Keine Kunden, keine Abnehmer: Wenn Steckzwiebeln und Brokkoli auf dem Kompost landen

„Wir regionalen Erzeuger werfen alles weg, weil wir nicht als Grundversorger anerkannt sind. Und die großen Discounterdürfen weiterhin ihre Pflanzerl und Frühlingsblüher aus Holland verkaufen.“ Michael Lächele hat bereits 120 000 Pflanzen auf seinen Kompost werfen dürfen, weil er auf Weisung des Mühldorfer Ladratsamtes Corona-seid-Dank seinen Betrieb schließen musste. Enzinger

Wegen der immer noch steigenden Anzahl von Infektionen durch das Corona-Virus bleiben Gärtner auf ihren Pflanzen sitzen, Discounter jedoch dürfen weiterhin ihre Frühlingsblüher verkaufen. Ein Missstand, den der Neumarkt-St. Veiter Gärternmeister Michael Lächele heftig kritisiert.

Neumarkt-St. Veit – 120 000 Gemüsepflanzerl. Alles landet auf dem Kompost. Die Arbeit der letzten Wochen – für die Katz. Wenn Michael Lächele seine Pflanzen entsorgen muss, vergräbt er einige tausend Euro unter der Erde.

 „Wir sind im fünfstelligen Bereich“, rechnet der 30-jährige Gartenbauer den bislang erlittenen Schaden vor. Verkaufen kann er sie nicht, weil er wegen der Corona-Krise nicht aufsperren darf. Im Gegensatz zu den Discountern, die neben Lebensmitteln natürlich weiterhin Tulpenzwiebeln, Primerl und Salatpflanzen verkaufen dürfen.

Besuch in den Gewächshäusern in Teising.

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Es ist grün. Herrlich grün. Der Frühling hält Einzug. Zum Start in die Pflanzzeit hatte er Hundertausende Setzlinge – Steckzwiebeln, Salatpflanzerl, Brokkoli, Kohlrabi – gezogen. Ein buntes Farbenspiel in den anderen Gewächshäusern, wo Stiefmütterchen und Primeln als erste pünktlich zur Osterzeit Farbe in den Garten bringen sollten. „Doch wenn ich nächste Woche nicht aufsperren darf, landet das alles auf dem Kompost“, ärgert sich Lächele, der kein gutes Haar an den Behörden lässt.

Bei allem Verständnis für Anordnungen, welche die Ausbreitung des Corona-Virus eindämmen sollen. Doch besonders bei den Vorgaben aus dem Gesundheitsamt fehlt ihm jegliches Verständnis. „Freitag und Samstag durfte ich noch verkaufen, Montagmorgen plötzlich nicht mehr. Nachmittags dann schon wieder, doch seit Dienstag habe ich komplett geschlossen. Behördliche Anordnung“, erzählt der 30-Jährige.

Discounter werden massiv aufrüsten

Verärgert ist er, weil nicht überall der gleiche Maßstab angesetzt wird. „Interessant ist, dass die Discounter in der nächsten Woche massiv aufrüsten mit Frühjahrsblüher und anderen saisonalen Pflanzen. Doch wir Gärtner schauen mit dem Ofenrohr ins Gebirg’.“

In den Supermärkten gebe es keine Sicherheitsmaßnahmen, Abstände würden nicht eingehalten. „In den Discountern stehen die Leute viel enger beieinander. Wir Gärtner hingegen können die Abstände einhalten. Wir könnten das ohne Probleme kontrollieren, weil wir nur einen ins Geschäft reinlassen.“

Gärtnermeister befürchtet starke Einbußen

Während Gärtnereibetriebe im Landkreis Mühldorf die Anweisung aus dem Landratsamt hätten, zu schließen, sei es im Nachbarlandkreis Traunstein, erlaubt, den Betrieb zu öffnen. Lächele zitiert aus einem Schreiben, datiert auf Mittwoch, 25. März, wonach es einem Gärtnereibetrieb „zum Verkauf von Produkten in Form von Lebensmitteln oder zur Versorgung des täglichen Bedarfs wie Gemüse, Gemüsepflanzen, Kräuter oder Salatgut“ erlaubt sei, zu öffnen. „Offensichtlich werden die Weisungen der Regierung von Landkreis zu Landkreis unterschiedlich interpretiert.“

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Für Lächele ist das eine „Riesensauerei, denn es werden einige Gartenbaubetriebe eingehen“. Er spricht im Landkreis von einer Gruppe von 25. „Über die Hälfte wird diese Krise nicht überleben, denn in den nächsten zwei, drei Wochen ist die Zeit, in der wir eigentlich 30 Prozent vom Jahresumsatz machen würden. Das ist brutal.“

Lächele hat reagiert, sich mit der Gärtnerei Igerl in Ampfing zusammengetan und Politiker angeschrieben, unter anderem auch den Landtagsabgeordneten Dr. Marcel Huber, der seine Unterstützung zugesagt habe.

Auch eine Petition sei in Planung. 50 Gärtner aus den Landkreisen Mühldorf, Landshut, Traunstein, Rosenheim, Rottal-Inn, so Lächele, würden die Forderung zur Öffnung des Betriebes und zur Anerkennung als Grundversorger unterstützen.

Lächele spricht auch von einem psychologischen Aspekt: „Die Leute sind doch ohnehin schon dazu verdonnert zu Hause zu bleiben. Sie könnten jetzt ihre Hochbeete ansetzen, raus in den Garten gehen, um keinen Lagerkoller zu bekommen.“

Lächele zählt ein Argument nach dem anderen auf. „Wenn wir weiterhin unsere Erzeugnisse verkaufen dürften, dann wären wir auch nicht abhängig von staatlichen Hilfen.“

Landratsamt behält strenge Linie bei

Alle diese Argumente greifen allerdings nicht. Das Landratsamt in Mühldorf bleibt seiner strengen Linie treu. Wörtlich heißt es auf Anfrage: „Die Regelungen, welche Betriebe geschlossen bleiben müssen, wurden nochmals verschärft und konkretisiert.“

Nach Angaben der Pressestelle am Landratsamt Mühldorf hätten das Bayerische Gesundheitsministerium und das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) eine klare Weisung an alle Kreisverwaltungsbehörden erlassen, dass alle Gärtnereien ausnahmslos zu schließen seien. „Es besteht hier kein Ermessensspielraum!“ Nach Rücksprache mit dem Landratsamt Traunstein seien entsprechende Gärtnereien in diesem Landkreis über die Änderung beziehungsweise notwendige Schließung informiert worden.

Damit bleibt Michael Lächele also nur eine Wahl: Selbst ausliefern. Immerhin kann er seine Produkte über den Edeka-Markt von Wolfgang Groß in Neumarkt-St. Veit verkaufen, mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein sei das aber nicht:. „Mir tut es in der Seele weh, wenn ich meine Pflanzen wegwerfen müsste.“ Eines ist ihm klar: „Wenn wir in den nächsten beiden Wochen nicht aufsperren dürfen, ist es vorbei!“

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