Eltern kritisieren Gesundheitsamt

Corona-Tests bei Kindern aus Eberharting: „Man hat uns keine Wahl gelassen!“

Mit Hasenohren und Herzerl: Die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes haben sich alle Mühe gemacht, um die Tests so kindgerecht wie möglich durchzuführen.
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Mit Hasenohren und Herzerl: Die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes haben sich alle Mühe gemacht, um die Tests so kindgerecht wie möglich durchzuführen.
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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Insgesamt hat das Gesundheitsamt Mühldorf im Erdkinderprojekt Eberharting Abstriche von 120 Personen genommen. Das Landratsamt Mühldorf beruft sich hierbei auf das Infektionsschutzgesetz, nachdem Eltern das Vorgehen des Gesundheitsamtes kritisiert hatten – ein gefundenes Fressen für die AfD.

Lohkirchen – Die Reihentests, die nach einem positiven Corona-Fall im Erdkinderprojekt Eberharting vom Gesundheitsamt in Mühldorf veranlasst worden sind, sind nicht unumstritten. Wie nach den Tests bekannt geworden ist, hat eine kleine Anzahl von Eltern den Rachenabstrich bei ihren Kindern abgelehnt.

Eine „Handvoll Eltern“ war mit den Reihentests nicht einverstanden

Eine betroffene Mutter, die anonym bleiben will, erklärt, dass es „eine Handvoll Eltern“ gegeben habe, die mit den Reihentests nicht einverstanden gewesen seien. „Doch man hat uns keine Wahl gelassen!“, beklagt sie. Sie habe dem Gesundheitsamt vorgeschlagen, sich einer 14-tägigen Quarantäne zu unterziehen. Diesen Vorschlag lehnte das Gesundheitsamt jedoch mit Verweis auf das Infektionsschutzgesetz ab. Eindeutig sei kommuniziert worden, dass das Kind die Einrichtung erst wieder mit negativem Testergebnis besuchen dürfe.

„Ich sehe unser Kind nicht als Kontaktperson ersten Grades, zumal es sich nicht in der gleichen Gruppe oder im gleichen Zimmer mit dem positiv getesteten Kind aufgehalten hat“, sagt die Mutter. „Gerade in Eberharting ist man ja zudem viel an der frischen Luft. Es muss mir doch als Elternteil erlaubt sein, etwas kritisch zu hinterfragen!“

AfD zweifelt Verhältnismäßigkeit an

Weil sie sich ziemlich alleine gelassen fühlte, habe sie sich an die Initiative „Eltern stehen auf“ gewandt – und war einer Empfehlung gefolgt, sich an Andreas Winhart zu wenden. Sie habe nicht gewusst, dass es sich bei ihm um einen AfD-Politiker handelt. Winhart nahm den Reihentest zum Anlass, zusammen mit Kollegen der AfD-Landtagsfraktion eine Anfrage an die Staatsregierung zu stellen. In dieser bezweifeln sie die „Verhältnismäßigkeit und Rechtmäßigkeit“. Winhart hatte sich auf „zahlreiche Elternproteste“ berufen. Der AfD-Abgeordnete ist der Meinung, es sei nicht verhältnismäßig, kleine Kinder einer Testung auszusetzen.

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„Es gab keine zahlreichen Elternproteste“, weist die Mutter, die mit Winhart gesprochen hatte, diese Formulierungen zurück. „Dass er aus unserem Gespräch eine Pressemitteilung verfasst und damit an die Öffentlichkeit gehen wollte, hat er mir verschwiegen“, empört sich die Frau. Sie habe erst davon erfahren, als das Schreiben schon an die Medien gegangen war. Es sei nicht ihre Absicht gewesen, die Schule zu diskreditieren. Sie verwahre sich gegen die politischen Instrumentalisierung und distanziert sich von Winharts Vorgehensweise.

Dieser sagt auf Nachfrage, dass sich sein Büro stets als AfD zu erkennen gegeben habe. Er habe auch E-Mail-Verkehr mit der Mutter gehabt, aus dem seine Zugehörigkeit zur AfD hervorgehe. Auch hätten sich tatsächlich mehrere Eltern an ihn gewandt. Er bedauere es, dass nun von Instrumentalisierung die Rede sei. „Wenn sich jemand hilfesuchend an mich wendet, dann versuche ich zu helfen!“ Nichts anderes habe er getan, indem er die Vorgehensweise des Gesundheitsamtes infrage gestellt habe.*

Eltern haben dem Druck schließlich nachgegeben

Schließlich habe sie sich dem Druck durch das Landratsamt, verbunden mit der Androhung einer Geldstrafe in Höhe von 2000 Euro, gefügt. „Wir sind dann zum Hausarzt gegangen“, berichtet die Mutter, die mit einem großen Fragezeichen in die Zukunft blickt. „Was passiert denn, wenn in drei, vier Wochen der nächste positive Fall auftaucht? Kommt es dann wieder zu Massentests? Soll das dann ewig so weitergehen?“

Die Tests der Kinder in Eberharting seien vom Infektionsschutzgesetz gedeckt. Das erklärt Dr. Cornelia Erat vom Gesundheitsamt Mühldorf. In Paragraf 25 des Gesetzes steht, dass zur Unterbrechung von Infektionsketten Tests angeordnet werden können und von den Betroffenen toleriert werden müssen. Es gehe darum, heraus zu finden, ob Kinder infiziert seien und damit ihre Angehörigen anstecken könnten. Nur mit diesem Wissen könne die weitere Ausbreitung des Virus laut Erat unterbrochen werden. Das gilt für alle Krankheiten nach dem Infektionsschutzgesetz. 

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Laut Landratsamt habe „der weit überwiegende Teil der Betroffenen“ dieses anlassbezogene Testungsangebot problemlos in Anspruch genommen. Allerdings: „Sofern sich ein Elternteil trotz erneuter Beratung der Notwendigkeit der Testung durch das Gesundheitsamt weigert, ist es leider notwendig, eine formelle Anordnung mit der Androhung eines Zwangsgeldes zu versenden.“

„Bislang musste dieser formelle Weg bedauerlicherweise bei zwei Personen eingeschlagen werden“, erklärt das Landratsamt Mühldorf. Nach Angaben der Behörde waren es etwa 120 Personen, die Kontaktpersonen ersten Grades gewesen seien. Diese seien am Wochenende umfassend über die Maßnahmen aufgeklärt worden.

Tests „logisch und nachvollziehbar“

Das bestätigt auch die Mühldorferin Julia Richardson, deren vierjähriger Sohn Giovanni die Kindertageseinrichtung in Eberharting besucht und sich ebenfalls dem Test unterziehen musste. Für sie war das „logisch und nachvollziehbar, weil auch ich Klarheit haben will“.

Ihr Mann Angelo arbeitet im Gastgewerbe, ihre Mutter Uschi, die im selben Haus wohnt, in einem Heim in München. Es wäre verheerend, wenn die Infektionen weiter getragen würden. „Wenn ich sicher sein kann, dass mein Sohn negativ ist, kann ich ihn auch wieder zu Oma lassen!“ Solange sie aber auf das Testergebnis zu warten habe, halte man sich strikt an die Quarantäne-Vorgaben.

Mitarbeiter mit Hasenohren

Den Test beschreibt Richardson als kindgerecht, „die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes haben sich viel Mühe gegeben“. Mit lustigen Hasenohren und bemalten Schutzanzügen seien sie am „Drive In“ empfangen worden. Nach einem Rachenabstrich sei das Ganze auch schnell vorbei gewesen „und zur Belohnung gab es noch Seifenblasen und einen Gummiball“. Sie glaubt nicht, dass der Test ihren Sohn die Testung nachhaltig mitgenommen habe. Im Gegenteil: „Giovanni fand das ganz amüsant!“

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Update 23. September, 16.56 Uhr

Weiterer Coronavirus-Fall im Erdkinder-Projekt

Es gibt einen weiteren positiven Coronavirus-Fall im Erdkinder-Projekt in Eberharting. Wie Uwe Rehse, der Geschäftsführer des Erdkinder-Projekt e.V. am Mittwochnachmittag (23. September) mitgeteilt hat, sei ein Schüler der Oberstufe bereits am Dienstag positiv aus das Corona-Virus getestet worden. Die gesamte 10. Klasse des Erdkinderprojektes, außerdem zwei Schüler der 8. und 9. Klasse, die Kontakt mit dem infizierten Schüler hatten, wurden daraufhin in Quarantäne geschickt und Corona-Tests veranlasst. Rehse spricht von insgesamt 13 Schülern und 3 Beschäftigten der Schule.

Während sich diese Schüler nun bis zum 5. Oktober in Quarantäne zu begeben haben, gibt es Entwarnung für den Kindergarten und die Unterstufe, also die Klassen 1 bis 3, die aufgrund zweier Corona-Fälle Anfang der Woche eines Reihentestes unterzogen worden sind. Bislang liegen keine weiteren positiven Fälle vor, drei Ergebnisse von Kindern, die sich andernorts haben testen lassen, stehen noch aus. „Diese müssen noch zu Hause bleiben“, informiert Rehse. Für den fortlaufenden Betrieb heißt das laut Rehse: Der Kindergarten öffnet ab dem kommenden Montag (28. September), die Klassen 1 bis 9 dürfen bereits ab Freitag wieder unterrichtet werden.

Auch wenn die vergangenen Tage für die gesamte Einrichtung turbulent und mit einem enormen organisatorischen Aufwand verbunden gewesen seien, stellt sich Rehse hinter die ergriffenen Maßnahmen, die der überwiegende Teil der Eltern mitgetragen habe und die im Rahmen des Infektionsschutzgesetzes ihre Berechtigung hätten. „Wenn man dieses Gesetz so auflegen würde, wie es jeder für richtig hält, dann enstünde irgendwann Chaos!“ Er trage als Geschäftsführer auch Verantwortung für das Personal, vermeintliche Risikogruppe wolle man nicht unnötigen Gefahren aussetzen, die eine weitere Verbreitung des Virus zur Folgen haben könnte.

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* Die Stellungnahme von Andreas Winhart wurde um 18.34 Uhr als Update in den Artikel eingefügt.

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