Wegen Klopapier-Hamsterkäufen streikt die Kläranlage in Neumarkt-St. Veit

Aufgabe des Rechens an der Neumarkter Kläranlageist es, große Teile zu filtern. Bei einer zu großen Konzentration von Feuchttüchern stößt der Rechen aber schnell an seine Grenzen. Stadt Neumarkt-St. Veit
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Rechen verstopft: Warum sich die Corona-Krise auch in Kläranlagen bemerkbar macht und welche Rolle dabei auch Homeoffice spielen kann.

Neumarkt-St. Veit – „Bitte macht unsere Kläranlage nicht kaputt!“ Diesen eindringlichen Appell richtet Neumarkt-St. Veits Bürgermeister Erwin Baumgartner an die Einwohner von Neumarkt-St. Veit.

In den sozialen Netzwerken hat der Gemeindechef der Rottstadt ein Bild veröffentlicht, das den Rechen der städtischen Kläranlage zeigt. Oder eben nicht. Denn der Rechen ist nicht mehr als solches zu erkennen. Feinfaseriges Material hat sich um den Rechen gewickelt. Der Klärwärter musste ran, um den Rechen zu reinigen und wieder in Gang zu bringen.

Sogar Unterhosen in der Kanalisation

Immer wieder kommt es dazu, dass Pumpen außer Betrieb gesetzt werden oder die Kanalisation verstopft, weil die Bürger nicht die Regeln befolgen, was in die Toilette geworfen werden darf und was nicht. Sogar Unterhosen hat man in Neumarkt-St. Veit schon aus dem Abwassersystem beseitigt. Dass jetzt erneut einzelne Kanalelemente streiken, liegt auf der Hand: „Die Leute benutzen in letzter Zeit offenbar vermehrt Küchenrolle, Taschentücher und Babyfeuchttücher und spülen diese in der Toilette hinunter. Und das bereitet uns Probleme“, ärgert sich Bürgermeister Erwin Baumgartner.

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Alles Stoffe, die nämlich nicht in die Toilette gehören. Denn aufgrund ihrer unterschiedlichen Anforderungen hätten diese Reinigungsstoffe auch andere Eigenschaften und Zusammensetzungen als Toilettenpapier, erklärt Klärwärter Stefan Zettel, der die Kläranlage in Neumarkt-St. Veit in Schuss zu halten hat. „Herkömmliches Toilettenpapier ist darauf ausgelegt, im Wasser schnell zu zerfasern. Nach zwei Stunden im Wasser ist davon nichts mehr zu sehen“, sagt Zettel. Anders bei Küchenrollen und Taschentücher, die im nassen Zustand deutlich fester seien. „Diese Produkte überstehen teilweise sogar Problem los einen Waschgang in der Waschmaschine“, ergänzt Baumgartner. Und Klärwärter Zettel erklärt: „Besonders Feuchttücher bestehen aus sehr widerstandsfähigen Fasern. Die lassen sich ziehen wie ein Kaugummi, ohne dass sie reißen.“ Umso hartnäckiger sind Feuchttücher, die in den Klärprozess geraten. „Sie wickeln sich um die Pumpe, die immer mehr Strom zieht, damit sie weiterlaufen kann. Dann kann es passieren, dass sie überlastet ist und heiß läuft. Im schlimmsten Fall überhitzt der Motor und das Ding geht kaputt.“

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Pumpen und Rechen zu reinigen, „das ist nicht gerade der schönste Job“, sagt Zettel, der an die Bevölkerung appelliert sorgsam mit den Reinigungs- und Küchentüchern umzugehen, diese ebenso wie Feuchttücher besser über den Restmüll zu entsorgen.

Dass er in den vergangenen Tagen mit besonders viel Feuchttüchern im Rechen konfrontiert war, macht Zettel an der Corona-Krise fest. Die Klopapier-Hysterie verbunden mit Hamsterkäufen von Toilettenpapier würde dazu führen, das wiederum in anderen Haushalten Toilettenpapier fehlen würde. Die Alternativen? Taschen-, Küchen- und Feuchttücher. Böse Absicht will Zettel den Menschen nicht unterstellen, aber offensichtlich fehlt es an der nötigen Info. Wer würde schon ahnen, dass auch Küchenpapier nicht in die Kanalisation soll?

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Über die Klopapier-Diaspora in Neumarkt-St. Veit hinaus spricht der Klärwärter noch ein anderes Phänomen an, das ihm im Austausch mit befreundeten Fachkräften anderer Kläranlagen mitgeteilt worden ist. „Dadurch, dass sehr viele Menschen aktuell im Homeoffice sitzen und nicht mehr pendeln, werden mancherorts die Kapazitäten von Kläranlagen stark beansprucht. Man kommt an die Leistungsgrenze.“

Ersatzteilbesorgung ist sehr schwierig

Das sei bei der Kläranlage in Neumarkt-St. Veit noch nicht der Fall. Doch Zettel macht sich schon Gedanken darüber, sollte die unverantwortliche Entsorgung von schlecht zu verwertenden Tüchern anhalten. Sollte eine Pumpe wegen eines Defekts ausfallen, sei dies zwar ärgerlich, aber noch kein Problem, „schließlich gibt es eine Ersatzpumpe“. Problematisch werde es nur, wenn sich Reparaturarbeiten wiederholten oder gar die Ersatzpumpe auch noch ihren Geist aufgeben würde. „Die Neumarkter Kläranlage stammt aus dem Jahr 1972. Es ist schon jetzt schwierig, Ersatzteile zu bekommen. Das kann bis zu zwei, drei Wochen dauern.“ Wenn dann auch noch das Ersatzpumpe streikt, kann es zum ,Worst Case‘ kommen. „Bevor die Anlage absäuft, fließt das Zeug über den Notüberlauf in den Bach, was der Umwelt sicher nicht gut tut.“ Das könne nicht im Sinne aller sein, appelliert er an die Vernunft der Leute. Bürgermeister Baumgartner ist da mit seiner Aufforderung schon etwas direkter: „Hört auf mit den Hamsterkäufen, dann bekommt jeder Toilettenpapier!“

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