75 Jahre Kriegsende

In Neumarkt-St. Veit liegen 392 KZ-Häftlinge aus dem Lager Mühldorfer Hart begraben

Ein Korb, gefüllt mit Blumengebinden, jeder, der will darf sich bedienen: Immer am 8. Mai, dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland und Europa, steht Reinhard Schmidt im KZ-Friedhof von Neumarkt-St. Veit, um die Blumen zu verteilen, im stillen Gedenken an die 392 namenlosen Opfer des NS-Regimes.

Neumarkt-St. Veit – Das wird am Freitag, da sich das Kriegsende in Deutschland zum 75. Mal jährt nicht anders sein. Seit 1985 hält Schmidt damit seinen Beitrag für die Erinnerungskultur. „Es führt zwar eine Bundesstraße am Judenfriedhof vorbei. Doch kaum jemand nimmt davon Notiz. Das darf nicht sein“, betont der inzwischen 80-jährige Schmidt. Die Zeit der Greueltaten unter Adolf Hitler dürfe niemals aus dem Bewusstsein der Gesellschaft getilgt werden, mahnt der betagte Neumarkter. Er selbst hatte die Idee dazu, zusammen mit den Grünen in der Rottstadt, die 1984 anlässlich der Kommunalwahlen erste Überlegungen in ihr Programm aufgenommen hatten gegen das trostlose Dasein des Friedhofes etwas zu unternehmen. „1985 sind wir dann von der Stadt aus raufmarschiert, mit Blumen. Und von da an Jahr für Jahr!“, berichtet Schmidt. Und es ist ein gewisser Stolz herauszuhören, dass es in diesen 35 Jahren immerzu möglich war, das Gedenken aufrecht zu erhalten. Ob bei Wind oder Regen – Reinhard Schmidt stand bereit.

„Tibor Dembik war immer dabei!“

Parteien schlossen sich dem Gedenktag, „zunächst Franz Luferseder und seine SPD“, weiß Schmidt ganz genau. Bürgermeister Rudi Berghammer folgte und mit ihm weitere Stadträte. „Tibor Dembik war immer mit dabei“, ergänzt der 80-Jährige, wenn er an den Neumarkter Unternehmer denkt, der den Holocaust in Ausschwitz überlebt hatte und dem die Stadt zum Gedenken einen „Tibor-Dembik-Ring“ gewidmet hat.

Auch kann sich der 80-Jährige noch daran erinnern, dass auchMax Mannheimer, ebenfalls Überlebender der Schoah, einst eine Gedenkveranstaltung in Neumarkt-St. Veit besucht hatte. „Anschließend gab es eine Diskussion mit Mannheimer beim Schmidwirt“, erzählt Schmidt. Wann das genau war, weiß der Neumarkter allerdings nicht mehr.

Doch wenn er von der KZ-Gedenkstätte in Neumarkt-St. Veit berichtet, dann bringt der 80-Jährige auch den Namen Gottfried Schmid ins Spiel, ehemaliger Grünenkreisrat, der es erreicht hatte, dass am KZ-Friedhof ein Hinweisschild am Eingang der Gedenkstätte angebracht wird. Daraus ist zu entnehmen, dass es insgesamt 392 Opfer des Nationalsozialismus sind, die dort begraben liegen.

Leichen mussten exhumiert werden

Der geschichtliche Hintergrund des Judenfriedhofs: Nach dem Einmarsch der amerikanischen Truppen im Mai 1945 wurden auch die letzten verbliebenen Häftlinge des KZ-Lagers im Mühldorfer Hart (Nähe Mettenheim) befreit. 1944 wurde in dem weitläufigen Waldgebiet von den Nationalsozialisten ein Rüstungsbetrieb aufgebaut, in dem das neuentwickelte Düsenjagdflugzeug Me 262 produziert werden sollte. Als Arbeitskräfte werden Tausende KZ-Häftlingen in einem Lager untergebracht, in dem über 2000 Menschen zu Tode kamen. Die Toten verscharrte man in Massengräbern am sogenannten Kronprinzenstein, unweit des Lagers. Überlebende KZ-Häftlinge führten nach ihrer Befreiung die amerikanischen Soldaten zu diesen Gräbern.

Die amerikanische Militärregierung beschloss diese Leichen exhumieren und in dafür eigens angelegten KZ-Friedhöfen in Mühldorf, Kraiburg, Burghausen und Neumarkt-St. Veit umzubetten zu lassen und ihnen damit eine würdige letzte Ruhestätte zu geben.

Am 27. August 1950 fand die kirchliche Einweihung der Gedenkstätte vor den Toren von Neumarkt-St. Veit statt. Weitere solcher Gedenkstätten gibt es in Kraiburg und in Mühldorf. Jani/Stadtarchiv

Ab April bis August 1946 wird in Neumarkt-St.Veit ein solcher KZ-Friedhof am Ortsausgang Richtung Mühldorf neben der Bundesstraße errichtet. Die Arbeiten müssen durch Mitglieder der NSDAP aus dem Bereich Neumarkt-St. Veit erledigt werden.

Nach dessen Fertigstellung werden 392 Leichen des Konzentrations- Lagers Mettenheim nach Neumarkt-St. Veit überführt und menschenwürdig beerdigt.

Der Gesamtbetrag für diese Exhumierungen wird am 4. Juni 1946 vom Bürgermeister der Stadt Mühldorf mit 23 500 Reichsmark angeben und anteilsmäßig auf die jeweiligen Gemeinden umgelegt. Die Marktgemeinde Neumarkt-St. Veit musste 8000 Reichsmark überweisen.

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Am 14. und 15. September 1946 wird der Friedhof in einer schlichten Feierstunde seiner Bestimmung übergeben.

In den darauf folgenden Jahren wird jeweils am 14. September ein Gedenktag der Opfer des Faschismus abgehalten. Mitte Oktober 1946 gibt es eine schriftlich geäußerte Kritik vom Stadtbauamt Mühldorf wegen des ungepflegten Zustandes des neuen Friedhofs. Daraufhin werden seitens der Marktgemeinde Neumarkt-St. Veit bis 1952 weitere Verschönerungsmaßnahmen in Angriff genommen. Die offizielle kirchliche Einweihung des Neumarkter KZ-Friedhofs nimmt am 27. August 1950 der Weihbischof der Erzdiözese München-Freising Dr. Neuhäusler in Anwesenheit hoher Mitglieder des Ministeriums vor.

Ausstellung, Mühlrad und Filmprojekt

Seit 1952 ist für die Unterhaltung des Friedhofes nicht mehr die Gemeinde zuständig, sondern der Freistaat Bayern, heute die bayerische Schlösser- und Seenverwaltung.

Der 14. September als Gedenktag der Opfer des Faschismus wurde relativ schnell abgeschafft, das ganze Thema verdrängt. Als im Jahre 1981 ein heimatgeschichtlicher Bericht zum Thema „KZ-Mettenheim“ im vom Heimatbund Mühldorf herausgegebenen Schriftwerk „Das Mühlrad“ erscheint, gerät das Thema wieder in den Fokus des öffentlichen Interesses. Dieses wird verstärkt durch eine im Jahre 1984 eröffnete Ausstellung über die NS-Zeit und das KZ-Lager im Kreismuseum Lodronhaus in Mühldorf. Vier Jahre später erscheint ein Film mit dem Titel „…mit 22 Jahren wollte man noch nicht sterben“. Darin berichten ehemalige KZ-Häftlinge über ihre Erlebnisse im Lager Mühldorf-Mettenheim. Natürlich wurden auch die umliegenden KZ-Friedhöfe wieder ein Hort des geschichtlichen Interesses.

Und es ist Menschen wie Reinhard Schmidt zu verdanken, dass die Erinnerung an diese Zeit auch in Neumarkt-St. Veit nicht verblasst. Aber außerhalb dieses festen Termins am 8. Mai gibt es immer wieder bewegende Feierlichkeiten, so im Jahre 2008 als Rudolf und Edith Tessler aus Chigago (USA) drei Gedenksteine für ihre im KZ-Lager Mettenheim gestorbenen Verwandten aufstellen ließen.

Über das Leben der KZ-Häftlinge im Mühldorfer Hart gibt esim Haberkasten in Mühldorf eine Dauerausstellung mit dem Titel „Alltag, Rüstung und Vernichtung“. Sie behandelt die Themen NSDAP vor dem Krieg, thematisiert den Rüstungsbunker und KZ-Lager, geht auf die Nachkriegszeit ein und widmet einen Teil auch der Verarbeitung der damaligen Ereignisse. Wegen der Corona-Krise ist die Ausstellung aktuell jedoch nicht geöffnet.

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