Klerikale Wallfahrtsverweigerer: Was Priester unternommen haben, um das Pilgern zu verhindern

Der Sebastiani-Altar in der Kirche St. Peter und Paul in Erharting.Er wurde geschaffen, damit die Gläubigen das Wallfahrten einstellen und stattdessen zu Hause eine Prozession gestalten. Biermaier

In Zeiten der Seuchen suchten die Menschen ihr Heil beim Heiligen Sebastian. Erst in Ebersberg, später in Erharting. Doch das Wallfahrten ließen sich die Erharting nicht verbieten.

Erharting – Nach dem mittelalterlichen Volksglauben wurden todbringende Seuchen wie die Pest als „anfliegende Krankheiten“ durch Pfeile verbreitet, die durch die Luft schwirrten. Die Leute sahen darin eine Strafe Gottes für ihr sündiges Leben und so suchten sie neben den zweifelhaften Behandlungen der Bader Zuflucht bei Heiligen, denen für die verschiedensten Leiden besondere Heilkräfte zugesprochen wurden. Als einer der herausragendsten Nothelfer in den Pestzeiten galt der heilige Sebastian. Pilger aus dem Landkreis Mühldorf marschierten bis nach Ebersberg.

Da der Heilige Sebastian das Pfeilmartyrium durch römische Bogenschützen auf wundersame Weise überlebt hatte, sprach man ihm gegen die „himmlischen Krankheitspfeile“ besondere Heilkraft zu. So zogen schon seit dem 10. Jahrhundert die Pilger nach Ebersberg, wo seit 931 die Hirnschale des Märtyrers in der Klosterkirche als Reliquie aufbewahrt wurde. Es wird berichtet, dass 1611 und 1612 die Stadt Mühldorf und deren Umgebung bis hin zum Markt Kraiburg von der Pest bedroht waren.

Pfarrer wollten ihre Gläubigen nicht alleine lassen

Mit dabei waren sicherlich auch Gläubige aus Erharting, denn die Pfarrei gehörte seit Oktober 1610 zum neu gegründeten Kollegiatstift Mühldorf. Bis 1677 mussten sie sich gedulden, um als eigenständige Pilgergruppe mit ihrem Pfarrer Johann Saugenfinger, zugleich Dekan des Kollegiatstifts, nach Ebersberg zu wallfahrten. Während sich dieser Bußmarsch zur Verschonung vor dem „Schwarzen Tod“ sich bei den Gläubigen allgemeiner Beliebtheit erfreute, hielt sich die Begeisterung bei den Erhartinger Geistlichen in Grenzen. Als Begründung nannte der zuständige Pfarrer, „dieser Kreuzgang ist für den Pfarrer eine wahre Plage. Abgesehen davon, dass er am ersten Tage 14 Stunden marschieren muss und er es nicht richtig findet, dass er als einziger Priester in hiesiger Pfarrei mit 100 Gläubigen eine Wallfahrt von dreitägiger Dauer macht, aber 900 Christen ohne geistliche Betreuung zurücklässt.“

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So entschloss sich der Geistliche, die alle drei Jahre stattfindende Wallfahrt nur gegen eine Sonderzahlung zu begleiten. Die Leute gingen zähneknirschend auf seine immer höheren Geldforderungen ein. Als er schließlich das Dreifachen seines ursprünglichen Sondergehaltes verlangte, platzte den Erhartingern der Kragen und sie engagierten ihren ehemaligen Kaplan Johann Bauer, der inzwischen in Lohkirchen wirkte. Als die Wallfahrt zum Pestpatron im Zuge der Säkularisation 1803 zum Erliegen kam, dürfte sich kein Erhartinger Pfarrer mehr beklagt haben.

Am 2. Mai 1839 begleitete der Erhartinger Kaplan Sebastian Götz nach einer Pause von 36 Jahren eine Wallfahrergruppe nach Ebersberg. Auch er traf beim Erhartinger Ortsgeistlichen auf wenig Gegenliebe. Um diesen alle drei Jahre stattfindenden Wallfahrtsgang zu finanzieren, wurden in der Pfarrei Haussammlungen durchgeführt, wie aus ausführlichen Aufzeichnungen hervorgeht. Die Ausgaben umfassten neben den Unkosten für den Pfarrer, Mesner und Ministranten auch Aufwendungen für Musikanten, Fahnen- und Christusträger, Vorsänger, für das „Durchläuten, Ein- und Ausbegleiten durch den Ortsgeistlichen in den auf dem Pilgerweg liegenden Pfarreien sowie das Futtergeld für einige Pferde des Liebhartenbauern, die als Lastenträger dabei waren. Neben einer Proviantgrundverpflegung hatte man aus Billigkeitsgründen den Sebastiani-Wein beim Mühldorfer Lebzelter Niggl eingekauft.

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Auch in der Folgezeit intervenierte der Erhartinger Pfarrer immer wieder gegen die Ebersberger Wallfahrt. So erwirkte ein Erhartinger Pfarrer, dass der rechte Seitenaltar der Pfarrkirche, der ursprünglich dem Heiligen Florian gewidmet war, zum Sebastianialtar umgestaltet wurde. Als Ersatz für den Bittgang nach Ebersberg bot die Pfarrei nun am Sebastianifest (20. Januar) eine Sebastianiprozession durch das Dorf an. Die Erhartinger hingegen pochten auf die Wallfahrt nach Ebersberg und boykottierten die Ersatzveranstaltung in Erharting. Dazu schreibt der Erhartinger Kaplan folgendermaßen: „Am Sonntag nach Sebastiani findet das feierliche Hochamt am Sebastianialtar mit ausgesetztem Allerheiligsten statt. Hernach die Prozession durch das Dorf“. Einer Randbemerkung ist zu entnehmen: „Die Prozession darf sogleich unterbleiben, da sich die Gemeinde- und Kirchenverwaltung als solche nicht beteiligen, sondern nur einige Bauern aus den vordersten Stühlen und auch diese müssen vom Mesner erst mühsam herbeigebracht werden“.

Wallfahrt als Zumutung für den Pfarrer?

In einem Schreiben vom 18. April 1869 an den Münchner Erzbischof erläutert der Erhartinger Pfarrer Wunibald Löffler warum er für diese Wallfahrt nicht „eingenommen“ ist, es werde gar dem Pfarrer zugemutet, mitzugehen. Schließlich gebe es in hiesiger Pfarrkirche auch einen Sebastiansaltar mit dem Bildnis dieses Heiligen. „Es wäre sehr zu wünschen, der größeren Pietät der Pfarrangehörigen gegen ihre eigene arme Pfarrkirche die so notwendige Restauration von Altar und Bild zu ermöglichen. Die Wallfahrt nach Ebersberg möge jedem unbenommen bleiben, die Begleitung durch einen Priester aber namentlich des Pfarrers ohne Hilfspriester kann nicht gerechtfertigt werden.“

Wallfahrt ist kein Vergnügungszug

Das Antwortschreiben traf Ende April im Erhartinger Pfarramt ein. Darin heißt es: Die kirchlichen Bittgänge seien „am Markustage und an den Bittgangstagen unter strengkirchlicher Ordnung in zu entfernte Kirchen anzustellen. Bittgänge nach eigener Wahl einzuführen habe das Pfarramt nicht unbedingt der Gemeinde zu überlassen. Es könne dem Pfarrer nicht gestattet werden, dass er am Pfingstmontag den ordentlichen Pfarrgottesdienst unterlässt, um einen 14 Tagstunden langen Bittgang zu halten. Es gehe nicht an, mit einigen Pfarrkindern diese Andacht zu machen, „dagegen die große Pfarrgemeinde drei Tage lang ohne Seelsorgpriester zu lassen“. Wenn „Wallfahrer darin einen Vergnügungszug erblicken und auch ihr Verhalten beliebig darauf einrichten, statt im Bußgeiste zu wandeln, so muss die Gemeinde ebenso ernst als väterlich erinnert werden, dass Bittgänge sofort abzustellen sind, welche den Geist derselben verlassen haben, oder gar zu Ärgernissen entartet sind“.

Diesen Brandbrief des Ordinariats, verbunden mit der Gegenwehr des Ortspfarrers, dürfte den Schlusspunkt zur jahrhundertelangen Wallfahrtshistorie nach Ebersberg gesetzt haben. Trotz dieser „Abfuhr“ pilgerten die Erhartinger im Jahr 1869, wenn auch zum letzten Mal, zum Heiligen Sebastian nach Ebersberg.

Das „wandelnde Volk Gottes“

Seitdem sind nun etwas mehr als 150 Jahre vergangen. Vielleicht kann die derzeitige Situation die ja auch an die schlimmen Epidemien längst vergangener Jahrhunderte drastisch erinnert dazu führen, das eine oder andere Wallfahrtsgeschehen wieder zu beleben. Pilgern galt schon immer als wichtiges Gemeinschaftserlebnis und kommt mit seiner Jahrtausende alten Tradition dem Bedürfnis der Menschen nach Sinnsuche und Spiritualität voll entgegen. Auch die Kirche wird schon seit alten Zeiten als das „wandelnde Volk Gottes“ bezeichnet, pilgern ist sozusagen auch das „Ergehen des Glaubens“. Nach wie vor kommt eine Pilgerreise der Sehnsucht der Menschen entgegen, zur Ruhe zu kommen, um neue Kraft und Lebensfreude zu finden.

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