Künstler in Existenznot

Keine Auftritte, keine Gage: Neumarkter Blasmusik-Profi schlägt wegen Corona Alarm

Es bleibt das Tonstudio oder das Proben in den eigenen vier Wänden: Simon Winbeck musste wegen Corona in diesem Jahr auf viele Jobs verzichten. Er fordert mehr Präsenz einheimischer Künstler und deren Stücke im Radio.
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Es bleibt das Tonstudio oder das Proben in den eigenen vier Wänden: Simon Winbeck musste wegen Corona in diesem Jahr auf viele Jobs verzichten. Er fordert mehr Präsenz einheimischer Künstler und deren Stücke im Radio.
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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Radiosender sollen in Pandemie-Zeiten mittellose Musiker unterstützen. Das steckt hinter der Idee des Neumarkt-St. Veiter Komponisten Simon Winbeck.

Neumarkt-St. Veit – Die Blaskapellen schweigen und mit ihnen jeder einzelne Musiker und deren Instrumente. Die Pandemie fordert in dieser Branche seit Monaten ihren Tribut. Was für Hobbymusiker der Verzicht einer lieb gewordenen Freizeitbeschäftigung ist, hat für Berufsmusiker existenzielle Bedeutung. Einer dieser Musiker ist Simon Winbeck – Trompeter, Komponist und Arrangeur – dem durch die Corona-Krise viele öffentliche Auftritte verwehrt geblieben sind.

160 Jobs gingen wegen Corona flöten

„Es dürften insgesamt 160 Jobs sein, die weggefallen sind“, bedauert der 32-jährige Berufsmusiker, der zwar noch an zwei Tagen Unterricht an der Musikschule Vilsbiburg gibt. Doch mittlerweile arbeitet er auch als Landmaschinenmechaniker auf 450-Euro-Basis, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Dass es aufgrund von Corona kaum mehr Möglichkeiten gibt, musikalisch Geld zu verdienen, sieht Winbeck ein. „Doch wäre es im Moment nicht eine super Möglichkeit für Radiosender, den regionalen Interpreten und Komponisten unter die Arme zu greifen, indem man deren Titel ins Programm aufnimmt beziehungsweise spielt“, fragt sich der Neumarkter und erntete mit einem entsprechenden Post auf Facebook viel Zustimmung, vor allem von Musikerkollegen.

Winbeck fordert größere Wertschätzung einheimischer Musiker

Seiner Meinung nach gebe es in Bayern unzählige hervorragende Blasmusikformationen „und ebenso viele super Komponisten.“ Er stellt die Notwendigkeit in Frage, im Radio Stücke zu senden, von dessen Komponisten nur noch Nachfahren profitieren. Er hält es stattdessen in der momentanen Situation für angebracht, eher der schon erheblich angeschlagenen Musikszene etwas Gutes zu tun.

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Winbeck: „Es muss nicht immer der alte Trott sein!“

„Es wird in unserer Gegend so viel Gutes produziert, es muss doch nicht immer der alte Trott laufen“, sagt Winbeck, der die Blasmusik im Aufwind sieht. Festivals, wie das „Woodstock der Blasmusik“ im österreichischen Ort im Innkreis hätten großen Anteil daran, dass Blasmusik auch wieder verstärkt von Jüngeren gehört wird. „Oder das Stadlbrass vor zwei Jahren in Aschau. Das war ein phänomenaler Erfolg, auch weil dieses Festival sämtliche Genres abgedeckt hatte“, sagt der Trompeter, der bei den „Musikatzen“ mitwirkt. „Weniger ist mehr“, „Ein Tag mit Dir“ oder „Ein ruhiger Abend“ sind so Stücke, Walzer und Polka, die Winbeck komponiert hat und die in den einschlägigen Kanälen zum Download zur Verfügung stehen. Deswegen findet es der 32-Jährige auch so wichtig, dass die Stücke im Radio laufen, um überhaupt bekannt zu werden. „Mir ist natürlich klar, dass an von den Tantiemen alleine nicht reich wird.“

Immerhin: Der „Riesenradwalzer“ wird auch von anderen gespielt

Das weiß auch der Neumarkter Sepp Eibelsgruber, dem als Trompeter lukrative Jobs wie mit den „Isarspatzen“ auf dem Oktoberfest fehlen. Auch er ist Komponist, hat seine Stücke beim Verlag „Notenland“ platziert, „aber reich wird man davon nicht“. Das Blasorchester-Arrangement seines „Münchner Riesenradwalzer“ gibt es bereits für 39 Euro und er wird auch fleißig gespielt. Das weiß Eibelsgruber von der Gema, wo der Walzer vor Corona bis zu 400 Mal in der Musikfolge angegeben war. „Doch wenn das Stück öffentlich gespielt wird, kommt es auch darauf an, vor wie vielen Leuten.“

Oktoberfest bringt mehr als Vereinsfest

Ein Oktoberfest bringt mehr Geld als ein Vereinsfest, erklärt der 52-Jährige. Seitens des Bayerischen Rundfunks erfuhr eben dieses Stück zumindest Wertschätzung, weil es im Fernsehen ausgestrahlt wurde, gespielt von Eibelsgruber selbst mit den Isarspatzen um Kapellmeister Alois Altmann. „Damit ein Stück durchstarten kann, braucht es große Festivals. Und den richtigen Riecher, was bei den Leuten ankommt.“ Das beste Beispiel: Den Böhmischen Traum gibt es zwar schon seit 1997, sein Komponist Norbert Gälle lebt aber erst richtig gut davon, seit das Stück auf dem Woodstock der Blasmusik auch bei den jungen Leuten bekannt und entsprechend oft runtergeladen wurde, in Notenform und als Audiodatei.

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Künstler dürfen nicht vergessen werden

Immerhin: Unterstützung bekommen Winbeck und Co. von hiesigen Radiomoderatoren wie Thomas Föckersberger. „Musiker wie der Keller Steff schnitzen mittlerweile Puppen, Sängerin Eva Luginger arbeitet wieder als Erzieherin im Kindergarten“, weiß Föckersberger um die Not der Künstler. Föckersberger hat bei Radio Inn-Salzach-Welle feste Sendezeiten und nutzt diese in letzter Zeit verstärkt dafür, um vor allem einheimischen Künstlern eine Plattform zu bieten. „Musikstücke und Interviews“, so Föckersberger. Das mache zwar die Künstlerkassen nicht übermäßig voll, „aber ich leiste meinen Beitrag, damit die Künstler nicht komplett vergessen werden“.

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Dr. Marcel Huber fordert mehr Fenster im Rundfunk

Blasmusik im Radio: Das bietet aktuell der Sender „BR Heimat“ als Internetradio auf hohem Niveau an. Nach Meinung des CSU-Landtagsabgeordneten Dr. Marcel Huber müssten zusätzliche Fenster geschaffen werden, um den Künstlern eine Plattform zu geben. „Und das zu vernünftigen Zeiten“, fügt der Präsident des Musikbundes Ober- und Niederbayern an. Auch in seiner Eigenschaft als Präsident des Bayerischen Musikrats hat Huber das Gespräch mit den Verantwortlichen bereits gesucht.

Präsident des Musikrates bleibt zuversichtlich

Huber berichtet von Gesprächen mit dem Bayerischen Rundfunkrates, mit dem Programmdirektor und Intendanten des Bayerischen Rundfunks, in welchen er eine größere Präsenz von Künstlern im Fernsehen und im Radio gefordert hatte. „Es wird mir aktuell zu viel gekocht und zu viel Sport gemacht. Aber die Breite des Musikschaffens findet nicht den Widerhall, den es eigentlich verdient hätte. Es wird nicht das abgebildet, was der Realität entspricht“, so Dr. Huber. Er sei zuversichtlich, dass hier schnell eine Lösung herbeigeführt werde.

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Einladung zu Fenster- und Balkonkonzerten an Heilig Abend

Wenn es vor Weihnachten mit dem Radio noch nicht klappen sollte, dann seien die Musiker selbst gefordert, auf sich aufmerksam zu machen und in der Adventszeit anderen eine Freude zu machen. So soll es an Weihnachten ein gemeinsames Musizieren auf den Balkonen oder am Fenster geben, so wie es während des ersten Lockdowns bereits viele getan hätten. „Gerade weil es zwischen Weihnachten und Neujahr, wo für viele von uns sonst die Hochzeit der musikalischen Aktivität stattfindet, wieder nicht möglich sein wird, mit unseren Ensembles, Chören und Orchestern aufzutreten, wollen wir Sie alle dazu ermuntern bei unserer Aktion mitzumachen“, informiert DR. Huber.

Ein gemeinsames „O du fröhliche“, gesungen und gespielt

An Heiligabend, 24. Dezember, wird um 15 Uhr dazu eingeladen, auf dem Balkon oder aus dem Fenster zu singen beziehungsweise zu spielen. Gemeinsam gilt es, zuerst „O du fröhliche“ anzustimmen und dann „Alle Jahre wieder“, wie der Präsident des Musikrates mitteilt. „Damit wollen wir einerseits ein gemeinschaftliches, musikalisches Erlebnis schaffen und andererseits ein Zeichen der Solidarität in dieser schwierigen Zeit setzen.“ Einen Textzettel und Noten sowie mp3-Dateien dazu gibt es auf der Internetseite des Musikrates.

Auch Landtagsabgeordneter Huber nimmt seine Tuba in die Hand

Die Stücke sind laut Huber bewusst so ausgewählt, dass nicht nur Sänger und Musiker diese meistern, sondern dass auch möglichst viele andere Menschen mitmachen können. „Deshalb bitten wir Sie, möglichst viele Menschen aus der Nachbarschaft zum Mitmusizieren zu animieren, damit die Aktion ihre ganze Kraft entwickeln kann“, so der Aufruf Hubers, der an Heilig Abend mit meiner Frau, mit Tuba und Klarinette, auf seinem Balkon in Ampfing stehen wird, aber sich schon jetzt auf das gemeinsame Muszieren freut. „Damit wollen wir zeigen, wie sehr wir uns schon wieder auf künftige gemeinsame Auftritte freuen und dass wir Musiker uns von der Pandemie nicht unterkriegen lassen!“

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