. Homeschooling ist angesagt in dieser veränderten Welt.

Delphine waren die ständigen Begleiter auf dem Atlantik.

Was genau ist eigentlich „Klassenzimmer unter Segeln“?

Dr. Ruth Merk leitete von 1999 bis 2004 das Schulprojekt „High Seas High School“ und promovierte anschließend an der Friedrich-August-Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Thema „Klassenzimmer unter Segeln (KUS)“. In ihrer Dissertation entwickelte sie ein Konzept für Schule auf See. Seit 2008 wird KUS durchgeführt und wissenschaftlich begleitet. Feste Partner seit Projektstart sind das Segelschiff Thor Heyerdahl und Eventnature, seit 2014 auch die Kieler Forschungswerkstatt. Ferienangebote mit ähnlichen Konzepten gibt es seit 2009 mit der Summerschool Englisch, seit 2014 die Summerschool-Science und ab 2020 die Summerschool Sail. 

Die Schüler hatten Instrumente dabei, das reichte für orchestrale Darbietungen an Bord.

Von 2009 bis 2013 wurde KUS von dem Verein „Kiel und Ruder e.V.“ unterstützt, welcher Stipendien für ausgewählte Teilnehmer zur Verfügung stellte. Seit 2014 übernimmt dies „AlumniKUS e.V.“, der Förderverein von KUS. Hinter dem Konzept steht mehr als Unterricht auf einem Schiff. Es ist ein Lebens-, Erfahrungs- und Lernraum, in dem die Jugendlichen ihre gesamte Persönlichkeit entwickeln und entfalten können. KUS beinhaltet die Bereiche Schiffsbetrieb, mehrwöchige Landaufenthalte in fremden Ländern, Unterricht, Projekte und Praktika. Zu allen Bereichen im Projekt erhalten die Jugendlichen ein Feedback, das sowohl ihre fachliche Leistung, aber auch ihre soziale und persönliche Entwicklung beinhaltet.

Kommentare